Uf em Märit: Ein Fest für alle Sinne

Uf em Märit: Ein Fest für alle Sinne

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Welch ein Glück: Zweimal in der Woche haben die Thuner:innen und Menschen aus nah und fern die Möglichkeit, auf dem Märit im Bälliz regionale und überregionale Köstlichkeiten wie frisches Gemüse, Fleisch, Käse und Fisch einzukaufen, Schätze der Hand­werkskunst zu entdecken, ins Gespräch zu kommen oder einfach nur das Flair des Marktes zu geniessen. Ein in jeder Hinsicht inspirierendes Erlebnis!

Text: Maximilian Geiger | Fotos: Maximilian Geiger, Stadtarchiv Thun, Postkartensammlung Marcel Müller


Märkte hatten schon in der Vergangenheit Konjunktur in Thun. So gab es Jahrmärkte und spezialisierte Märkte wie den Korn- oder den Fischmarkt, die jeweils an einem bestimmten Ort in der Stadt abgehalten wurden. Der Ankenmarkt beispielsweise fand regelmässig in der Freihenhofgasse statt.

Bild 1: Stehen für den Märit: Die Engelfiguren am Stand von Agnes Wyss. | Bild 2: Eine Vogelfigur von Beatrice Aebischer.

Als der Thuner Gemeinderat am 19. September 1874 beschloss, mittwochs einen zweiten Wochenmarkt für Lebensmittel einzuführen, hatte er das Interesse und Wohl der Bevölkerung im Blick. Der Standort war von grosser Bedeutung, denn der Bälliz war ein Knotenpunkt für Handelswege und -prozesse in Thun. Noch heute ist morgens die Betriebsamkeit zu spüren, die schon damals geherrscht haben muss, wie historische Aufnahmen belegen. Denn neben den Marktständen gibt es hier zahlreiche Geschäfte, die mit Waren beliefert werden. Diese Entwicklung hängt auch mit der Eröffnung des Bahnhofs Thun im Jahr 1859 zusammen, durch die vor allem die Bebauung im Bälliz angekurbelt wurde. 

Mit der rasanten Entwicklung von Industriebetrieben in Thun Ende des 19. Jahrhunderts und dem Anwachsen der Einwohnerzahl erstarkte auch die Arbeiterschaft, die 1897 die Arbeiter-Union Thun gründete. Mit dem Bauboom Ende des 19. Jahrhunderts stieg die Aareinsel zum neuen Geschäftszentrum der Stadt auf. Im 20. Jahrhundert siedelten sich dann zahlreiche Betriebe und Geschäfte an, darunter die 1935 von Fritz Steinmann im Bälliz 37 eröffnete Confiserie Steinmann. Bis 1958 fuhr noch das Thuner Tram durch den Bälliz, was jedoch in Verbindung mit dem Individualverkehr zunehmend zum Problem wurde. Der Stadtteil wurde zunächst 1980 und dann durch die Einrichtung der Fussgängerzone im Jahr 1987 allmählich vom Strassenverkehr befreit.

Und diese ist nicht nur samstags, sondern auch mittwochs lebendig und einladend. Dafür sorgen vor allem die Standbesitzer:innen des Märit, wie Agnes Wyss, die mit ihrer Blumen-Manufaktur seit rund vier Jahren eine feste Grösse im Bälliz ist. «Heute bitte Lächeln», heisst es mit Augenzwinkern auf dem vor ihrem Stand aufgerichteten Schild, dem man ohne Umschweife, spätestens im Gespräch mit der sympathischen Standbesitzerin, nachkommt. Agnes Wyss produziert ihre Blumenstücke und -gestecke auf Auftrag. Ihre Arbeit bringt zum Ausdruck, was hinsichtlich verschiedener Lebensereignisse durch Worte oft nicht gelingt. Jeder Blumenschmuck aus ihrem Spiezer Atelier wird so zum Unikat. Ihre mit einem Körper aus Draht versehenen Engel haben eine ganz besondere Bedeutung, denn an ihrer Herstellung sind verschiedene Hände beteiligt. So stammen die Flügel aus dem Kreativatelier des Lern- und Wohnhauses Bad Heustrich: Aus grauen Blechplatten werden die Flügelformen entnommen und anschliessend mit Silber oder Gold gefärbt. Die metallenen Sockel der Figuren wiederum stammen aus der Stiftung Uetendorfberg, wo sie direkt in den Werkstätten zugeschnitten werden. 

