Der Thunersee ist Naherholungsgebiet, Wassersportparadies, Tourismusdestination – aber allem voran ein unschätzbar wertvoller Lebensraum für zahlreiche Tierarten. Um das Leben in der Tiefe zu erhalten, wird an der Oberfläche einiges getan – dank zahlreicher Freiwilliger und einem in der Schweiz einzigartigen Fonds.
Text: Alina Dubach | Illustration: Lorena Hadorn | Bilder: Alina Dubach, Matthias Meyer, Michel Roggo, Jonas Steiner und Martin Mägli
«Viele denken, dass Fische vor allem durch Wasserverschmutzung oder Vergiftungen bedroht werden», erklärt Daniel Ducret, selbst leidenschaftlicher Fischer und Geschäftsführer des Bernisch Kantonalen Fischerei-Verbandes (BKFV). Zwar bedeuten auch Verunreinigungen durch Chemikalien und Pestizide Stress für die Wasserbewohner, doch noch grösser ist das Problem des fehlenden Lebensraums.

Bild: Wichtiges Gewässer in der Forellenregion: Die Kander zwischen Wimmis und dem Thunersee. (Foto: Martin Mäggli)
«Es sind vor allem die Strukturen im Wasser, die Fischen Unterschlupf, Nahrung und Laichplätze bieten, die dringend nötig wären», weiss Ducret. Begradigte und verbaute Bach-, Fluss- und Seeufer sind triste Einöden, in denen es den Fischen an geeignetem Lebensraum fehlt. Früher sei es gang und gäbe gewesen, Totholz sofort aus allen Gewässern zu entfernen, damit diese im Falle von Hochwasser keine Gefahr darstellen. Heute weiss man, dass vor allem Gehölz im Wasser von unschätzbarem Wert für Fische und andere Tiere sind und dass man den Gewässern, wo immer möglich, Platz gibt. Das ist der beste Hochwasserschutz. Totholz bietet Jungfischen Schutz vor grösseren Räubern und Wasservögeln, auf deren Speiseplan kleinere Fische stehen. Gleichzeitig halten sich hier oftmals Fischnährtiere wie Larven und Insekten auf – die wiederum eine wichtige Nahrungsgrundlage für Fische sind.

Bild: BKFV-Geschäftsführer Daniel Ducret setzt sich mit den Berner Fischereivereinen proaktiv für natürliche Gewässer ein. Der Renaturierungsfonds RenF mit dem Fischereiinspektorat ist ein wichtiger Partner des BKFV.
«Eigentlich spielt sich an See- und Flussufern ein eigenes Ökosystem ab», erklärt Ducret weiter. So könne man davon ausgehen, dass etwa Haubentaucher, Gänsesäger und Kormorane, die sich von Fisch ernähren, sich vorwiegend dort aufhalten, wo auch Fische im Wasser sind. Eindrücklich zu sehen auf der Höhe der Fischzuchtanlage des Fischereiinspektorats des Kantons Bern in Faulensee. Hier wurde eine ruhige Uferzone gebaut, mit Totholz und Flachwasserzone. Wer weiter in Richtung Spiez dem Uferweg folgt, trifft auch auf eine ganze Reihe Bäume, die aus dem gleichen Grund am Ufer entlang ins Wasser platziert wurden. «Die Bäume werden entsprechend gesichert, um auch bei Hochwasser keine Gefahr darzustellen.»
Bild: Die Kander bietet Lebensraum für viele Tierarten. So in ihrem natürlichen Zustand im «Augland». (Foto von Martin Mäggli)
Noch sind etwa 15000 Kilometer Fliessgewässer in der Schweiz verbaut – und damit eine grosse Gefahr für die Fische. 4000 Kilometer sollen bis 2090 renaturiert werden. Umgesetzt wurden bisher nur 300 Kilometer. Der fehlende Schutz vor Hitze und nicht vorhandene Platz für das Ablegen von Laich sind für die Fische existenzbedrohend. Für Fischer:innen sei es ein ohnmächtiges Gefühl, auf grosse Projekte und Bewilligungen zu warten, so Ducret. «Auch deshalb wurde ‹Fischer schaffen Lebensraum› gegründet. Das Ziel ist, die Eigenverantwortung der Fischer:innen zu fördern. Das Bewusstsein, dass es Möglichkeiten gibt, sich selbst für die Gewässer im eigenen Umfeld einzusetzen, soll gestärkt werden.»
Fischer schaffen Lebensraum
Die Grundlage dafür wurde vom Schweizer Fischereiverband SFV geschaffen. Ein vorbildliches Handbuch soll eine praktische Anleitung für jedermann und jederfrau sein, Massnahmen praktisch umzusetzen. Der Erfolg ist gross, es wurde bereits die zweite Auflage gedruckt.

