Von Trauben zu Uhren und mechanischen Musikinstrumenten

Von Trauben zu Uhren und mechanischen Musikinstrumenten

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Wer von Thun per Schiff nach Oberhofen reist, kann es nicht übersehen: Das Wichterheer-Gut fängt mit seinen markanten Gebäuden jeden Blick ein. Beinahe neckend steht es dem Niesen mit erhobenem Haupt gegenüber. Ein Haus mit Charme und Charakter.

Text und Bilder: Rebekka Affolter

Knarrende Böden, schiefe Treppen, von Hand gefertigte Fresken und Wandmalereien, die unter neuem Putz geborgen werden mussten, erzählen die Geschichte des Wichterheer-Guts, lassen Betrachter:innen von längst vergangenen Tagen träumen und unbekannte Zeiten vermissen.

Das Gut besteht aus dem Haupt- und dem sogenannten «Gesindehaus» sowie einer Scheune. Geschmückt wird das Anwesen mit zwei Innenhöfen und einem Garten. Heute gehört die Liegenschaft dem Kanton Bern, die Stiftung Wichterheer MUMM (Museum für Uhren und mechanische Musikinstrumente) hält das Haupthaus im Baurecht. Adrian Straubhaar ist seit 10 Jahren Präsident dieser Stiftung. Für ihn ist klar: «Das Wichterheer-Gebäude ist das schönste Haus am Thunersee.» Warum? «Es ist wunderschön gebaut und zudem fantastisch gelegen», meint er. Direkt am See, direkt gegenüber dem Niesen. Die Erbauer wussten, was sie taten. Selbst durch die Jahrzehnte hindurch ist zu erkennen, was sie mit dem Gebäude sagen wollten.

Eine lange Geschichte

Auch Adrian König, Präsident des Vereins MUMM, der das Museum im Erdgeschoss und im Gewölbekeller führt, findet: «Das Wichterheer-Gut ist eine Augenweide.» Er hängt an: «Die Gebäude sind mit handwerklichem Können und Sorgfalt gebaut.» Letztere fehlen in der heutigen Bauindustrie teilweise. Immer gleiche Reihenhäuser werden eines nach dem anderen produziert. Ohne Charme und Charakter.

Ganz anders als im 13. und 14. Jahrhundert. Bis dort reicht die Geschichte des Guts. Die ritterlichen Herren von Wichtrach – daher der Name – bauten ein Herbsthaus zur besseren Nutzung der Reben. Immerhin war das Wichterheer eines der grössten Rebgüter am Thunersee. Wo heute Tennisclub, Sportzentrum und Hallenbad stehen, wuchsen früher Trauben, die Gewölbekeller waren gefüllt mit Fässern voller Rebensaft.

Über die Jahre hinweg ging das Gut durch die Hände verschiedener Berner Patrizierfamilien – bis die Familie von Mandach das Haus 1948 an den Kanton verkaufte. Nicht alle Details zum Wichterheer sind uns heute bekannt, erklärt Straubhaar. «Ein Projekt zur Aufarbeitung der Geschichte konnte bis anhin nie ganz durchstarten.» Eine Chronik des Guts zu erstellen, sei aber noch immer «ein Herzenswunsch». Es gäbe viel zu erzählen. Ob edle Damen und Herren von damals, eine Jugendherberge, ein Zahnarzt, ein Alternativmediziner oder ein Museum mit Werken weltberühmter Maler – das Haus hat schon viel gesehen und beherbergt.

Manchmal schliesst sich dabei ein Kreis. In einem der Ateliers – dazu später mehr – ist Hans von Mandach mit seiner Horst-Haitzinger-Karikatur-Sammlung eingemietet – ein direkter Nachkomme ebenjener von Mandach, in dessen Familie das Gut zuletzt im Privatbesitz war. «Er kann sich noch an Besuche bei seiner Grossmutter in diesem Haus erinnern», erzählt Straubhaar. Er ist nicht der Einzige, dessen Biografie sich mit dem Gut kreuzt. «Viele Besucher:innen erzählen uns von ihren Aufenthalten in der Jugendherberge.»

Ein Haus für Uhren und Musik

Anstelle von Betten befindet sich im Haupthaus heute das Museum für Uhren und mechanische Musikinstrumente. Letztere stammen hauptsächlich aus der Sammlung der Kurt-Matter-Stiftung, die im Haus der Musik im Gesindehaus den Rest der Sammelstücke beherbergt. Im Haupthaus befinden sich zudem Ateliers für Kulturschaffende, im früheren Gesindehaus die Wohnung von Kurt und Ursula Matter.

