Sie orientieren sich durch Echoortung, schweben auf Flügeln lautlos durch die Nacht und leben verborgen mitten unter uns: Fledermäuse gehören zu den faszinierendsten Säugetieren der Schweiz.
Text: Laura Spielmann | Bilder: Fabian Heussler

Bild: Gut «eingepackt» für den Winterschlaf: Hufeisennasen hüllen sich typischerweise gemütlich in ihre Flügel ein.
In der Schweiz sind 30 Fledermausarten nachgewiesen, davon 24 im Kanton Bern. Gerade in der Thunersee-Region, die dank ihrer wärmebegünstigten Lage, dem Vorhandensein vieler Wälder, dem See und weiteren Feuchtgebieten optimale Lebensräume für viele Fledermausarten bildet, kann man die nachtaktiven Säugetiere vielerorts besonders gut beobachten. «Strukturreiche Landschaften verbinden die Jagdhabitate mit möglichen Quartieren in Gebäuden, Baumhöhlen und Felsstrukturen – ideal für verschiedene Arten mit ihren unterschiedlichen Ansprüchen», erklärt Fabian Heussler vom Fledermausverein Bern.
Auf in die Lüfte
Fledermäuse sind die einzigen Säugetiere, die fliegen können. Ihr Körper ist perfekt an den Flug angepasst: Sie haben einen voluminösen Brustkorb, eine vorgebogene Wirbelsäule, eine erhöhte Atem- und Herzschlagfrequenz während des Fluges sowie ein stark vergrössertes Herz. Fledermäuse fliegen eigentlich mit den Händen: Während der unscheinbare, krallenartige Daumen seine kurze Form behält, sind die Fingerknochen stark verlängert. Zwischen ihnen spannt sich die Flughaut und weiter über den ganzen Körper – vom Hals bis zum Schwanz.
Verkehrte Welt
Typisch für Fledermäuse ist die Art, wie sie sich mit dem Kopf nach unten aufhängen. So an einer Wand oder Decke hängend sind sie sicherer vor Beutegreifern. Ein schneller Start bzw. eine schnelle Flucht ist durch einfaches Fallenlassen möglich. Besondere Krallensehnen ermöglichen es den Tieren, sich ohne Muskelanspannung und somit ohne Kraftaufwand festzuhalten.

Bild: Von nahem betrachtet sehen Fledermäuse überraschend flauschig aus.
Bild: Die Zwergfledermaus kommt fast überall im Kanton Bern vor.
Bild: Sylvain Eichhorn
Fünf Monate auf Sparflamme
Fledermäuse haben einen vom Klima bestimmten Jahresablauf und sind überwiegend nachtaktiv. Während sie den Sommer beispielsweise in Bäumen, Estrichen oder Spalten in Gebäuden verbringen, halten sie sich im Winter vorwiegend in Höhlen, Felsspalten oder Stollen auf. Dort sind sie vor Feinden, Menschen und Frost geschützt und bleiben ungestört. Den Winterschlaf halten die meisten Fledermäuse von November bis März. Um die insektenarme Zeit zu überstehen, legen sie Fettvorräte an. Dabei senken sie ihre Körpertemperatur bis auf 5 – 3 ° C, um Energie zu sparen. Dazu wird der Herzschlag stark verlangsamt und liegt bei rund zehn Schlägen pro Minute. Zum Vergleich: Im Sommer kann er bis auf 900 Schläge pro Minute ansteigen. Für den Winterschlaf kuscheln sich manche Tiere an andere Artgenossen, andere hüllen sich gemütlich in ihre Flughaut ein. Fällt die Umgebungstemperatur unter die obengenannte Körpertemperatur, müssen sie «nachheizen». Werden sie gestört, können sie aus dem Winterschlaf erwachen, wobei sie die übliche «Betriebstemperatur» von über 35 – 38 ° C annehmen. All dies geschieht auf Kosten ihrer Speckreserven - der Grund warum sie über den Winter rund 30 Prozent ihres Gewichts verlieren.
Kinderbetreuung ist Teamwork
Wenn die Temperaturen im Frühjahr steigen und wieder mehr Insekten aktiv sind, erwachen Fledermäuse nach und nach aus dem Winterschlaf. Zuerst gilt es, die verlorenen Reserven wieder aufzufüllen. Aus diesem Grund wird erst einmal viel gefuttert. Die Paarung hat in der Regel bereits im vorangehenden Herbst stattgefunden; die Weibchen können die Spermien über den Winter im Körper konservieren. Erst im Frühling reift das Ei, wird befruchtet und die eigentliche Trächtigkeit beginnt – so wird verhindert, dass Jungtiere in der kalten Jahreszeit geboren werden.

