Das zweite «Rütli» erstrahlt wieder in altem Glanz

Das zweite «Rütli» erstrahlt wieder in altem Glanz

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Neben der Kirche Schwarzenegg steht ein Haus, das lange leer stand und sichtbar verfiel. Wer genauer hinschaut, erkennt: Hier wurde der spätere Bundesrat Ulrich Ochsenbein 1811 geboren – im ehemaligen Wirtshaus «Bären». Massimo und Ursula Arnaldi aus Thun haben das geschützte Gebäude gekauft, gerettet und so saniert, dass die historische Substanz sichtbar bleibt, ohne auf heutigen Komfort zu verzichten. 

Text: Samuel Krähenbühl | Fotos: zvg


Jahrelang fuhr man daran vorbei, ohne gross hinzusehen. Das alte Haus am Strassenrand war leer, angegriffen, dem langsamen Verfall preisgegeben. Nur wenige beachteten die alte Holztafel am Haus, die auf seine bedeutende Geschichte hinwies. Der heutige Eigentümer Massimo Arnaldi nennt es im Rückblick auch das «Rocky-Docky-Huus».



Bild: Als der heutige Eigentümer Massimo Arnaldi das Haus mit Baujahr 1705 erwarb, war es in einem erbärmlichen Zustand, wie dieser eindrückliche Vergleich des früheren Zustands (unten) mit dem restaurierten Gebäude (oben) beweist.

Der erste Kontakt kam über Umwege zustande. Ein Erbe aus der früheren Eigentümerfamilie fragte ihn an, ob er helfen könne. Das Haus stehe seit Jahren leer, der Zustand sei schlecht. Niemand wolle es kaufen, da die Sanierung sehr aufwändig werden dürfte. Beim ersten Besuch erschrak er – und war gleichzeitig fasziniert. Beim zweiten Mal kam seine Frau Ursula mit. Ihre spontane Reaktion: «Willst Du das wirklich kaufen?» Seine Antwort folgte ohne lange Überlegung: «Warum nicht?» Und als Ursula fragte, ob man so etwas überhaupt noch retten könne, fiel jener Satz, der im Gespräch immer wieder auftaucht: «Flicken kann man alles. Das ist nur eine Frage von Zeit und Geld.» Die kurze, aber folgenschwere Antwort seiner Gattin: «Dann flick es!» Die Verhandlungen begannen 2014, der Kauf erfolgte 2015, danach erfolgte die Sanierung.

Geboren im «Bären»: Einer der Gründerväter der modernen Eidgenossenschaft
Dass der spätere Bundesrat Ulrich Ochsenbein am 11. November 1811 hier geboren wurde, war selbst vielen Einheimischen nicht mehr präsent (siehe Kasten). Auch Arnaldi sagt offen, dass Ochsenbein in seinem eigenen Schulunterricht nie Lehrstoff gewesen sei. Umso überraschender war für ihn die Entdeckung der historischen Bedeutung – und der symbolische Hinweis auf 1848: das Gründungsjahr des Bundesstaats. Der Bauherr konnte es kaum glauben: Der Geburtsort des Präsidenten der Verfassungskommission von 1847/1848, also in einem gewissen Sinne das zweite Rütli der Schweiz, war nicht einmal in der Region ein Begriff. Als neuer Eigentümer  machte er es sich zum Ziel, diesen Teil der Geschichte wieder bekannt zu machen. Doch zunächst musste es saniert werden.


Bild: In vielen Details sieht man, wie liebevoll die alten Gebäudeteile wo immer möglich erhalten und originalgetreu wiederhergestellt wurden.


Das Haus war über die Jahrhunderte vieles: Bauernhaus, Badehaus, Wohnhaus, Bäckerei, Kolonialladen und vor allem aber ein Wirtshaus mit dem Namen «Bären-Pinte». Umbauten gehörten zur Geschichte des Gebäudes – nicht immer sorgfältig, oft pragmatisch. Die heutige Front ist nicht original, ein Balkon im ersten Stock fehlt. Das Haus wurde immer wieder angepasst, überformt, kaschiert.


Bild: Beim Umbau gab es auch überraschende Funde: Dieses Schreiben, datierend vom 6. März 1944, weist die späteren Generationen darauf hin, dass die Wand, in der es versteckt war, noch vom Ursprungsbau erhalten war.


K-Objekt ohne Netz und doppelten Boden
Erst nach dem Kauf wurde dem Käufer das ganze Ausmass des Projekts bewusst. Das Ochsenbeinhaus ist ein schützenswertes K-Objekt, die höchste Schutzstufe des bernischen Systems der Denkmalpflege. Umbauen «nach Lust und Laune» ist hier ausgeschlossen. Jede Veränderung ist eine Gratwanderung zwischen Erhalt, Auflagen und heutiger Nutzung. Das Baubewilligungsverfahren war mühsam und langwierig. Der Umgang mit den zuständigen Behörden nicht immer einfach. Arnaldi sagt rückblickend offen: Hätte er die volle Komplexität vorher gekannt, hätte er das Haus vielleicht nicht gekauft.

Einen fertigen Plan gab es zu Beginn nicht. Das Nutzungskonzept entwickelte sich Schritt für Schritt. Vielleicht passt genau das zu diesem Haus. Es ist kein Objekt für klare Schubladen. Es war immer im Wandel – und durfte es auch diesmal bleiben.

