Hoch über dem Thunersee gelegen, verzaubert Le Rüdli – Villa 1878 vom ersten Moment an. Schon beim Betreten des Parks spürt man die besondere Atmosphäre – ein Ort mit viel Herz und einem Hauch von französischem Esprit. Das dezent in apricot gehaltene Schlössli aus dem 19. Jahrhundert strahlt im Morgenlicht und erzählt von längst vergangenen Sommertagen ebenso wie von neuen Hoffnungen. Hier verbinden sich Vergangenheit und Zukunft auf harmonische Weise.
Text: Thomas Bornhauser | Bilder: zvg
Alles beginnt 1878, als Jules Marcuard, Pariser Bankier mit Schweizer Wurzeln, seinen Traum von einem Sommersitz verwirklicht. Im 19. Jahrhundert ist die Bank Marcuard & Cie. eine der bedeutendsten in Europa. Jean-Rodolphe Marcuard, Grossvater von Jules, gehört das Anwesen am Thunersee, das damals rund 60 Hektaren Land umfasst und vom See bis hinauf auf den Moränenhügel reicht.



Le Rüdli – Villa 1878
Nach einem Erbgang wird das Land in eine obere und eine untere Hälfte aufgeteilt. Der obere Teil erbt Jules Onkel Eugène Marcuard, der zusammen mit seinem Bruder Adolphe die Bank in Paris führt. Als 1876 auch der zweite der beiden Onkel ohne Nachkommen stirbt, vererben sie ihrem Neffen nicht nur die Pariser Bankniederlassung, sondern auch das Landgut in Einigen. Jules, inzwischen mit Madeleine Hartmann aus dem Elsass verheiratet und zweifacher Vater, baut 1878 ein Schlösschen für seine wachsende Familie, um in den Sommermonaten der stickigen Pariser Luft zu entkommen.

Bild: Der Salon und Frühstücksraum im Erdgeschoss.
Le Rüdli. Bereits der Name schlägt eine Brücke zwischen zwei Welten: Das französische «Le» verleiht dem Anwesen einen Hauch Savoir-vivre, während Rüdli eine gerodete Wiese zwischen Wäldern bedeutet und an die sagenumwobene Rütli-Wiese erinnert.
Vom Familienbesitz zur Stiftung
Fast ein Jahrhundert bleibt Le Rüdli im Familienbesitz, bis 1973 ein neuer Weg beginnt. Die Urenkelin des Erbauers, Jacqueline Roulet, hegt einen Traum, aus dem Gut einen Ort der Erholung und des Gebets zu machen. Ihre Mutter weiss von diesem Traum und kauft deshalb 1978 den Anteil ihrer Schwester mit Schlössli und sechs Hektaren Land zurück. Ein Jahr später entschieden sich die beiden Frauen, das Erbe ihrer Vorfahren in eine Stiftung einzubringen. Mit viel Herzblut und Weitsicht übertragen sie Le Rüdli in gemeinnützige Hände, geleitet von der Überzeugung, dass dieses besondere Haus ein Ort des Segens für viele Menschen sein soll. Über die Jahre durchläuft die Stiftung verschiedene Phasen, steht immer wieder vor finanziellen Herausforderungen. Doch die Überzeugung, Le Rüdli für kommende Generationen zu sichern, blieb stets bestehen. Dennoch scheint das Ende nahe.


Die Vision
2021 tritt die Stiftung in eine neue Phase. Dringend nötige Renovationen an den verschiedenen Gebäuden wurden aus Geldmangel vertagt, die Stiftung ist per se bankrott. Mitte 2021 wird ein neuer Stiftungsrat gewählt, der gewillt ist, die Institution auf ein solides finanzielles Fundament zu stellen und die Liegenschaften zu sanieren.
Gemeinsam mit ihren Kindern führen heute Sandra und Peter Trachsel (siehe Kästchen) die Stiftung. Sie entwickeln Le Rüdli kontinuierlich weiter und passen es an die Bedürfnisse der heutigen und zukünftigen Gäste an, geprägt von christlichen Werten. Saniert wurde als Erstes die Villa oder das Schlössli, wie es liebevoll von den Einheimischen genannt wird, von 2023 bis 2024.


