Unter  der Oberfläche Teil 4 – Wir Fischer,  sind die  Stimme   der Fische

Unter der Oberfläche Teil 4 – Wir Fischer, sind die Stimme der Fische

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Noch bevor die Sonne über dem Thunersee aufgeht, watet Daniel Wegmüller durchs glasklare Wasser der Zulg. Rute in der Hand, Augen auf die Strömung gerichtet. Beim Fliegen­fischen verschwindet der Alltag, Geduld und Aufmerksamkeit werden belohnt. JedeReaktion eines Fisches erzählt eine Geschichte. Das feine Gespür für das Wasser – im vierten Teil unserer Serie «Unter der Oberfläche».

Text: Maria-Theresia Zwyssig
Bilder: Maria-Theresia Zwyssig, zvg

Das ehrlichste Hobby, das es gibt: Fliegenfischen Frühmorgens, noch im Dunkeln, treffe ich Daniel Wegmüller und Daniel Ducret. Wir gehen Fliegenfischen – für mich klingt das zunächst nach einem gemütlichen Morgen, doch bald wird klar: Er ist voller Spannung. 

Wir parkieren auf einem Schotterplatz oberhalb des rechten Thunerseeufers an der Zulg, die in der Region der Sieben Hengste und des Hogants entspringt. Einzelne kleine Zuflüsse am Sigriswiler Rothorn. Alle münden als Nebenfluss in die Aare. Daniel Wegmüller geht es gemächlich an: Langsam geht er den Weg oberhalb des Bachs entlang. «Bevor ich runtergehe, beobachte ich. Schon durchs Schauen nehme ich vieles wahr.»

Bild: Gemeinsam am Wasser: Daniel Ducret und Daniel Wegmüller knien an der Zulg, 
die Rute ausgeworfen, Augen auf die Strömung gerichtet – Geduld und Aufmerksamkeit 
sind hier gefragt.

Schauen und Laufen bestimmen den Morgen – das eigentliche Fischen ist nur ein kleiner Teil. «Es geht darum, alte Instinkte zu wecken, indem man sich bewusst zurückversetzt.» Daniel zieht die Watbekleidung an, Rute in der Hand, Netz am Rücken. «Zuerst schaue ich, ob ich einen Fisch sehe. Wenn ja, überlege ich, wie ich ihn überlisten kann. Ich mache mir einen Plan. Sehe ich keinen, gehe ich dorthin, wo ich einen erwarte, und passe den Köder der Jahreszeit und dem Wasserstand an.»

Er fischt gerne allein, hat aber nichts gegen Gesellschaft. Als Matrose auf dem Thunersee – im Winter als Schreiner – hat er oft mit Menschen zu tun, draussen sucht er Ruhe. «Ich verliere mich in meinen Gedanken, im Tun. Morgens teile ich meiner Familie meinen Standort mit, danach wird das Handy unwichtig. Ich werde eins mit der Natur, dem Gewässer.» Nicht die Anzahl der Würfe zählt, sondern Zeit, Geduld und Beobachtung. 

Bild: Daniel Ducret schnürt die wasserdichten Schuhe, bevor es ins Wasser geht.

«Manchmal sitze ich eine Stunde lang einfach nur da und warte.» Es gibt vieles zu sehen: Schmetterlinge, Insekten, Mäuse, Tiere – mir wird bewusst: All dies sieht man nur, wenn man aktiv zuhört und hinschaut. Das Rauschen beruhigt. «Wasser bedeutet Leben, und wer sich per se nur auf das Fischen konzentriert, verpasst es. Wer jedoch genau hinsieht, ist nicht nur erfolgreicher, sondern erlebt die Natur intensiver. Für mich ist es heilend – ich habe keine anderen Gedanken, sondern fokussiere mich auf das, was gerade passiert.»

Bild: Jede Umdrehung zählt: Die Rolle ist das Herzstück der Fliegenrute, Präzision und Kontrolle in einem kleinen Kreis.

Bild: Ordnung im Miniaturformat: In Daniels Köderbox ist alles fein säuberlich sortiert.

