Krokusse, überraschende Frühstarter

Krokusse, überraschende Frühstarter

Auch wenn der letzte Schnee sich über die Erde legt, sind sie am Schadaupark oder Niederhorn in den ersten Monaten des Jahres kaum zu übersehen: die Krokusse, kraftvolle und erstaunlich anpassungsfähige Pflanzen, die mit ihrer Farbenpracht den Frühling einläuten.

Text: Maximilian Geiger | Bilder: iStock, zvg, Sabine Joss

 

Iridaceae» – so die lateinische Bezeichnung der Familie der Schwertliliengewächse, zu denen Krokusse zählen. Obwohl die meisten Krokusarten im Vorfrühling ihre Hauptblütezeit haben, gedeiht der Krokus das gesamte Jahr hindurch und erreicht nicht selten eine Wuchshöhe von etwa 20 cm. In Gelb-, Weiss- oder Lilatönen und mit den markanten kelchartigen Blüten machen die Krokusse das gesamte Jahr hindurch in ihrer Farbenpracht und mit ihren geradlinigen Formen auf sich aufmerksam. Eines der Merkmale, die die Botanikerin Kathrin Häberlin an Krokussen am meisten begeistert: die linealen, schmalen Blätter mit ihrer breiten weissen Mittelrippe. Man muss hierfür schon genau hinsehen, betont Häberlin – aber gerade darin liege die Schönheit von Pflanzen. Rund 100 Arten gibt es alleine vom Krokus, und jedes Exemplar verfügt über etwas Eigenes neben den allgemeinen, typischen, verbindenden Merkmalen. Herbstkrokusse – sog. Herbstblüher – blühen z. B. von September bis November, die Fruchtbildung setzt dann erst im folgenden Frühjahr ein. Neben dem Siebenbürger Herbstkrokus zählt hierzu etwa auch der Crocus sativus, aus dem sich Safran gewinnen lässt. Die Verbindung des Edelgewürzes mit unserer heimischen Krokuspflanze scheint aufs Erste überraschend, doch hat sie natürliche Gründe, die wir uns noch ansehen werden.


Bild: Leuchtend Rot: die Safranfäden bzw. Narben des Krokus-Stempels.

Blühen die sog. Frühblüher von Februar bis April, versorgen sie Bienen und Hummeln mit Pollen und Nektar, die für diese eine wichtige Nahrungsquelle sind. Bekannte Beispiele dieser Gruppe sind der Frühlings-Krokus (Crocus albiflorus) oder der Elfen-Krokus (Crocus tommasinianus). Für Häberlin ist das immer wieder eine besondere Zeit, denn die Frühblüher als Ankündiger des Frühlings und der warmen Jahreszeit, die Hummeln in den Blütenkelchen, machten einfach Freude.

Krokus ist aber nicht gleich Krokus, denn es lassen sich verschiedene Arten und Zuchtsorten unterscheiden: Zuchtexemplare von Wildpflanzen und heimische Krokusse. Die Heimischen wachsen bei uns natürlicherweise erst ab 800 m und haben ihre Hauptverbreitung auf mässig feuchten, nährstoffreichen Bergwiesen. Die einzige heimische Krokusart ist der Frühlings-Krokus Crocus albiflorus. Er blüht ausschliesslich weiss, violett oder gestreift mischfarben und lässt sich von gelben, stets nicht-heimischen Krokussen unterscheiden.

Der Safran-Krokus ist dagegen eine nicht heimische Art. Er wurde etwa um 1500 aus dem Mittelmeerraum oder der Kaschmir-Region bzw. Persien eingeführt. Damit ist er ein Neophyt, also eine Pflanzenart, die seit der frühen Neuzeit mit direkter oder indirekter Hilfe des Menschen (absichtlich oder unabsichtlich) in ein Gebiet «eingewandert» ist und sich dort etabliert hat. 

