Ländten verbinden

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Aktuell gibt es rund um den Thunersee 15 Ländten, die von der Seeflotte der BLS ange- fahren werden. Aus kultureller und historischer, aber auch aus wirtschaftlicher Sicht sind diese Bauten untrennbar mit der Region und ihrem Werdegang verbunden.

Text: Patrick Leuenberger  |  Fotos: Annette Weber

Seit jeher bauen die Menschen ihre Siedlungen in unmittelbarer Nähe zu Gewässern. Das menschliche Leben war schon immer durch das Wasser geprägt und wir stehen mit dem blauen Element in einer ganz besonderen Verbindung, nicht zuletzt, weil unser Leben ohne Wasser gar nicht möglich wäre. Dabei sind Menschen verhältnismässig schlechte Schwimmer und können sich nur für kurze Zeit im Wasser aufhalten. Einerseits zieht es uns fast magisch zum Wasser hin, trotzdem müssen wir stets einen gewissen Abstand davor bewahren. Das Leben kann nur neben dem Wasser stattfinden.

Als einfachste Form der Hafenanlage sind Ländten gewissermassen die Schnittstellen zwischen den Menschen und dem Wasser. Es waren nicht zuletzt diese befestigten Landungsstellen, die uns in den vergangenen drei Jahrhunderten eine ökonomisch effiziente Nutzung der Gewässer ermöglicht haben. Ganz besonders für die Holzwirtschaft waren die Ländten von unschätzbarem Wert, da das Holz so ganz einfach ein- und wieder ausgewassert werden konnte – bequemer konnte man Holz vor der Industrialisierung nicht transportieren.

Bellevue 

Am 31. Juli 1835 wurde das erste Dampfschiff, die «Bellevue» der Gebrüder Knechtenhofer, auf dem Thunersee in Betrieb genommen. Dieser technologische Meilenstein bewirkte grundlegende Veränderungen für das Leben am See: Durch die Motoren waren die Schiffe nun schneller und stabiler im Wasser, darüber hinaus konnte darauf sogar ein Restaurant betrieben werden (die Knechtenhofers waren Gastwirte). Damit eröffneten sich der Tourismusbranche ganz neue Möglichkeiten. 


Thun-Hofstetten und Neuhaus 

Nicht zuletzt stellten die grösseren Schiffe und deren Verwendung auch ganz neue Ansprüche an die Ländten, die den Passagieren einen möglichst angenehmen Ein- und Ausstieg ermöglichen sollten. Die ersten Schiffe verkehrten ohne Halt zwischen Thun-Hofstetten und Neuhaus. Hofstetten wurde deshalb als Ausgangspunkt gewählt, weil sich dort die Fremdenpension Bellevue befand. 


Thun Freienhof und Scherzligen 

Eine zweite Thuner Ländte entstand 1856 beim Freienhof. Hier sollen sich 1896 spektakuläre Szenen abgespielt haben: Durch einen unglücklichen Zufall verloren Marktleute aus Oberhofen ein Ruder und somit die Kontrolle über ihr Schiff. Hilflos trieben sie auf die Schleusen zu, bis sie vom Goldschmied mit einem Seil an Land gezogen wurden. Ein grosses Glück im Unglück der Schiffbrüchigen. Zwar gingen Schiff und Ware verloren, aber alle haben es mit heiler Haut ans Ufer geschafft.

Als 1859 die Bahnlinie Bern-Thun gebaut wurde, entstand ein grosse Debatte darüber, wo in Thun der Bahnhof gebaut werden sollte. Aus ökonomischen Gründen entschied man sich schlussendlich für einen Standort bei der Allmendbrücke. Somit mussten Reisende die ganze Stadt längs durchqueren, um vom Bahnhof zur Ländte Freienhof zu gelangen. Das Reisen wurde dadurch so unbequem, dass die Bahnlinie bereits zwei Jahre nach ihrer Eröffnung bis nach Scherzligen erweitert wurde, wo daraufhin eine weitere Ländte gebaut wurde.

In den folgenden Jahren kamen die ersten Zwischenstationen dazu. Anfangs hielten die Schiffe noch nicht direkt am Ufer, sodass die Passagiere mit Ruderbooten vom und zum Schiff befördert werden mussten.



Anfangs hielten die Schiffe nicht direkt am Ufer, sodass die Passagiere mit Ruderbooten vom und zum Schiff befördert werden mussten.

Spiez 

Als erste Zwischenstation auf der Route der Thunerseedampfer kam 1862 Spiez dazu. Zunächst war sie nur provisorisch bedient, mit dem Bau der Landungsbrücke 1871 wurde sie definitiv in den Fahrplan aufgenommen und ist bis heute durchgehend in Betrieb geblieben. Vorübergehend, das heisst zwischen 1905 und 1960, fuhr zwischen dem Spiezer Bahnhof und der Ländte eine Verbindungsbahn. Anschliessend wurde sie durch eine Busverbindung ersetzt.