Warum ausgerechnet Fischen? «Wer einmal einen Köder ins Wasser setzt und sieht, wie ein Fisch darauf reagiert, wird süchtig.» Bis es aber so weit ist, stehen die Zeit in der Natur und das Draussensein im Vordergrund. «Kein Jäger ist immer erfolgreich – und das ist okay.» Ein Zitat begleitet Daniel: «Ich gehe nicht an den Fluss, um eine Forelle zu töten – ich gehe an den Fluss, um etwas in mir zu töten.» Seine Leidenschaft begann früh: Der Götti seines Bruders nahm die Buben in die Grabenmühle zum Fischen mit. Später folgten Reisen nach Skandinavien und Spanien, die mit dem Fischen verbunden waren – immer gemeinsam als Familie. Seine Mutter hat viel gefischt, sein Vater liebte das Hochseefischen: «Es ging immer darum, draussen zu sein, auf dem Wasser, im Wasser. Mein heutiger Job spiegelt das wider: Wo Wasser ist, bin ich zufrieden.»

Auch seine Freundin Laila unterstützt ihn: «Wenn du lange nicht fischen warst, bist du chronisch unterfischt. Geh raus. Geh fischen.» Daniel schätzt ihre Kulanz: «Sie weiss, dass ich es brauche.»

Bild: Im Einklang mit dem Fluss: Daniel Wegmüller steht im glasklaren Wasser. 
Rute in der Hand, Netz auf dem Rücken – voll konzentriert auf die Bewohner unter der Oberfläche.

Fliegenfischen – Am Ufer der Leichtigkeit

Beim Fliegenfischen geht es in erster Linie nicht ums Fangen, sondern um das Tier. Als Kinder bewundern wir Kühe, Schafe, Vögel, Gämsen oder Steinböcke – die Fische hingegen bleiben oft unsichtbar – ohne «Jö-Effekt». Unter der Wasseroberfläche verbirgt sich eine ebenso faszinierende wie geheimnisvolle Welt. Fischer werden zur Stimme der Fische, weil sie diese stillen Lebewesen wahrnehmen, die sonst niemand hört. Und nein, Fliegenfischen heisst nicht wortwörtlich «Fliegen fischen». Es geht darum, künstliche Fliegen als Köder einzusetzen – an der Oberfläche oder im Wasser, wo ein Fisch ein Insekt jagt. Der Unterschied zum normalen Angeln: leichte Köder, schwere Schnur. Die Kraftübertragung macht das präzise Werfen möglich. Wie entscheidet man sich fürs Fliegenfischen? «Das Wichtigste ist das Interesse am Fisch. Ich fange nur aktive Tiere. Die Natur gibt den Rhythmus vor: Der Frühling ist die schönste Zeit, wenn alles erwacht, die Insekten schlüpfen und die Ströme lebendig werden.» Daniel erklärt, dass seine Lieblingsbedingungen bewölkte Tage kurz vor dem Regen sind – dann stimmen Luftdruck, die Insekten sind in Bewegung, Temperatur, Sonneneinstrahlung und UV-Index. «Fliegenfischen gilt oft als elitär. Davon wollen wir weg. Jeder kann Fliegenfischen lernen – die Herausforderung besteht darin, die Natur genau zu beobachten und zu hören. Anders als beim Wurmangeln geht es hier um Geduld, Timing und das Gespür für die Insekten.» Viele schätzen diese Form des Fischens als besonders beruhigend, fast meditativ. In Grossbritannien und Nordirland können Menschen sogar auf ärztliches Rezept hin fischen gehen. Es soll das körperliche und psychische Wohlbefinden fördern und das Stresslevel reduzieren.

Bild: Eine Bachforelle, erkennt man an der Musterung. Typisch sind die roten Punkte.

Aufbruch ans Wasser

«Gehe ich Fliegenfischen – freue ich mich als Erstes darauf. Am liebsten unter der Woche – wenn weniger Leute unterwegs und die Ufer still sind. Nur das Plätschern des Wassers begleitet mich.» Noch vor der Abfahrt checkt Daniel die Hydrodaten im Internet. Abflussmenge, Wassertemperatur, Verlauf der letzten Tage. Steigt oder fällt das Wasser? Diese Hinweise verraten ihm, wie der Tag werden könnte. «Dann wähle ich mein Gewässer.»

Im Auto ist alles gepackt: Trinkflasche, Regenjacke, Watbekleidung, Watschuhe, Sonnenbrille und langärmlige Shirts. «Ich komme jeweils ins Schwitzen, aber allein draussen stört das niemanden.» Ruten, Netz, Zange und der «Nipper» – der kleine Knipser für die Schnur – liegen griffbereit. Dazu kommt eine Auswahl an Ködern, Schnüren, den Vorfächern, Ersatzteilen, Scheren und spezielles Haarspray für die Insekten. Dieses hält sie an der Wasseroberfläche. Alles hat seinen Platz. Daniel ist bereit.