Bild: Gewässeraufwertung mit Flachwasserzonen und Totholz in Faulensee BE. Besonders wichtig für Klein- und Jungfische. (Foto von Martin Mäggli)
Neben dem Buch gibt es noch weitere Projekte: Im 2024 starteten die ersten Workshops im Kanton Bern, initiiert durch den BKFV. Rund 20 Teilnehmer:innen aus 13 Fischereivereinen trafen sich in Spiez und besuchten nach dem Theoriemorgen bereits umgesetzte Projekte wie den Dorfbach in Wimmis und das Haustrich-Gräbli als praktische Beispiele. Im August fand im Kandertal im Allmibächli ein Praxistag statt. 200 Meter wurden durch Fischer:innen von Betonelementen befreit, mit Wurzelstöcken, Lenkstrukturen und Steinbuhen sowie Raubäumen versehen. Das Ziel: Das erworbene Wissen nach Hause in die örtlichen Vereine tragen, wo eigene Projekte realisiert werden können. Das Potenzial ist gross. Der BKFV hat über 60 angeschlossene Fischereivereine mit über 5500 Mitgliedern im ganzen Kanton.
Bei der Lebensraumaufwertung werden zwei Varianten unterschieden. Die Revitalisierung und die Renaturierung. Letzteres ist Sache des Renaturierungsfonds – dazu später mehr. Die Arbeit der Fischer:innen konzentriert sich auf die Revitalisierung. Hierbei spricht man im Rahmen des Gewässerunterhalts von «Instream-Restaurierung».
Einfache Mittel, grosse Wirkung
«Fischer schaffen Lebensraum» bezieht sich vor allem auf Massnahmen, die durch Handarbeit umgesetzt werden können. Beispiele sind etwa die Aufwertung von kleinen Bächen und Flüssen, die stark begrenzt wurden. «Die Idee ist, mit einfachen Mitteln das Bachbett ökologisch aufzuwerten. Gewässertypische Baustoffe werden verwendet, um die Strömung gezielt zu beeinflussen, sodass die angestossene Veränderung von allein für eine natürliche Weiterentwicklung des Lebensraums sorgt», erklärt Ducret das Prinzip.
«Läbigs Berner Wasser»
Unter diesem Motto arbeitet auch der Renaturierungsfonds (RenF) des Kantons Bern, der beim Fischereiinspektorat angesiedelt ist. «Wenn wir sehen, dass eine Stelle am See- oder Flussufer unsere Ressourcen übersteigt, nehmen wir Kontakt mit dem RenF auf», erklärt Ducret.


Fotos: Revitalisierung durch Fischer: Eingebaute Wurzelstöcke dienen den Fischen als Unterstand. Die Kiesaufschüttung dient als Laichplatz für Forellen.
Ein Fonds dieser Art existiert bisher nur im Kanton Bern. Entstanden ist er durch eine Abstimmung vor über 25 Jahren, bei der das Berner Stimmvolk beschloss, die Gewässer im Kanton naturnaher zu gestalten oder wenn möglich verbaute Stellen in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen. Initianten der Abstimmung waren verschiedene Umweltorganisationen mit Fischer:innen des BKFV.
Finanziert wird der RenF durch zehn Prozent der jährlichen Abgaben für die Wasserkraftnutzung an den Kanton. Damit verfügt er pro Jahr über etwa vier Millionen Franken. «Der RenF unterstützt Gemeinden und die Öffentlichkeit bei der Umsetzung von Renaturierungen und initiiert eigene Projekte durch Abklärungen, Machbarkeitsstudien, Einzugsgebietsstudien und ermöglicht entsprechenden Landerwerb», so Ducret.

Bild: Fischer bei «Fischer schaffen Lebensraum» im Kandertal, an einem Seitenbach der Kander.
Auch eine umfangreiche Qualitätssicherung gehört zu den Aufgaben des RenF, ökologische Wirkungs- oder spezifische Erfolgskontrollen zu gewissen Projekten können angeordnet werden. Dabei wird der ökologische Zustand vor und nach dem Projekt sowie die Veränderung der Artenzusammensetzung dokumentiert. Daraus gewonnene Informationen werden bei Folgeprojekten umgesetzt, um die Wirkung zu steigern. Finanziert werden können, je nach ökologischem Mehrwert, bis zu 80 % des Restbetrages nach Abzug der ordentlichen Beiträge durch Bund und Kanton sowie allfälliger Dritter.

Projekte, die der Renaturierungsfonds (RenF) unterstützt
- Naturnahe Massnahmen an Gewässern
- Vorzeitige Sanierungen bzw. ökologische
- Aufwertungen von Hochwasserschutzbauten
- Auenrevitalisierungen, Ausdohlungen
- Fischwanderungen und Laichplätze
- Aufwertung von Landschaften am Gewässer
- Landerwerbe und einmalige Entschädigungen
- Zusätzliche ökologische Aufwertungen im Zusammenhang mit anderen Projekten