Die Sockel und Flügel verleihen den Figuren eine klassische wie natürliche Wirkung und lassen sie nicht nur schweben, sondern verbinden sie zugleich mit dem Hier und Jetzt des Marktgeschehens.


Bild: Livia Furler und Severin Scheurer mit ihren fabelhaften Produkten.

Beschwingt geht man weiter, zu Fungi Futuri, wo weitere Wunderwerke warten. Man kommt nämlich nicht umhin, vor den ausgestellten Produkten innezuhalten: Die Austernseitlinge wirken unwirklich, prachtvoll und so lebensnah, dass man sie am liebsten berühren möchte. Den eigentümlichen Igelstachelbart sollte man unbedingt einmal in der eigenen Küche verarbeiten – aufgrund der hohen Nachfrage musste sogar ein eigener Fruchtungsraum eingerichtet werden. 

Zusammen mit der Firma PilzGarten bemüht sich Fungi Futuri um die nachhaltige Zucht von Speisepilzen auf Basis von Rohstoffen aus der Umgebung. Weitere Schätze der Natur, um deren Gedeihen sich Fungi Futuri kümmert, sind zum Beispiel Shiitake-Pilze oder Kräuterseitlinge. Das Unternehmen wurde 2021 gegründet, um die Nachfrage nach Bio-Suisse-Speisepilzen zu decken. Seit neuestem sind Livia Furler und Severin Scheurer am Marktgeschehen im Bälliz beteiligt.

Schätze: Das ist das Schlagwort des Märits, sei es in von Hand gestalteter oder von Natur geschaffener Form. Ein Beispiel für Letzteres ist das reiche Angebot an Gemüse und Früchten aus der Region. Schwere Kopfsalate, ätherisch duftender Sellerie, Rüebli, die orangefarbener sind als gewohnt, prächtige Kohlsorten und vieles mehr werden beispielsweise von Familie Herren-Hadorn aus Seftigen angeboten.


Bild: Frisches Obst von Theva FG aus Heimberg.

Hinzu kommen saisonale Früchte von Früchte & Gemüse Theva FG aus Heimberg. Bei ihnen gibt es etwa verschiedene Apfelsorten aus dem schönen Seeland: süss-saure Rubinette, saure Topas oder saftig süsse DIWA/MILWA. Ein ganzer Inspirationsraum für neue Gerichte, ob auf dem Herd, im Backofen oder roh, tut sich vor dem inneren Auge auf.


Bild 1: Saisonales Gemüse wird am Stand von Familie Herren-Hadorn aus Seftigen angeboten. | Bild 2: Andreas Wenger ist auch für sein Sortiment feinster Essige bekannt.

Unseren Warenkorb ergänzen wir bei dieser Gelegenheit mit einem der hochwertigen Olivenöle von Andreas Wenger. Seit gut 30 Jahren ist der Inhaber und Genussmensch mit Spanien verbunden. Im Hinterland von Alicante hat er mit seinem Team die Olivenplantage Masìa del Moro Schritt für Schritt kultiviert. Dort werden acht autochthone Olivensorten angebaut. Der proportionale Anteil der einzelnen Sorten variiere von Ernte zu Ernte, wodurch die Erzeugnisse jedes Jahr entsprechend eine leicht andere Charakteristik haben. Die drei Hauptsorten Picual, Blanqueta und Alfafarenca verleihen dem hauseigenen Olivenöl jedoch seinen unverkennbaren und edlen Grundgeschmack, den Kund:innen seit vielen Jahren schätzen. Um der vielseitigen Geschmacksvielfalt der Olivenöle und den verschiedenen Kundenwünschen gerecht zu werden, werden zusätzlich sortenreine Olivenöle von Partnerbetrieben aus derselben Gegend dazugekauft. Die Wurzeln des Spezialitätengeschäfts reichen rund 23 Jahre zurück und seit mehr als 15 Jahren bietet Andreas Wenger den Besucher:innen des Märits mit seinem Stand einen Einblick in das Geschmacksspektrum feinster Olivenöle. 

Ebenso im Angebot sind 100 % natürlich veredelte Essige, ein unterschätztes Ingredient guter Küche. Auch diese Spezialitäten stammen aus der Umgebung von Masìa del Moro. Haben Sie schon einmal einen Himbeeressig für das Salat-Dressing verwendet? Gerade bei bitteren Salaten ergibt sich daraus ein spannendes Geschmackserlebnis!