Der Tanz mit der Schnur

Daniel steht im glasklaren Wasser und dirigiert die Rute wie einen Taktstock. Jeder Schwung wirkt mühelos, die imitierte Fliege landet genau dort, wo sie soll. Ein leises Zischen in der Luft – faszinierend. Nicht immer klappt alles: Mal verfängt sich die Schnur im Gebüsch, doch ein schneller Ruck löst das Problem. Allein das Werfen hat etwas Taktvolles. Hinter der Eleganz steckt Physik: «Fliegenfischen ist Kraftübertragung in Reinform. Die schwere Schnur sorgt mit ihrem speziellen Aufbau für den entscheidenden ‹Punch›. Mehrere Schwünge trocknen den Köder und schaffen Distanz.» Wer üben will, kann es sogar zu Hause mit einem Staubsaugerkabel versuchen – aber Vorsicht, falls die Katze in der Nähe ist! Übung ist entscheidend. Daniel besuchte jahrelang Wurfkurse, bis die Griffhaltung, Winkel, Beschleunigung und Flugbahn perfekt passten. Der Wind darf draussen nicht vergessen werden. Ein perfekter Wurf ist ein kleiner Glücksmoment. Und wenn ein Fisch anbeisst, weiss Daniel: Er war für einen Augenblick so gut wie die Natur selbst.

 

Bild: Eine Bachforelle, erkennt man an der Musterung. Typisch sind die roten Punkte.

Fischen im Kanton Bern: Tradition mit Zukunft

Fussball, Leichtathletik, Segeln – Daniel Ducret hat vieles ausprobiert. Doch nichts hat ihn je so gepackt wie das Fischen. Für ihn ist es mehr als nur ein Hobby, es ist ein Privileg. Heute vertritt er als Geschäftsführer des Bernisch Kantonalen Fischerei-Verbandes (BKFV) die Anliegen der Fischerinnen und Fischer in der Gesellschaft und organisiert Ausbildungen sowie Vereinsarbeiten. Besonders wichtig ist ihm der Kontakt zu den Menschen – etwa zu Fliegenfischer Daniel Wegmüller. «Er lebt es vor: Fischer achten auf die Natur, schützen diese und geben diese Werte weiter», sagt Daniel Ducret. Genau darum geht es: «Eine starke Basis schaffen, Wissen teilen, Begeisterung wecken, Natur schützen.»

Im Kanton Bern sind 65 Vereine mit über 5000 Mitgliedern aktiv. Sie bieten Grundkurse an, organisieren Jungfischertage und bringen Menschen ans Wasser. «Wer fischt, schaut genauer hin, beobachtet aufmerksam: Tote Fische, ausgetrocknete Bäche oder Verschmutzungen bleiben nicht unbemerkt – gelebter Naturschutz.» Das alles basiert auf Freiwilligenarbeit – ein Herzstück der Schweizer Kultur, das auch in der Fischerei stark gelebt wird. Ob im Berner Oberland, im Mittelland oder im Berner Jura: Überall leisten Fischerinnen und Fischer des BKFV ihren Beitrag. Dabei gilt immer: Nutzen und Schützen müssen im Gleichgewicht bleiben. Und der Einstieg? «Ganz einfach: Du gehst mit einem erfahrenen Fischer mit, fragst beim Verein nach oder besuchst einen Kurs. Nach den ersten Würfen spürst du sofort die Faszination – wie Daniel.»

Bild: Sowohl beruflich als auch in seiner Freizeit auf dem Wasser zuhause. Daniel als Matrose auf dem Dampfschiff Blüemlisalp.

Fäden, Federn, Faszination: Daniels Köderwelt

In Daniel Wegmüllers Wohnung in Steffisburg wartet ein kleines Paradies auf Fliegenfischer: In seiner Galerie steht ein grosser Tisch und die Schubladen sind voller Köder und Materialien. Hier sitzt er stundenlang über winzigen Haken und Fäden, zieht Naturhaare auseinander und ordnet Federn, bis jedes Detail stimmt. Ich staune über die Geduld, mit der er arbeitet. Was spielerisch wirkt, ist Sisyphusarbeit. «Es ist wie Meditation für mich», sagt er, während seine Hände routiniert weiterarbeiten. Naturmaterialien sind ihm am liebsten: «Weniger ist mehr.»

