Langsam kriecht sie durch den Wald, die Hain-Schnirkelschnecke – eine der grössten und vielfältigsten heimischen Schnecken. Sie sorgt für intakte Böden, indem sie diese fruchtbar und lebendig hält – davon profitieren Mensch und Umwelt. Man nennt sie deswegen auch «Bodenmacherin». Als Pro Natura Tier des Jahres wirbt sie für einen respektvollen Umgang mit der Biodiversität des Bodens.
Text: Laura Spielmann | Bilder: zvg

Bild: Die Augen der Schnecke sind nicht besonders gut ausgebildet. Sie verlassen sich mehr auf andere Sinne.
Ein lichter Wald und mittendrin ein Tier, das sich gemächlich vorwärtsbewegt – für ihre Eile sind Schnecken wahrlich nicht bekannt. Auf ihrem selbst produzierten Schleim gleiten sie über den Boden. Immer dabei: das Schneckenhaus, das Rückzugsort und Lebensader in einem ist. Denn es enthält lebenswichtige Organe – darunter Herz, Lunge, Nieren, Darm und Magen. Daneben schützt es vor Austrocknung, Kälte und Fressfeinden.
Mit einem Gehäuse, dessen Farbpalette von weiss, gelb, rosa über violett bis zu braunrötlich reicht, ist die Hain-Schnirkelschnecke eine der farbenfrohsten einheimischen Schnecken. Das kugelförmige, im Durchmesser 18 bis 25 Millimeter grosse Häuschen ist durch mehrere unterschiedlich stark ausgeprägte, durchgehende Spiralbänder gekennzeichnet. Diese sind normalerweise braun, es kommen jedoch auch Exemplare mit schwarzen, rötlichen, weissen oder gar keinen Bändern vor. Der Mündungsrand des Gehäuses ist dunkelbraun. Auch der Weichkörper kann unterschiedlich gefärbt sein und reicht von Hellgelb bis Schwarz. Kopf und Fühler sind in der Regel etwas dunkler.
Das vorwiegend nachtaktive Tier bevorzugt schattige und feuchte Umgebungen sowie kalkhaltige Böden – diese braucht es für den Aufbau seines Gehäuses – in geschlossenen oder halboffenen Lebensräumen wie lichten Wäldern, Hecken, Gebüschen, Parks, Gärten oder Agrarland. Die Hain-Schnirkelschnecke lebt in Höhenlagen von 200 bis 900 Metern.
Intensives Liebesspiel
Cepaea nemoralis – so der lateinische Name – hält von Herbst bis Frühjahr einen Winterschlaf. Dabei wird das Gehäuse mit einem Kalkdeckel verschlossen. Kurz nach dem Erwachen paaren sich die Mollusken, wobei sie sich gegenseitig befruchten. Da Schnecken Zwitter sind, kann jedes Exemplar sowohl Spermien als auch Eizellen produzieren. Bevor sie jedoch männliche und weibliche Keimzellen austauschen, vollführen sie einen Akt der Liebe: Sie liebkosen und stimulieren einander stundenlang mit dem sogenannten Liebespfeil, der aus Kalk besteht. Dabei wird der Pfeil in den Körper des Gegenübers injiziert und eine Art Schleim gebildet – das erhöht den Fortpflanzungserfolg.