Zurück zum Museum. Seit 30 Jahren können im Wichterheer-Gut alte Uhren und mechanische Instrumente bestaunt werden. Warum sich das Haupthaus besonders für diese Ausstellung eignet? «Die ältesten Uhren hier sind so alt wie das Haus selbst», erklärt Adrian König. «Die Sammelstücke können in ihrem historischen Kontext ausgestellt werden. Zudem gebe es Parallelen zwischen Architektur und Uhrmacherei: Während das Haus schmuckvoller wurde, mit mehr Dekorationen und Malereien, wurden auch die Uhren immer mehr verziert.

Angefangen hat das Museum mit Hanspeter Hertig und Kurt Matter. Letzterer sammelte mechanische Musikinstrumente, ersterer Uhren. Zusammen ergibt das eine in der Schweiz einzigartige Ausstellung. Über die Jahre wechselten die Ausstellungsstücke, das Konzept blieb das gleiche.

Ein Raum für Kreativität

Wer dem Museum im Jubiläumsjahr einen Besuch abstatten will, muss sich noch etwas gedulden: Bis zum 4. Mai ist Winterpause. Nur Gruppen können auf Voranmeldung die Ausstellung anschauen. Und sie müssen sich warm anziehen. «Heizen ist im Gewölbekeller verboten», erklärt König. Dies, weil dieser Bereich unter Denkmalschutz steht und Heizen die Mauern beschädigen könnte. Aber keine Sorge: In den Ateliers wurde im Jahr 2020 eine Heizanlage eingebaut. So können die Räume dank einer Luft-Wärmepumpe das ganze Jahr benutzt werden. Warum aber überhaupt Ateliers? Das Wichterheer-Gut «trifft mit diesem Angebot einen Nerv», sagt Straubhaar. «Heutzutage suchen viele Menschen einen Raum für sich, um sich darin kreativ entfalten zu können.» Und was kann man sich mehr wünschen als das Ambiente im Wichterheer? «Viele Besucher:innen sagen: Hier ist ein Kraftort.»

Auch für Straubhaar hat das Haus einen eigenen Charakter: «Weit und breit hat kein anderes Gebäude eine solche Ausstrahlung.» Ein «(An-)Wesen», wie auf dem Prospekt steht, das in den Bann zieht. Wie sehr, merkt man auch am Engagement aller Beteiligten: Stiftung und Museum basieren auf freiwilliger und ehrenamtlicher Arbeit. Es sei wichtig, solche Gebäude zu erhalten, so Straubhaar, «weil es zeigt, woher wir kommen. Wir müssen uns überlegen, wie wir mit unserer Geschichte umgehen.» Und nicht zuletzt: «Am Wichterheer-Gut sieht man die Entwicklung durch die Zeit.» Die Bedürfnisse haben sich verändert und das Haus wurde angepasst. Jede Generation hat ihre Spuren hinterlassen. «Das ist ein Prozess, der noch heute weitergeht.»

Ein gutes Beispiel dafür ist die Wohnung, die Kurt und Ursula Matter im Gesindehaus, im heutigen «Haus der Musik» zur Eigennutzung einrichten konnten. Da das Nebenhaus früher nur über die Laube durch das Haupthaus erreichbar war, musste eine Treppe innerhalb des Gesindehauses her. Der Denkmalschutz erlaubte dies – mit Auflagen. Der Stein musste der gleiche sein wie im Erdgeschoss, dem ehemaligen Trüel, wo die grosse Traubenpresse stand. Das Gesamtbild muss erhalten bleiben.

Apropos Weitergehen: Für die Zukunft hat die Stiftung Wichterheer MUMM einige Pläne im Haupthaus. «Wir möchten gerne den sogenannten ‹Culture Hub Wichterheer› mit dem Betrieb der Ateliers und dem Uhrenmuseum weiterführen», sagt Straubhaar. Zudem sollen die verkehrstechnischen Gänge wie das Foyer vermehrt genutzt werden. Beispielsweise gebe es nächsten Herbst eine Bilderausstellung in Zusammenarbeit mit Hilterfingen-Hünibach-Oberhofen-Tourismus für lokale Künstler:innen. Ansonsten soll weiterhin die gemischte Nutzung angeboten werden, das Museum soll so bleiben, wie es ist. Wobei Straubhaar einräumen muss: «Das ist gefährlich zu sagen. Es verändert sich immer alles.»

Eine Aussage, die auch auf das Gut zutrifft. Die Reben fehlen, die ritterlichen Herren zogen von dannen, aus Traubensaftlager wurde Museum – doch das Wichterheer bleibt. Heute als Tor in die Vergangenheit. Eines Tages wohl als Tor ins Heute.


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