Für einen Köder braucht er manchmal Minuten, manchmal Stunden: Bürsten, fädeln, formen, bis das Profil perfekt zur Geltung kommt. Drei Ködervarianten im Überblick:

Trockenfliege: Mit winzigen «Hecheln» aus Federn, die sich aufstellen und für Auftrieb sorgen.

Nymphe: Imitiert die Larve unter Wasser – ideal fürs Fliegenfischen das ganze Jahr über.

Streamer: Kleine Fischchen, deren reizvolle Bewegung die Fische zum Biss verleiten.  Warum all die Mühe? «Es ist meine Ecke», sagt Daniel. «Es ist Teil von meinem Leben». 

Wasserqualität – Indikator für Leben

Wasser ist die Grundlage für alles Leben – für Menschen, Fische und Insekten. Daniel Ducret erklärt: «Ein gesunder Fischbestand mit verschiedenen Arten und Altersklassen zeigt: Das Wasser ist sauber, das Gewässer gesund. Fehlen Fische, stimmt etwas nicht. Früher hielt man Bachforellen in Behältnissen bei Wasserkraftwerken: Starben sie, war klar, dass weiter oben im Fluss ein Problem bestand, vielleicht Gift.» Auch Insekten verraten viel über die Wasserqualität. «In den letzten zehn Jahren sind ihre Bestände um 60–70% zurückgegangen – die Ursachen sind vielfältig. Manche Arten, wie die Steinfliege, brauchen besonders sauberes Wasser. Wo sie vorkommt, ist die Qualität sehr hoch.

«In der Grundausbildung beim Angelfischen, dem sogenannten SaNa-Kurs, lernen Teilnehmende, Steine im Bach umzudrehen und Insektenlarven zu finden, um so die Wasserqualität zu bestimmen. Finden wir eine Steinfliegenlarve, ist das ein gutes Zeichen, denn es wird Fische haben. Eine Forelle frisst bis zu 80% ihrer Nahrung unter Wasser – nur wenn die Bedingungen stimmen, steigt sie auf und schnappt sich ein Insekt von der Oberfläche.» Somit verraten selbst die kleinsten Schlüpfe viel über den Zustand eines Gewässers.

Bild: Fäden, Federn, Geduld: Zuhause in seiner kleinen Köderwerkstatt entstehen Trockenfliegen, Nymphen und Streamer – jedes Detail zählt.

Der Zyklus des Lebens – und das Glück eines Fangs

Ein Insekt landet auf dem Wasser und legt Eier ab, welche auf den Grund sinken. Dort schlüpfen die Larven und leben eine Weile im Wasser. Irgendwann steigen sie an die Oberfläche und krabbeln ans Ufer, wo sie sich in Insekten verwandeln. «Forellen reagieren erst dann auf die Insekten, wenn viele davon vorhanden sind. Dann steigen sie zur Oberfläche und schnappen nach den Fliegen. Für uns Fliegenfischer ist es deshalb ein seltenes Erlebnis, wenn ein Fisch die künstliche Nachahmung nimmt.» Daniel zeigt stolz ein Video einer Maifliege – das Highlight für jeden Fischer. Die Königsdisziplin: keine Nymphe, keine Larve, nur die Fliege. «Dann zeigt sich: Der Fisch folgt dem Rhythmus der Jahreszeiten. Doch wenn ich mit der falschen Mücke komme, wird diese vom Fisch ignoriert.» Das erinnert daran: Wir tragen Verantwortung. Ob beim Biken, Wandern oder Fischen – wir wollen die Natur nutzen, aber so wenig wie möglich belasten.

Bild: Filigrane Arbeit am kleinen Haken. Präzision in jedem Schritt.

 

Mehr Infos zum Fischen

Aktuelle Kurse
www.anglerausbildung.ch/sana-kurse/komplette-kurse

Erst mal reinschnuppern?
Wer vor einem Kurs einmal mitgehen möchte, findet hier das Verzeichnis der Berner Fischereivereine von A bis Z:
www.bkfv-fcbp.ch/ueber-uns/fischereivereine/vereine-von-a-bis-z/


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