Holz von 1705 – und eine Statik, die diktiert
Auch bautechnisch war die Sanierung eine Herausforderung. Das Haus verfügte über keine klassischen Fundamente. Stattdessen lagen Steine, mit Lehm verbunden, unter den tragenden Teilen. In einer Ecke musste das Haus später sogar um rund 30 Zentimeter angehoben werden, um ein weiteres Absacken zu verhindern. Die tragenden Hölzer stammen aus dem Jahr 1705. Für den Bauherrn war früh klar: Diese Struktur darf nicht versteckt werden. Im Gegenteil – sie sollte wieder sichtbar werden. «Man muss schützen, was noch da ist», sagt er.

Besonders prägend sind die sogenannten Binder, die ums Haus herumführen und ihm seine Stabilität geben. Diese Konstruktion bestimmt, wie das Haus funktioniert – und was möglich ist. Nicht der Grundriss gab die Nutzung vor, sondern die Statik. Am Ende ergaben sich daraus vier Wohneinheiten. Die Binder blieben erhalten, wurden punktuell saniert.

Beim Öffnen der Böden und beim Graben kamen Spuren der Vergangenheit zum Vorschein. Zeitungen aus dem letzten Weltkrieg, ein Schreiben mit dem Hinweis, Sorge gegenüber einer verborgenen Originalwand zu tragen. Alte Münzen, mutmasslich aus der Zeit Ochsenbeins, tauchten auf.

Und ein besonderer Fund: ein Grabstein eines kleinen Jungen, der irgendwann als Stütze für einen Balken zweckentfremdet worden war. Die Inschrift lautet: «Nicht verloren. Nur vorausgegangen.» Ein Satz, der bleibt – und dem Haus eine leise Stimme gibt.

Nicht nur sanieren – sondern Ochsenbein wieder sichtbar machen
Für den Eigentümer ist das Projekt nie nur eine Immobiliengeschichte gewesen. Er will, dass man Ulrich Ochsenbein wieder kennt – und zwar dort, wo seine Geschichte greifbar wird: beim Geburtshaus.

Bild: Im Haus sind vier zwei­geschossige Wohnungen eingebaut, welche über neue, aber sehr passende Holztreppen verbunden werden.

Am 18. September 2021 organisierten Massimo und Ursula Arnaldi beim Ochsenbein-Haus eine öffentliche Feier mit über 120 Gästen; die Festansprache hielt der damalige Nationalratspräsident Andreas Aebi. Anschliessend wurde der Gedenkstein zu Ehren Ochsenbeins enthüllt – im Beisein weiterer hochrangiger Ehrengäste wie etwa dem Berner Regierungsrat Christoph Neuhaus und dem damaligen Ständerat Hans Stöckli, sowie der Ehrenformation des Kantons Bern.


Bild: In den Wohnungen ist viel Holz zu sehen. Und natürlich auch kleinteilige Fenster im Sinne des Denkmalschutzes.


Bild: Alte Elemente wie dieser Trittofen blieben erhalten und fügen sich harmonisch in die restaurierte Umgebung ein.

Heute: modernes Wohnen mit Geschichte
Heute ist aus dem einst einsturzgefährdeten Gebäude ein technisch modernes Haus geworden – mit zeitgemässer Haustechnik, Wärmepumpe und vier Maisonette-Wohnungen. Ein Teil des Hauses wird selbstverständlich bewohnt. Ein anderer Teil bleibt bewusst offen für Begegnungen: Die frühere Heubühne (Tenn) wurde als Dachraum neu interpretiert – und genau dort, wo früher Heu lagerte, finden heute auch Anlässe statt.

Bild: Über die ganze Fläche des Hauses findet sich auf der ehemaligen Ebene der
Bühne ein schöner Saal, der ab und zu für Anlässe genutzt wird.

So trat auch schon Bundesrat Albert Rösti an einem Anlass der örtlichen SVP hier auf. Und vor allem dient der grosse Raum heute für allerlei öffentliche Anlässe wie Koffermarkt, Seminare, Hochzeitsapéro und vieles mehr. In einem gewissen Sinne ist also das Haus zu seiner alten Bestimmung zurückgekehrt.


Ulrich Ochsenbein – ein Gründervater aus dem Zulgtal
Ulrich Ochsenbein wurde am 11. November 1811 in Schwarzenegg geboren – im damaligen Wirtshaus «Bären». Als er siebenjährig war, zog seine Familie zunächst ins Waadtland, später nach Nidau ins Seeland. Der Jurist und Offizier gehörte zu den prägenden Figuren der politischen Umbruchjahre in der Schweiz. Nach dem Sonderbundskrieg übernahm er eine Schlüsselrolle beim Aufbau des neuen Bundesstaats: Als Präsident der Verfassungskommission leitete er die Ausarbeitung der Bundesverfassung von 1848. Im gleichen Jahr wurde Ochsenbein in den ersten Bundesrat gewählt – als erster Vertreter des Kantons Bern. Seine Karriere endete politisch abrupt: 1854 wurde er als erster Bundesrat der Schweizer Geschichte nicht wiedergewählt. Seine Bedeutung als Mitgestalter des Bundesstaats bleibt dennoch zentral.


Massimo und Ursula Arnaldi – Bauherrschaft mit Mission
Massimo und Ursula Arnaldi leben in Thun und haben mit dem Ochsenbeinhaus ein Projekt übernommen, das Ausdauer, Geduld und Lust auf Substanz verlangte. Massimo Arnaldi ist unternehmerisch im Bereich Haustechnik/Energie und Wasser tätig (Arnaldi Energie Wasser AG) und daneben auch im Immobilienbereich engagiert. Dieses Know-how floss in die Sanierung ein – ohne dass das Haus seinen historischen Charakter verlor.


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