Die vielfältigen Landschaften des Berner Oberlands laden zu wunderschönen Wanderungen ein. Das Wanderwegnetz ist dicht und die Wege dank Freiwilligen gut unterhalten. Ronald Gohl und Gabriel Häfliger haben in ihrem Buch «45 faszinierende Wanderungen im Berner Oberland» eine überschaubare Anzahl an abwechslungsreichen Wanderungen zusammengestellt. Nachfolgend werden zwei davon vorgestellt – eine eher leichtere, den Niesen immer im Blick, und eine eher anspruchsvollere, in der das wildromantische Suldtal durchquert wird.
Text: Ronald Gohl | Bilder: Gabriel Häfliger, zvg | Bearbeitung: Laura Spielmann

Panoramaweg
vis-à-vis der Edelpyramide
Schwanden – Merligen
Es gibt nur wenige Orte auf der Welt, wo man sich sofort zu Hause fühlt – einer davon dürfte hoch über dem Thunersee auf einer Sonnenterrasse gegenüber der majestätischen, wie von einem Bildhauer gemeisselten Pyramide des Niesens (2362 m ü. M.) liegen. Vor uns breitet sich der Thunersee aus – und dies, zusammen mit den saftig grünen Weiden und den hübschen Chaletbauten im Vordergrund, macht den Reiz dieser Gegend aus. Unsere Panoramawanderung führt von Schwanden, 500 Meter über dem Thunersee, nach Merligen am See.

Bei der Endstation in Schwanden haben wir erst einmal Gelegenheit, das überwältigende Panorama mit dem alle Blicke auf sich ziehenden Niesen zu bewundern. Danach machen wir uns auf die Socken. Zunächst gehts auf einem guten, kaum befahrenen Strässchen praktisch eben über Zälgli nach Sagimad. Auch bis Schlieregg können wir noch praktisch eben weiterspazieren. Unterhalb der Schlieregg heisst es aber aufgepasst: Wir nehmen den Weg rechts, der über die Wiesen und vorbei an freistehenden Ställen über Sanggenbüel nach Felden bei Sigriswil hinunterführt.

Wir queren die Autostrasse ins Justistal und nehmen den steilen Fussweg in den Ortsteil Endorf hinab. Sigriswil ist eine vom Klima und der Lage bevorzugte Wohngemeinde, die sich im 20. Jahrhundert als Ferienort etabliert hat. Die vielen schönen Chalets sorgen für ein intaktes Dorfbild. Wir nehmen in Endorf den Weg, der nach Osten führt. Ein kleines Wäldchen, durch das der Stampach plätschert, verspricht im Sommer wohltuenden Schatten. Bei der nächsten Wegverzweigung nehmen wir den oberen Weg, der uns in Richtung Bärenegg dirigiert. Wenige Meter später bei Windige ist es dann der untere Weg. Ab hier können wir eigentlich nicht mehr falsch gehen. Unser Wanderweg senkt sich kontinuierlich nach Merligen und zum Thunersee hinunter. Zahlreiche Ruhebänke laden zum Verweilen und zum Schauen ein – hier scheint die Welt tatsächlich schöner als anderswo zu sein.
Wir erreichen das Ralligholz und damit die ersten Häuser des Dorfes Merligen, von wo aus die Strasse bis zum Seeufer hinunterführt.
Wissenswertes über die Wanderung
Wanderzeit: 1,5 Stunden
Schwierigkeitsgrad: Leicht – ein wunderschönerPanoramaweg hoch über dem See – 509 m bergab.
Wandersaison: Das ganze Jahr, wenn kein Schnee auf den Wegen liegt.
Verpflegung: Picknick einpacken, es gibt weder am Ausgangspunkt noch unterwegs Einkehrmöglichkeiten.
Erst in Merligen kann man sich in verschiedenen Restaurants stärken.
Die Weltabgeschiedenheit im hinteren Suldtal
Aeschiried – Rengglipass – Saxeten
Südlich des Thunersees liegt das rund acht Kilometer lange Suldtal, das sich von Aeschiried in südöstlicher Richtung bis unter das markante, 2248 Meter hohe Morgenberghorn erstreckt. Wer keine Höhenunterschiede und längere Wanderungen scheut, wird sich über die Weltabgeschiedenheit im hinteren Suldtal erfreuen. Wir beginnen unsere Wanderung beim Schulhaus in Aeschiried.
Die bevorzugte Lage hoch über dem Thunersee haben nicht nur die Landwirte erkannt, die hier eine reiche Heuernte einfahren, auch Ferienchalets und Einfamilienhäuser gibt es reichlich. Wir wandern von Aeschiried aus ziemlich eben ins Suldtal hinein. Das weitgehend unberührte Gebirgstal steht unter Naturschutz. Über 20 verschiedene Orchideen und prächtige Bergblumen säumen die Wege und Berghänge im Suldtal.

Vom mittleren Talabschnitt an gibt es einen Wanderweg, der in Bachnähe parallel zum Strässchen verläuft. In Suld können wir uns für den bevorstehenden Aufstieg in einer schmucken Gastwirtschaft stärken. Danach nehmen wir die nächste Etappe in Angriff und steigen zunächst auf der Alpstrasse bis zum Punkt 1142 auf. An dieser Stelle zweigt ein schmaler Wanderweg ab, der durch den Sattelwald und am atemberaubenden Pochtenfall vorbei zur Alphütte in Louene führt. Hier hat uns das Strässchen wieder, das sich weiter den Berg hinauf bis zur obersten Alp Mittelberg auf 1585 m ü. M. schlängelt.

Jetzt folgt der eigentliche, kräftezehrende Aufstieg zum Rengglipass. 294 Höhenmeter müssen noch überwunden werden, und der Weg weist steil den Hang hinauf. Nachdem wir die Steilstufe bezwungen haben, stehen wir auf dem 1879 Meter hohen Passübergang und blicken über das Bergdorf Saxeten bis zum Brienzersee hinunter.
Nachdem wir wieder zu Atem gekommen sind, gehts nur noch bergab, zunächst über die Weiden von Innerberg zur Waldgrenze hinunter, von wo aus wir über Ramsermatten nach Saxeten absteigen.

Wissenswertes über die Wanderung
Wanderzeit: 5 Stunden
Schwierigkeitsgrad: Anspruchsvoll – gut markierte, aber exponierte Bergwege – 864 m bergauf, 748 m bergab.
Wandersaison: Von ca. Mitte Juni bis Oktober.
Verpflegung: Restaurant Pochtenfall im Suldtal (restaurant-pochtenfall.ch), Renglipass-Hütte (nur zeitweise geöffnet), Hotel-Restaurant Alpenrose in Saxeten.
Buchtipp

45 faszinierende Wanderungen im Berner Oberland
Ronald Gohl (Textautor); Gabriel Häfliger (Bildautor)
296 Seiten, mit 69 Abbildungen und 40 Karten
ISBN 978-3-03818-349-5
CHF 39.–
Erhältlich auf www.weberverlag.ch oder im Buchhandel.