Ein weiteres wichtiges Merkmal des Krokus ist sein Überdauerungsorgan, das ihm den Charakter eines Knollengewächses verleiht. Die berühmten Tulpen wachsen aus einer Zwiebel, die wie eine Rosenblüte aufgebaut ist und damit verschiedene, rosettenförmig angeordnete Blattschichten aufweist. Die Knolle des Krokus aber ähnelt mehr der Kartoffel. Unterirdische, verdickte Stängelteile bilden das Überwinterungsorgan. Krokusknollen können sich aber auch vermehren: Im Frühjahr bilden sie eine oder mehrere Tochterknollen aus. Aufgrund dieser unterirdischen Überdauerungs- oder Speicherorgane zählen die Krokusse zu den Geophyten. Somit hat ein Krokus eine erstaunliche Resilienz, wie Häberlin betont: An einen bestimmten Ort auf der Erde gebunden, muss er immer wieder das Beste aus seiner Situation machen und steht zugleich für die Beständigkeit der Natur. Und die Natur ist erfinderisch und sorgt für wahre Schätze, die unsere Küchen bereichern.

Bild: Krokusknollen.

Krokusse als Gewürzlieferanten
Der spezielle Crocus sativus liefert Safran und damit eines der hochwertigsten und kostspieligsten Gewürze überhaupt. Man darf ihn aber auf keinen Fall mit der hochgiftigen Herbst-Zeitlosen (Colchicum autumnale) verwechseln. Ist man sich sicher, keine lebensgefährliche Pflanze gepflückt zu haben, sondern eben den Safran-Krokus, kann man aus seinen Stempeln echten Safran gewinnen. Etwa 2300 v. Chr. wurde die Pflanze erstmals erwähnt. 

In Konolfingen gab es einen eigenen Anbau der Pflanzen, welcher der Safranernte diente, die von Oktober bis Anfang November stattfindet. Nur während ca. zwei Wochen blüht die Pflanze gegen Ende Oktober. Aber woher rühren nun die feinen roten Fäden, die zumeist in Miniaturportionen in den Lebensmittelgeschäften angeboten werden? Beim Safran handelt es sich genau gesagt um die leuchtend roten Narben, die aus dem Stempel bzw. der Blüte ragen. Als Stempel wird die Gesamtheit des weiblichen Blütenorgans bezeichnet. Diese Stempel bzw. Narben werden nun als sogenannte Safranfäden getrocknet, reifen und ergeben später das besondere und hochwertige Gewürz, das Speisen wie einem Risotto ihre unverwechselbare samtige, tiefgelbe Farbe verleiht. Und dazu veredelt er den Geschmack! 

Christian Abend, der die Zucht betrieb, weiss, wie viel Arbeit in dieser Verarbeitung steckt. Der hohe Preis für das Gewürz hat auch damit zu tun, dass pro Jahr einer einzigen Knolle gerade mal drei Blüten und damit etwa neun Safranfäden entnommen werden können. Für die Gewinnung von einem Kilogramm Safran sind damit etwa 160 000 Blüten notwendig, die in mühevoller Handarbeit gewonnen werden. Ein Grossteil der internationalen Produktion des Gewürzes ist heute im Iran angesiedelt, aber auch in Afghanistan, Spanien oder Marokko werden Safran-Krokusse für die Gewürzproduktion kultiviert. 

Bild:Die Krokusse (Crocus albiflorus) am Fuss des Gemmenalphorns blühen Ende Mai/Anfang Juni.

Im Walliser Mund wird auf etwa 18 000 Quadratmetern auf dem schönen Hochplateau übrigens seit dem 14. Jahrhundert ebenfalls Safran gewonnen. Hier gedeiht der Safran-Krokus in der freien Natur. Im Schweizer Safrandorf werden in Handarbeit jedes Jahr zwischen einem und vier Kilo Safran geerntet. Auch hier findet die Ernte zwischen Oktober und November statt. 120 private Züchter sind vor Ort angesiedelt, von denen jeder pro Jahr zwischen 10 und 15 Gramm produziert. Was bereits ein einziger Safranfaden bei der Zubereitung eines Essens auslösen muss!

