In der letzten Winterausgabe stand der Schneehase im Rampenlicht, in dieser steht das Alpenschneehuhn im Fokus. Kein Zufall: Sie teilen sich nicht nur den Lebensraum, sondern auch zwei weitere Besonderheiten, nämlich den Fellwechsel zu schneeweissem Fell und den Status als Eiszeitrelikt. Schneehühner sind ausgeprägte Kältespezialisten, die sich bereits seit der letzten Eiszeit in ganz Europa verbreitet haben. Doch auch ihnen macht die Klimaerwärmung zu schaffen – und was einst ein Überlebensvorteil war, wird nun zur Herausforderung.
Text: Laura Spielmann | Bilder: Fritz Bieri, zvg

Bild: Die Männchen erkennt man an dem roten Strich über dem Auge.
Das plumpe, taubengrosse Alpenschneehuhn ist – wie der Name schon sagt – in unseren Alpen zu Hause und als Eiszeitrelikt von anderen seiner Art – denjenigen in Nordeuropa und Sibirien – abgegrenzt. Lagopus muta, so sein lateinischer Name, kommt im gesamten Alpenraum vor: im Süden bis zu den Ligurischen Alpen, im Norden bis nach Bayern und im Osten bis in die Steiermark.
Perfekte Anpassung
Dass Schnee isoliert, haben nicht nur die Inuit erkannt. Auch die 34 bis 36 Zentimeter grossen Tiere nutzen dieses System. In Winternächten, bei ungünstigem Wetter und starker Kälte ziehen sie sich in selbst gegrabene Schneehöhlen bzw. -kammern zurück. Diese befinden sich in 25 bis 28 Zentimetern Tiefe und sind einen halben Meter lang. Neben der Energiesparfunktion dienen sie auch dazu, Fressfeinden zu entgehen.
Das Tier ergreift auch weitere Massnahmen, um keine Energie zu verschwenden: unnötige Flüge vermeiden, nur schrittweise mausern und innerhalb kurzer Zeit eine grosse Menge Nahrung fressen, gefolgt von einer Ruhepause in den Höhlen. Störungen, die vom Menschen verursacht werden, führen jedoch zu einem erheblichen Energieverlust, mit dem die Tiere nur schwer zurechtkommen.

Bild: Hoch oben auf den Bergen, dort leben die Alpenschneehühner.
Im Reich der Felsen und Heiden
Die 400 bis 600 Gramm schweren Vögel leben bevorzugt in den Voralpen und Alpen über der Baumgrenze in einer Höhe von etwa 1800 bis 3000 Metern. Im Sommer halten sie sich zumeist in höheren Lagen auf als im Winter. Sie bevorzugen reich strukturierte, schattige, offene Bergflanken mit wenig Vegetation, einer hohen Vielfalt an Felsen und Geröll durchsetzten Zwergstrauchheiden. Dies sind wichtige Elemente ihres Habitats, da sie Deckung bieten, Wärme spenden, Schatten spenden und vor extremen Wettereinbrüchen schützen. Zudem schmilzt der Schnee im Frühjahr rund um die Felsblöcke schneller, sodass die Hühner dort früher Nahrung finden.
Von Schneeweiss zu Braun zu Schneeweiss
Das Alpenschneehuhn hat eine Flügelspannweite von 54 bis 60 Zentimetern und ist der einzige Vogel in der Schweiz, der sein Gefieder jährlich farblich wechselt. Die sogenannte Mauser ist ein hormonell gesteuerter Prozess. Sein dichtes Gefieder ist im Winter schneeweiss, auch seine Füsse sind gefiedert, was es vor Kälte schützt und das Laufen über den Schnee erleichtert. Der Wechsel ins Winterkleid startet Mitte Oktober und dauert bis Mitte November. Im Sommer beginnt dann der Wechsel ins Sommerkleid – im Herbst startet der Zyklus dann von Neuem.

