Raus aus dem Alltag, rein ins Kajak

Raus aus dem Alltag, rein ins Kajak

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Spiegelglattes Wasser am Morgen, sanfte Wellen am Abend: Der Thunersee zeigt sich vom Kajak aus jeden Tag etwas anders. Zwischen Bergen, Stille und rhythmischen Paddelschlägen wird aus einer einfachen Ausfahrt ein Perspektivenwechsel – und ein Stück Freiheit direkt vor der Haustür.

Text: Maria-Theresia Zwyssig
Bilder: Maria-Theresia Zwyssig

Ankommen am See

Wann ist der beste Zeitpunkt für eine Kajakfahrt auf dem Thunersee? Ehrliche Antwort: immer (Ausser bei Gewitter!). Die Stimmung ist jeden Tag anders. Früh an diesem Morgen liegt der See spiegelglatt da, als hätte ihn jemand frisch poliert. Die Bergkanten von Niesen, Blüemlisalp und Stockhorn sind messerscharf gezeichnet, die Welt wirkt sortiert, ruhig, fast andächtig. Am späteren Nachmittag, vielleicht nach einem langen Arbeitstag, ist es anders: Das Einwassern wird zur Entschleunigungstherapie. Gedanken dürfen mit den kleinen Wellen davontreiben – theoretisch bis in die Nordsee.

Mein gelbes Seekajak begleitet mich seit einigen Jahren. Es hat schon fremde Gewässer gerochen. Einmal sind wir gemeinsam von Pavia aus losgezogen, dort, wo sich Ticino und Po treffen, und bis nach Venedig gepaddelt. Durch den Canal Grande, unter der Rialtobrücke hindurch – ein Riesenspass. Zugegeben: es gibt strenge Regeln. Für Kajaks ist der Hauptkanal oft gesperrt und nur zu bestimmten Zeiten befahrbar. Die Sicherheit geht vor, nicht dass es eine Kollision mit Vaporettos und Wassertaxis gibt. Auf dem Thunersee ist das alles deutlich entspannter. 

Bild: Plätzchen am Kanderdelta: Gebaute Steinmännchen, ziehende Wolken - ein Moment ohne Eile.

Das Boot

Ein Seekajak ist schlank, stabil (eine grosse Erleichterung, wenn man nicht ständig baden gehen möchte). Es ist gemacht für lange Strecken, Seen und sogar fürs Meer. Im Gegensatz dazu stehen Wildwasserkajaks: kurz, extrem wendig und ideal für Flüsse mit Steinen, Stromschnellen, Verwirbelungen und Adrenalinschübe. Mein Seekajak hingegen gleitet ruhig dahin, bleibt spurtreu und lässt sich dank dem Einsatz des Skeg (Ruderleitflosse am Heck) präzise steuern. Das Cockpit ist eher klein als geräumig. Viel Beinfreiheit gibt es nicht, dafür einen direkten Kontakt zum Boot – Mass­anzug statt Jogginghose. Drei wasserdichte Schotten sorgen dafür, dass Zelt, Kocher und Schlafsack trocken bleiben, selbst wenn das Boot einmal Bekanntschaft mit der Schwerkraft macht und kentert. Direkt hinter dem Cockpit liegt eine Tagesluke für Proviant, Sonnencreme und andere lebenswichtige Dinge – Feldstecher oder ein Ricola. Sehr praktisch, weil Aussteigen ist überbewertet. Gelb ist das Kajak übrigens nicht aus modischen Gründen, sondern, weil es auf dem Wasser einen schönen Kontrast gibt. Sicherheit kann auch stilvoll sein.

Bild: Wenn der Tag am Kanderdelta langsam ausklingt: ein kleines Feuer - mehr braucht 
es nicht.

Vor dem Einwassern

Bevor es losgeht, prüfe ich Wind und Wetter. Droht ein Gewitter, bleibt das Kajak im Keller. Ein paar Wellen hingegen sind willkommen – sie machen die Sache spannend. Die Vorfreude ist jedes Mal da. Was ich am Kajakfahren liebe, ist die Mischung aus Stille und Bewegung: das leise Plätschern, das gleichmässige Vorwärtskommen, der Blick auf die Berge, Niesen, Blüemlisalp, Stockhorn, Sigriswiler Rothorn, Niederhorn, Eiger, Mönch, Jungfrau.

Zur Ausrüstung gehören Schwimmweste, Pumpe, Proviant und das Natel in wasserdichter Hülle. Sicherheit zuerst. Wenn ich allein unterwegs bin, weiss immer jemand Bescheid. Das Boot schiebe ich halb ins Wasser, steige ein, ein kurzes Wackeln – dann finden wir gemeinsam das Gleichgewicht. Der erste Paddelschlag fühlt sich jedes Mal an wie ein kleines Stück Freiheit. Keine Spur, keine Linie, nur Richtung. Den eigenen Weg gehen.

Bild: Sitzplatz mit Aussicht: Die Berner Alpen vom Kajak aus.

Auf dem Wasser – Perspektivenwechsel

Das Gleiten über den See ist ein besonderes Gefühl. Ruhig – und gleichzeitig kraftvoll. Der See zeigt viele Gesichter: tiefblau, smaragdgrün, manchmal fast mystisch. Der grosse Unterschied zum Fluss ist die Strömung. Auf dem Po kam ich selbst ohne Paddelschläge vorwärts. Hier ist (fast) alles selbst erarbeitet – aber genau das macht es wertvoll. 

Statt Tankern begegnet man auf dem Thunersee SUPs, Segelbooten und den Kursschiffen. Man winkt sich zu, hält Abstand, kennt den Fahrplan der Schiffe. Im Winter ist Vorsicht geboten: Ein unfreiwilliges Bad wird dann schnell ernst. Trotzdem hat jede Jahreszeit ihren Reiz.

Bild: Kurs Thun, dem Sonnenuntergang entgegen.

Bild: Abendruhe am Thunersee, das Stockhorn im Hintergrund, Kondensstreifen ziehen durch den Himmel.

Kleine Momente unterwegs

Eine Kajakfahrt besteht nicht nur aus Kilometern. Es sind die kleinen Momente: ein Picknick an einem Kiesstrand, den man zu Fuss kaum erreicht, ein Feuer in einer geschützten Bucht, das Treibenlassen der Gedanken. Man kann sich auspowern – muss es aber nicht. Auf dem See wird das Kajak zum kleinen zu Hause auf Zeit.

Bild: Ein Tropfen zieht Kreise - eine Steinspirale findet Ordnung.

Rückkehr ans Ufer

Irgendwann werden die Arme müde, ein zufriedenes Gefühl breitet sich aus. Das gelbe Kajak und ich gehen wieder an Land. Oft blicke ich zurück auf die Strecke – nicht mit Wehmut, sondern mit Dankbarkeit. Für diesen See. Für diese Landschaft. Und dafür, dass dieses Stück Freiheit direkt vor der Haustür liegt.

Bild: Unerwartete Begleiterin: Eine Spinne reist ein Stück mit.

Einladung

Mit dem Seekajak auf dem Thunersee unterwegs zu sein, ist etwas Besonderes. Ob Einsteiger, Ruhesuchende oder versierte Sportler:innen: der See lädt ein, ihn aus einer neuen Perspektive zu entdecken. Man muss nur einsteigen und lospaddeln.
 Bild: Eine Bachforelle, erkennt man an der Musterung. Typisch sind die roten Punkte.


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