Bild: Grosser Abendsegler vor dem nächtlichen Jagdflug in einem Astloch im Schwäbis.
Im Spätfrühling finden sich die Weibchen allmählich zu sogenannten Wochenstuben zusammen: «Das sind kleinere bis grössere Gruppen von Weibchen, die ab Juni ihre Jungen zur Welt bringen und aufziehen», erklärt Fabian Heussler. «Die Mehrheit der Weibchen kehrt über Jahrzehnte in dieselben Quartiere zurück, wechselt innerhalb des Jahresverlaufs aber zwischen den Unterschlüpfen. Manche Arten sind dabei weniger wählerisch, andere nehmen die Quartierwahl hingegen strikter: Die häufigen Zwergfledermäuse sind sehr flexibel, während seltenere Arten wie Grosse Mausohren und Kleine Hufeisennasen recht standorttreu sind.»
Damit die Jungen ihrerseits genügend Reserven für ihren ersten Winterschlaf anlegen können, darf die Geburt nicht zu spät im Sommer erfolgen. In den Wochenstuben hängen die Weibchen dicht nebeneinander – so sparen sie viel Wärmeenergie. Die Neugeborenen sind zunächst nackt, blind und können ihre Körpertemperatur nicht regulieren; sie werden von der Mutter mit der Flughaut umhüllt und am Körper gewärmt. Nach 4 – 5 Wochen folgen erste Flugversuche, wenig später geht es auf die erste eigene Insektenjagd. Ab Anfang August verlassen sie die Wochenstuben und machen sich auf den Weg in die Paarungs- und Winterquartiere. Wie sie diese finden und inwiefern sie den Müttern folgen, ist bisher jedoch unklar.

Bild: Ein Fledermausflügel von nahem – oben in der Mitte ist vage der kleine, krallenartige Daumen zu erkennen, der im Vergleich zum gegenüberliegenden fünften Finger (im Gegenlicht sichtbarer Knochen) winzig ist.

Bild: Die Thunerseeregion bietet vielerorts geeignete Jagd- und Quartierhabitate. Je extensiver bewirtschaftet wird, desto besser für Fledermäuse und Insekten.
Ultraschallortung
Fledermäuse haben eine nützliche Technik entwickelt, um im Dunkeln Insekten zu jagen, ohne ihre Augen einzusetzen: die Ultraschall-Echoortung. Dabei erzeugen sie mit ihrem Mund oder der Nase Ultraschallwellen, die von Hindernissen oder der Beute reflektiert und als Echos zurückgeworfen werden. Fledermäuse nehmen die einzelnen Echos wieder auf. Mithilfe der Zeitunterschiede der reflektierten Signale kann das Gehirn ein räumliches Bild der Umgebung erstellen und bestimmen, wie weit ein Baum entfernt ist und mit welcher Geschwindigkeit oder in welche Richtung sich ein Beutetier bewegt.
Die Ultraschallrufe vieler Fledermausarten reichen nur wenige Dutzend Meter weit und verhallen daher in offenen Landschaften. Deshalb meiden die meisten Fledermausarten offene Flächen – sie benötigen Strukturen wie Bäume, Hecken oder andere Orientierungspunkte, die sie als Flugkorridore nutzen. Ohne Echo ist eine Fledermaus praktisch blind (wenn etwas Licht vorhanden ist, kann sie allerdings ihre Augen zur Orientierung verwenden).
Die verschiedenen Fledermausarten nutzen unterschiedliche Rufe, die für den Menschen meist nicht hörbar sind. Sie nutzen hauptsächlich den Frequenzbereich zwischen 20 kHz und 115 kHz. Wir Menschen können dagegen mehrheitlich Frequenzen im Bereich von 16 kHz bis 18 kHz wahrnehmen. Um die Ultraschall-Laute der Fledermäuse für uns hörbar zu machen, kommen sogenannte Bat-Detektoren zum Einsatz. Diese übersetzen die hohen Frequenzen in niedrigere. «Neben den Bat-Detektoren setzen wir Wärmebildkameras ein, um Flugbahnen und Verhaltensweisen zu identifizieren. Bei Fachprojekten kommen zudem Netzfänge oder Telemetriemethoden zum Einsatz, wofür es spezielle Bewilligungen benötigt», ergänzt Fabian Heussler. Die Tiere können aber auch ohne diese Hilfsmittel beobachtet werden, «am besten von Mai bis September in der Dämmerung. Gute Orte sind das See- und das Aareufer (dort, wo das Wasser eher langsam fliesst und wenig Licht vorhanden ist). Wer zuerst eine geführte Exkursion besucht, kann sich einfacher einen ersten Überblick verschaffen – auf eigene Faust auf Fledermauspirsch zu gehen, ist aber genau so zu empfehlen.