Heute lässt sich ohne zu übertreiben feststellen, dass die Umsetzung des Projekts vermutlich sogar die Vision von Sandra und Peter Trachsel übertroffen hat. Die Kombination, Altes zu erhalten und zu sanieren sowie mit neuen, sorgfältig ausgewählten Elementen aufzuwerten, ist atemberaubend, sowohl im Innen- als auch im Aussenbereich. Lobende Worte findet «Bauführer und Architekt in Personalunion» Peter Trachsel für die Zusammenarbeit mit den lokalen und kantonalen Behörden (Denkmalpflege!), obwohl selbst hier… drei Baugesuche (Rückbau Fassade, Erneuerung Dach und Sanierung) eingegeben werden mussten.
Der Platz in diesem Bericht reicht nicht aus, um die Sanierung Le Rüdli angemessen zu würdigen, es lässt sich auch bloss erahnen, was für ein finanzieller Aufwand dafür notwendig war. Wir überlassen Sie deshalb den Fotos, die mehr als alle weiteren Worte aussagen. Sicher ist: Besucherinnen und Besucher erwartet ein Aufenthalt fern jeder Hektik.

Bild: Der atemberaubende Blick über den Thunersee und auf die Berner Alpen ergänzt den Rüdli-Charme.
Die Stiftung Le Rüdli
Die Stiftung bezweckt die Förderung und Ausbildung von Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen, die im Gesundheitswesen tätig sind oder die sich durch ihre Tätigkeiten und Hilfsaktionen praktisch und gesamtheitlich in anderen Bereichen zum geistlichen und materiellen Wohle der Gesellschaft einsetzen. Die Stiftung richtet sich in erster Linie an christliche Gemeinden und Werke im In- und Ausland, die sich im Rahmen des Stiftungszweckes engagieren.
Die Stiftung hat ausschliesslich einen gemeinnützigen Charakter. Gewinn und Kapital der Stiftung sind ausschliesslich dem genannten Zweck gewidmet. Sie hat gemeinnützigen Charakter und verfolgt keine Erwerbszwecke.

Bild: Sandra und Peter Trachsel vor dem Pavillon im Le Rüdli – Villa 1878.
Besitzer und Betreiber
Dank ihrer unternehmerischen Tätigkeit und den daraus gewachsenen beruflichen Netzwerken gelang es Sandra und Peter Trachsel ausgewiesene Fachleute aus verschiedenen Disziplinen für das Projekt zu gewinnen. Gemeinsam, vereint durch das Ziel, das historische Schlössli in neuem Glanz erstrahlen zu lassen, setzten alle Beteiligten ihre Kräfte ein und machten die aufwendige Renovation erst möglich. Gemeinsam haben sie Einzigartiges geschaffen, «um der Gesellschaft etwas von unserem Erfolg zurückzugeben.»
Moni und Urs Roost wiederum, ursprünglich aus dem Zürcher Weinland stammend, führen ihrerseits Le Rüdli, sie beide haben mit viel Umsicht an der Sanierung mitgeholfen. «Le Rüdli ist für Urs und mich eine Herzensangelegenheit», sagt Moni.
Le Rüdli – Villa 1878 als Boutique-Hotel bietet neun Doppelzimmer mit Frühstück. Die Ferienwohnung Seeblick eignet sich für vier Erwachsene oder eine Familie mit Kindern. Es ist ein idealer Ort, der Seminarräume für Sitzungen und Retraiten von Unternehmen oder kleinen Gruppen bis neun Personen bietet. Der rustikale Festsaal wiederum eignet sich für Familienfeste aller Art bis 70 Personen.