Bild: Hoch oben auf den Bergen, dort leben die Alpenschneehühner.
Die Männchen erkennt man an dem schwarzen Streifen zwischen Schnabel und Auge sowie dem roten Hautstreifen (Rosen) über dem Auge, der besonders zur Brutzeit auffällig ist. Im Laufe des Sommers ist das Männchen braun-grau mit einem gescheckten Aussehen. Die Weibchen sind gelb-brauner. Die Flügel sind bei beiden Geschlechtern das ganze Jahr über weiss, die Schwanzfedern hingegen sind schwarz und nur im Flug sichtbar.
Dieser Farbwechsel des Gefieders dient dazu, dass die Vögel besser mit ihrer Umgebung verschmelzen und sich somit besser tarnen können, was ihre Überlebenschancen erhöht. Eine besondere Tarnmassnahme, die sie treffen: Sie bleiben so lange sitzen, bis man fast auf sie tritt, danach fliegen sie mit lautem Flügelschlag auf.
Monogame Saisonehe
Mit etwa einem Jahr werden die Tiere geschlechtsreif. Sobald die Balz im April beginnt, fangen die Männchen an, ihr Territorium zu verteidigen und andere davon abzuhalten, es zu betreten. Währenddessen streifen die Weibchen durch diese Territorien, bevor sie sich auf einen Hahn festlegen. Die Balz besteht aus einzelnen Balzflügen und -posen, die vor der Henne ausgeführt werden und der Balzflug wird von weittragenden Rufen begleitet, während das kontrastreiche Gefieder zur Schau gestellt wird. Die Henne wählt den Hahn mit den auffälligsten Balzposen, dem schönsten Fächerschwanz oder dem eindrucksvollsten Balzgesang.

Bild: Ob diese beiden Männchen Ausschau nach einem Weibchen halten?
Das Nest ist eine kaum ausgepolsterte, flache Bodenmulde, die sich zwischen Steinen oder unter Sträuchern befindet. Ein Gelege umfasst fünf bis neun Eier, die Brutdauer beträgt 21 bis 24 Tage. Das Männchen bewacht von einem erhöhten Platz aus sein Revier und attackiert alle Eindringlinge, unabhängig von ihrer Grösse. Die Küken sind Nestflüchter und begeben sich gleich nach dem Schlüpfen mit der Mutter auf Nahrungssuche. Die Nahrung besteht aus Trieben, Knospen, Samen, Blättern, Blüten, Beeren, Wurzeln und frischen, feinen Zweigen. Jungtiere fressen hingegen auch Insekten und Larven, da diese wichtige Eiweisslieferanten sind. Nach etwa zwei Wochen können sie bereits kurze Strecken fliegen und sind nach zwei bis drei Monaten ausgewachsen.

Sobald die Jungvögel ausgewachsen sind, können sich die Familien zu einem grossen Verband zusammenschliessen. Im Winter lösen sie sich in kleinere Gruppen auf, in denen der Winter verbracht wird. Dies dient auch der genetischen Vielfalt. Balzaktivitäten finden auch im Herbst statt und dienen der groben Abgrenzung der Territorien. Diese Territorien werden im Winter in den Morgenstunden lauthals von den Hähnen verteidigt, die sich tagsüber wieder den Trupps anschliessen.
Lauernde Gefahren
Neben typischen Feinden wie Steinadler, Wanderfalke, Fuchs oder Hermelin sind auch das Klima und der wachsende Bergtourismus eine Gefahr.


Bild: Die Alpen bieten den Tieren ideale Lebensräume.
Da das Alpenschneehuhn an arktisch-alpine Lebensbedingungen angepasst ist, wird es ihm ab 15/16 °C zu heiss und es muss sich in höhere Lagen bzw. an schattige Plätze zurückziehen. Die zunehmenden Temperaturen führen jedoch zu einer Verschiebung der Baumgrenze, wodurch sich der Lebensraum des Alpenschneehuhns verringert und immer weiter fragmentiert wird. Wenn kein Schnee fällt, wird es für das Alpenschneehuhn schwieriger, sich zu tarnen. Dadurch sind sie für ihre Fressfeinde leichter zu entdecken.
Auch die Zunahme des Wintertourismus hat Auswirkungen auf die Natur, da neue Wintersportanlagen in immer grösserer Höhe gebaut werden. Wintersportler, die abseits der Pisten fahren, sorgen für Störungen, was Energie kostet. Für das Alpenschneehuhn können die Auswirkungen dieser Störungen schwerwiegende Folgen für sein Überleben haben.
Obwohl in den vergangenen Jahren keine weiteren Rückgänge beobachtet wurden, sind die langfristigen Perspektiven für das Alpenschneehuhn ungünstig. Da 40 % der mitteleuropäischen Population hierzulande brütet, trägt die Schweiz eine grosse internationale Verantwortung für das Überleben dieser Art. Um den Fortbestand zu sichern, müssen die noch vorhandenen, vielfältigen Lebensräume bewahrt und von Wintersport-Infrastrukturen freigehalten werden; menschliche Störungen müssen so weit wie möglich reduziert werden.

Bild: Dieses Kücken ist sehr wahrscheinlich auf Nahrungssuche.