Bild: Die sogenannten Langohren machen ihrem Namen alle Ehre.
Bild: Sobald es dämmert, werden die Fledermäuse aktiv.
Eine gefährdete Tiergruppe fördern
Der Mensch beeinflusst die Umweltbedingungen und Lebensräume von Fledermäusen stark. Faktoren wie die Sanierungen von Altbauten, die intensivere Nutzung unserer Umwelt und der Einsatz von Pestiziden (wodurch die Menge an Insekten abnimmt) haben im vergangenen Jahrhundert zu einer starken Verringerung von Lebensräumen und Nahrungsgrundlagen geführt. Weitere Gefahren lauern nach wie vor durch Kollisionen im Verkehr, mit Windkraftrotoren, den Lebensraumverlust aufgrund von Lichtverschmutzung oder auch durch natürliche Feinde wie Waldkäuze, Falken oder Katzen.
Fledermäuse zu fördern, kommt auch uns Menschen zugute: Als effiziente Jäger regulieren sie Schadinsekten in Land- und Forstwirtschaft – ihr Schutz liegt daher in unser aller Interesse. So sollten beispielsweise Bauvorhaben, insbesondere bei älteren Gebäuden mit nicht ausgebauten Estrichen und weiteren Hohlräumen im Dachbereich, frühzeitig bei Fachstellen gemeldet werden, damit Lösungen gefunden werden können. In den meisten Fällen lassen sich mit einfachen Anpassungen sowohl Bauprojekt wie auch Fledermausquartier gut vereinbaren – eine frühe Meldung verhindert Konflikte, statt sie zu erzeugen. Weiter ist es hilfreich, strukturreiche Gärten, Hecken und extensiv genutzte Wiesen zu erhalten und keine Insektizide zu verwenden. Licht gezielt und sparsam einzusetzen, insbesondere am Ufer und in der Nähe von Waldgebieten, ist eine weitere Möglichkeit, unsere faszinierenden nächtlichen Flugsäugetiere zu unterstützen.

Bild: Im Schwäbis ebenfalls häufig anzutreffen: der schnell fliegende und wendige Kleine Abendsegler.
Fledermausverein Bern
Der Fledermausverein Bern setzt sich für den Schutz und die Förderung der heimischen Fledermausarten im Kanton Bern ein. Um auf die Bedeutung und Nützlichkeit der unauffälligen Tiere aufmerksam zu machen, leistet er mit Öffentlichkeits-
arbeit und Exkursionen einen wichtigen Beitrag zum Artenschutz. Zudem steht der Verein der Bevölkerung für allgemeine Fragen zur Verfügung und engagiert sich für die Aufwertung wertvoller Lebensräume. Interessierte Personen sind jederzeit willkommen.
www.fledermausverein-be.ch
Haben Sie eine Fledermaus gefunden oder kennen sie ein Wochenstubenquartier?
Melden Sie sich gerne jederzeit via Kontaktformular des Fledermausvereins oder Mail/Telefon: fabian@naturalisten.ch / 077 418 33 86.
Hinweis: Abends und nachts beim Herumfliegen beobachtete Fledermäuse vermitteln leider nicht ausreichend Informationen zum genauen Standort ihrer Quartiere; solche Meldungen helfen uns entsprechend nicht, neue Wochenstuben zu finden.