Bild: Eine junge Schnecke kriecht auf ihrer Mutter herum. Sie werden mit dem Gehäuse geboren.
Nach der glücklichen Kopulation legen die Tiere von Juni bis August insgesamt bis zu 80 ovale Eier in selbst gegrabene Erdhöhlen ab. Nach etwa drei Wochen schlüpfen daraus junge Schnecken mit Gehäuse. Die Erdhöhle verlassen sie nach etwa zwei Wochen. Die Jungtiere sind erst nach drei Jahren geschlechtsreif, wenn ihr Gehäuse seine Endgrösse erreicht hat. Hain-Schnirkelschnecken können ein Alter von bis zu sechs Jahren erreichen.
Wichtige Rolle im Ökosystem
Die Nahrung dieser Weichtiere besteht aus verrotteten, welken oder toten Pflanzenresten, Moosen, Algen und Pilzen sowie gelegentlich aus Tierkadavern, vor allem von toten Artgenossen. Sie bauen organisches Material ab und führen es der Erde zu, wodurch sie diese bereichern. Sie sind für Menschen von grosser Bedeutung, da sie Teil einer der wichtigsten Produktionsketten der Welt sind: der des Bodens. Pro Jahr schafft die Hain-Schnirkelschnecke im Durchschnitt 0,1 Millimeter neue Erdmasse. Das ist für die Umwelt und das Ökosystem bedeutungsvoll, da durch die Arbeit der Schnecken abgestorbene Pflanzenteile oder morsches Holz zersetzt und verdaut werden und sich neuer fruchtbarer Boden bildet. Ohne diese Arbeit wäre die Oberfläche der Erde meterhoch mit Totholz, Kadavern und Exkrementen bedeckt. Die langsamen Kriecher lockern ihn ausserdem auf und verbessern so die Wasserdurchlässigkeit. Zudem kann ihre Tätigkeit auch zur Ausbreitung von Pilzen und Samen beitragen.

Bild: Schnecken können dank ihres Schleims fast alles überkriechen.

Bild: Immer auf der Suche nach etwas zu essen.
Die biologische Vielfalt in der Erde schützt somit die Grundlage, auf der wir alle stehen. Durch starken oder länger ausbleibenden Regen können diese verloren gehen. Genauso wie bei unsachgemässer landwirtschaftlicher Nutzung. Wo Böden durch Versiegelung, schwere Maschinen oder Pestizide zerstört werden, leiden Arten wie die Hain-Schnirkelschnecke. Weitere Faktoren, die die Population beeinflussen, sind Urbanisierung und intensive Landwirtschaft, die zu einem Habitatverlust führen, sowie der Klimawandel, der sich auf die Nahrungsgrundlage auswirkt. Trotz der fortschreitenden Lebensraumzerstörung durch den Menschen ist die Hain-Schnirkelschnecke in der Schweiz weit verbreitet und nicht als gefährdet eingestuft.

Bild: Jungschnecken wachsen schnell, wobei Feuchte und warme Witterung das Wachstum beschleunigen.
Schnecken sind auch für viele Tiere von grosser Bedeutung. Einige nutzen sie als wichtige Nahrungsquelle, darunter Waschbären, Igel und verschiedene Vogelarten. Andere wiederum nutzen die Schneckenhäuser als schützenden Unterschlupf, darunter Asseln, Spinnen und Schneckenhaus-Mauerbienen.
Pro Natura hilft zu schützen
Der Boden schwindet – und mit ihm seine Vielfalt. Deshalb braucht er besseren Schutz. Monokulturen und kurz geschnittener Rasen verhindern, dass Schnecken Nahrung und Deckung finden. Zudem sind sie der Zerstörung und dem Strukturverlust ihres Lebensraums ausgesetzt. Es ist daher wichtig, Diversität zuzulassen, indem die Vegetation beispielsweise mit unterschiedlichen Höhen und Abstufungen variiert wird (Hecken, Sträucher usw.).


Bild: Solche Wiesen sind ideal für Schnecken.
Mit dem Tier des Jahres 2025 will Pro Natura das Leben in der Erde stärker in den Fokus rücken. Der Verein engagiert sich für eine Verringerung des Verbrauchs natürlicher Flächen durch Baumassnahmen und setzt entsprechende Raumplanungsvorstösse um. Mit der «Aktion Hase & Co.» engagiert sich Pro Natura beispielsweise in der Landwirtschaft für bodenschonende Praktiken und fördert das Anlegen von Grünflächen in Siedlungsgebieten. Ein Grossteil der Pro-Natura-Schutzgebiete bietet zudem der Hain-Schnirkelschnecke eine Heimat.

Bild: Farbenfrohe Gehäuse.