Bild: Der Stand der Metzgerei Lehmann-Laubscher.

Regelrecht zum Anbeissen ist das von der Bäckerei Steibach in Belp gebackene Holzofenbrot. Die ganzen Laibe in der Auslage sind das Ergebnis langjähriger Erfahrung in der Brotherstellung – von der Auswahl der Rohstoffe über die Bearbeitung des Teiges, die Ruhezeiten bis hin zur richtigen Temperatur und Backzeit im Ofen. Kombiniert mit den Köstlichkeiten aus Italien von Ital Max, wie einer Wildschwein-Salami (Salame Cinghiale), einem gereiften Grana Padano oder verschiedenen Olivensorten, wird aus einem vermeintlich einfachen Znacht ein kulinarisches Highlight. Adam Borek betreibt seinen Stand seit mehreren Jahren und die herzliche Atmosphäre auf dem Märit hatte einen gewichtigen Anteil daran. «Besonders schätze ich (…) den direkten Kontakt zu den Kundinnen und Kunden sowie die lebendige Marktgemeinschaft, die jeden Markttag zu etwas Besonderem macht.» Auch das erlesene Sortiment des Spiezer Käse-Spezialitätenladens Chäs Rösch sollte man sich nicht entgehen lassen: Ein Brillant Savarin, Meiringer Brie oder ein klassischer Appenzeller veredeln ein mehrgängiges Menü oder vervollständigen kulinarisch ein Zmorge, Znüni oder Zvieri.


Bild 1: Die wunderbaren Brotlaibe von Steibach. | Bild 2: Blick auf das erweiterte Sortiment von Chäs Rösch. | Bild 3: Adam Borek bietet eine üppige Auswahl bester italienischer Produkte.

Falls es noch etwas Süsses sein darf – vielleicht auch zum Kaffee –, so wird man mit klassischen Cannoli oder Amaretti in verschiedenen Ausführungen glücklich, die Adam Borek anbietet. Der Märit im Bälliz bietet auch Fleischliebhaber:innen Genuss und ein vielseitiges, aber ausgewähltes Angebot. Dafür sorgt die Metzgerei Lehmann-Laubscher. Seit drei Generationen in Familienbesitz pflegt der Betrieb enge Verbindungen zu den Landwirt:innen, die die Tiere aufziehen. Die Emmentaler-Chuchirouch-Spezialitäten, für die Andreas Lehmann bekannt ist, sollte man unbedingt probieren.


Bild 1: Der Bälliz in einer Aufnahme von vermutlich um 1900. | Bild 2: Bereits am frühen Morgen beginnt das Leben auf dem Märit. 

Dass es beim Märit mit seiner Ausrichtung auf Nachhaltigkeit auch um die Tierwelt geht, zeigt sich nicht nur in Erzeugnissen, bei deren Herstellung das Wohl der Tiere berücksichtigt wird, sondern auch in den Plastiken und Skulpturen der Kunstschaffenden – wie etwa bei Beatrice Aebischer, der «Blumenfrau», die seit etwa zehn Jahren im Bälliz mit ihrem Stand vertreten ist. Im Malen und plastischen Arbeiten fand Beatrice Aebischer ihre Erfüllung. Einige Zeit im Jahr verbringt sie in Italien, wo sie ein eigenes Atelier hat und – inspiriert von der Wärme des Südens – neue Bilder schafft. Eulen und Schildkröten sind Motive, die sie immer wieder gestaltet. Eisvögel findet man zwar in der freien Wildbahn, jedoch nehmen die beeindruckenden Vogelplastiken ihren Anfang in der Malerei. Ist die Gestalt der Vögel einmal ins Metall übertragen, werden die Oberflächen aufwändig mit Acrylfarben bearbeitet, sodass die Vögel neues Leben gewinnen. Womit wir wieder bei den Engeln von Agnes Wyss wären. Seit zehn Jahren beschenkt sie Menschen immer wieder mit einer nachhaltigen Botschaft, die sich im Strahlen der Kund:innen zeigt, wenn sie erfahren, dass die Engel eine eigene Geschichte haben. Als ständige Begleiter auf dem Thuner Märit stehen die Figuren für die verbindende, soziale Wirkung des Märit im Bälliz und über ihn hinaus.


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