Die Wildform des Safran-Krokus ist nicht mehr eindeutig festzumachen. Vermutlich stammt die Pflanze ursprünglich aus Kreta oder Kleinasien. Im 18. und 19. Jahrhundert wurde der Safran auch als Rauchmittel eingesetzt. Neben heutigen Verwendungen im Lebensmittelbereich und als Färbemittel gilt der Safran in der ayurvedischen Medizin auch als eines der wirksamsten Aphrodisiaka. Ab einem Verzehr von drei bis fünf Gramm kann Safran aber auch toxisch wirken. Studien legen nahe, dass schwangere Frauen sogar den äusserlichen Kontakt zu Safran meiden sollten.

Kultivierung
Krokusse sind also nicht nur farbenprächtig, eigenmächtig, elegant und robust zugleich, sondern haben auch eine kulturelle Bedeutung und dienen sogar als Lieferant hochwertigster Gewürze. Kann diese natürliche Vielfalt der Pflanze auch im eigenen Heim gedeihen und zur Entfaltung kommen? Wie steht es mit seiner Kultivierung? Um dem Krokus die notwendigen Lebensbedingungen und Vermehrungsmöglichkeiten zu bieten, sollten Wiesen, wie Kathrin Häberlin betont, nicht zu früh gemäht werden. Die Knolle müsse nämlich Energie aus ihren Blättern zurückziehen, wofür die Blätter so lange wie möglich erhalten bleiben sollten. Es gibt verschiedene Sorten von Krokussen, die sich für die Blumenkiste, das Beet oder den Rasen eignen. In unseren Gärten sind z. B. Varietäten des Elfen-Krokus und des Frühlings-Krokus besonders oft anzutreffen. Mit ausreichend Sonnenlicht versehen kann man im Herbst Krokusse z. B. in einem Beet mit durchlässigem Boden pflanzen. Oder man kann sie mit anderen Frühblühern kombinieren, wie etwa Kegelblumen, Sternhyazinthen oder Wildtulpen. Es ist aber auch möglich, die Knollen im Herbst einfach in den Rasen zu pflanzen – hier sollte man den Krokus allerdings nicht alleine, sondern in Gruppen pflanzen. Als Faustregel gilt, dass die Knolle ungefähr doppelt so tief wie ihr Durchmesser gepflanzt wird.

Wer mehr zu Pflanzen aus der unmittelbaren Erfahrung lernen möchte, begibt sich in dem von Kathrin Häberlin geleiteten Grundkurs «Feldbotanik» am rechten Thunerseeufer in das spannende Reich der Pflanzenwelt hinein. Und auf einer Wanderung von Trubschachen via Pfyffer und Wachthubel nach Schangnau entlang der Kantonsgrenze Bern-Luzern trifft man in den ersten Monaten des Jahres am Rämisgummen auf ein Meer aus tausenden farbiger Krokusse. Spätestens dann weiss man, dass man im neuen Jahr angekommen ist.

Anmerkung

Der Artikel beruht auf einem Interview mit MSc Kathrin Häberlin.

Kathrin Häberlin studierte Physik an der Universität Bern. Parallel zu ihrer Anstellung als Lehrerin für Mathematik und Physik am Gymnasium Lerbermatt begann sie, sich botanisch weiterzubilden und als Kartiererin beim Floreninventar der Region Thun ehrenamtlich mitzuarbeiten. Sie erhielt 2023 das Zertifikat 600, 2025 das Zusatzzertifikat «Grasartige Pflanzen» der Schweizerischen Botanischen Gesellschaft. Als Abschlussarbeit des CAS «Vegetationsanalyse und Feldbotanik» publizierte sie 2025 das Paper «Recent biodiversity changes in grasslands across elevational bands in Switzerland». Seit 2024 arbeitet sie als Fachspezialistin für Botanik bei «B+S Ingenieure und Planer» in der Umweltabteilung. Ab 2026 wird sie zusätzlich als freischaffende Kursleiterin bei botanikexkursionen.ch Feldbotanikkurse leiten.
haeberlin.kathrin@gmail.com