Faulensee 

1875 wurde die Zwischenstation in Faulensee eröffnet, mangels Nachfrage wurde der Betrieb nur sieben Jahre später aber eingestellt. Ob damals schon ein Landungssteg vorhanden war, ist nicht überliefert, eine Kahnbedienung scheint aber wahrscheinlicher zu sein. Die neue Ländte Faulensee wurde schliesslich am 15. Mai 1929 offiziell in den Fahrplan aufgenommen und ist bis heute ohne Unterbruch in Betrieb.


Einigen 

Am gleichen Tag feierte man auch die Eröffnung der Ländte Einigen, die gemeinsam mit derjenigen in Faulensee beantragt, finanziert und gebaut wurde. Die Ländte Einigen, von der kantonalen Denkmalpflege als erhaltenswert eingestuft, befindet sich direkt unterhalb der historischen Kirche. Es ist keine Überraschung, dass zahlreiche Hochzeitsgesellschaften sich an diesem malerischen Flecken Erde zusammenfinden und sich diesen besonderen Tag gleich mit einer Schifffahrt zu einem einzigartigen Erlebnis machen. Auch Menschen, die nur etwas Ruhe beim Picknicken oder Angeln suchen, begeben sich gerne zu der idyllischen Häslermatte, die sich direkt bei der Ländte befindet.


Oberhofen und Hünibach 

Im Sommer 1937 kamen gleich zwei Ländten in Oberhofen und eine in Hünibach hinzu. Diejenige am Stiftsplatz, eingebettet zwischen Schloss und Schlössli, galt seinerzeit als schönste Ländte am Thunersee. Etwas bescheidener fielen die anderen beiden aus, diese wurden nicht mit Warte-, Büro- und Gepäckräumen ausgestattet. Nachdem das erste Schiff auf dem See, die Bellevue, 1864 versunken war, blieb sie ganze 138 Jahre lang verschollen. Erst kurz nach der Jahrtausendwende wurde der historische Thunerseedampfer von Hobbytauchern vor der Ländte Oberhofen endlich wiedergefunden.


Gwatt Deltapark 

Die jüngste Ländte feierte 1975 ihre Eröffnung, damals noch unter dem Namen «Gwatt Heimstätte». Zwei Jahrzehnte später wurde sie zu «Gwatt Zentrum» umbenannt, seit 2016 heisst sie nun «Gwatt Deltapark». Von den Ländten, die heute noch in Betrieb sind, haben wir gerademal rund die Hälfte aufgeführt. Bei den restlichen konnte nicht genau erschlossen werden, seit wann sie bestehen. Sicher ist, dass die Ländten Hilterfingen, Gunten, Merligen, Interlaken West, Beatenbucht und Beatushöhlen-Sundlauenen alle älter sind als die von Oberhofen und Hünibach.

Geliebte Ländten 

Als die BLS 2006 entschied, die Ländten Einigen, Leissigen und Därligen zu schliessen, war die Bestürzung gross. Die Anlegestellen waren, laut BLS, baufällig und die Kosten wurden auf jeweils 150000 Franken geschätzt. In Anbetracht des geringen Marktpotenzials entschied man sich gegen die Investition. Trotz erheblichen Widerstands von Seiten der Gemeinden und der Bevölkerung hielt die BLS an der Entscheidung fest und setzte die Ländten 2007 ausser Betrieb.

Zumindest für Einigen war dies aber nicht das Ende vom Lied. 2014 wurde ein Verein ins Leben gerufen, der sich für die erneute Inbetriebnahme der dortigen Ländte einsetzen sollte. Was erst als reine Geldsammlung angedacht war, entwickelte sich schnell zu einem grösseren Unterfangen: Zwar war die BLS damit einverstanden, dass die Ländte saniert wird, jedoch wollte sie das Bauprojekt nicht selbst abwickeln. Damit das Projekt gelingen konnte, musste sich der Verein deshalb selbst um die Baubewilligung bemühen und die bauliche Umsetzung leiten. 

Am 5. Mai 2016 konnte die Ländte schliesslich mit einem schönen Fest wieder in Betrieb genommen werden und wird seither mit den Kursschiffen angefahren. Die Finanzierung der Sanierung erfolgte grösstenteils durch den Verein und die BLS hat ebenfalls Eigenmittel und Know-how beigesteuert. Die grosse Hilfsbereitschaft in der lokalen Bevölkerung hat bei dieser Sammelaktion bewiesen, wie wichtig den Menschen ihre Ländte ist. Ohne Zweifel verhält es sich in den anderen Gemeinden um den Thunersee ebenso. 

Seit diesem Jahr wird auch die Ländte in Leissigen nach einer längeren Sanierung wieder angefahren.



Seit diesem Jahr wird auch die Ländte in Leissigen nach einer längeren Sanierung wieder angefahren.


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