Kraftort Lichtkirche Scherzligen

Kraftort Lichtkirche Scherzligen

Die ehemalige Marienkirche ist eine der Kirchen, die Sie gesehen und erlebt haben sollten. Sie hat ein beeindruckendes Alter, ist sie doch eine der zwölf tausendjährigen Kirchen am Thunersee.

Text: Andrea Fischbacher |  Fotos: Markus Nägeli, Andrea Fischbacher

Wie die übrigen steht sie auf einem alten Kraft- und Kultplatz, auf dem sich die Sonnenlinie mit der Marienlinie kreuzt. Wenn Sie die Kirche anfangs des Marienmonats Mai und um Maria Himmelfahrt, Mitte August, bei aufgehender Sonne besuchen, werden Sie Teil der Marienerscheinung als Projektion des Lichts über dem Chorbogen. Lichtquelle ist die Sonne, Spiegel die Aare, Erscheinungsort die Kirche. Die Kirche steckt voller Geheimnisse, die entdeckt werden wollen.

Auf einem Moränensporn gelegen und dereinst von Wasser umgeben, legen Münzfunde nahe, dass der Platz bereits in der Antike bekannt gewesen und genutzt worden ist. Die hohen Kräfte stützen diese Vermutung. Bau und Ausgestaltung der Kirche fassen die Energien wie eine Perle oder ein Juwel. Der Slogan: «Gönne dir eine Stunde Scherzligen» trifft die Energiequalität aufs Trefflichste. Die kulturgeschichtliche und spirituelle Bedeutung der Kirche ist gross. Orte, an denen die uralten Kräfte noch erfahrbar sind, sind rar geworden und in der heutigen hektischen Zeit von unschätzbarem, besinnlichem und wohltuendem Wert, weshalb sich die Kirche wunderbar zur Einkehr und Besinnung eignet. Wussten Sie, dass die Kirche so bedeutsam ist, dass sie einen eigenen Unterstützerverein hat, den Verein Freundeskreis Scherzligen? Zusammen mit der Kirchgemeinde will er die Kirche als spirituellen, glaubens und kulturgeschichtlich erstklassigen Raum bewahren und in eine gedeihende Zukunft führen. Engagierte Mitglieder sind willkommen.

Die erste Scherzliger Kirche wurde möglicherweise über einem Doppelgrab Mausoleum aus dem 5./6. Jahrhundert errichtet. Urkundlich nachgewiesen ist sie seit dem Jahre 762. Dem Ortsnamen von Scherzligen liegt möglicherweise der altdeutsche Begriff «Scharreten», Begräbnisort, zugrunde. Die Notgrabung von 1989 hat 144 Bestattungen zutage gefördert. Nicht dass der ehemalige Kultplatz aus einem Begräbnisplatz bestanden hätte. Es ist aber denkbar, dass ein Begräbnisplatz dabei gewesen ist. Wie der vorchristliche Kultplatz wohl ausgesehen hat? Ursprünglich mag ein grosser Baum darauf gestanden haben, ein grosser Stein oder kreisförmig gestellte Steinblöcke. Später hat man wahrscheinlich einen kleinen Holzbau errichtet. Und in der christlichen Zeit eine Kirche aus Stein darauf gebaut, deren älteste seit dem Jahre 762 nachgewiesen ist, jedoch wohl kaum die älteste Kirche am Ort gewesen sein dürfte. Kräftige Plätze an prädestinierten Lagen sind im Volk bekannt gewesen und haben einen wichtigen Stellenwert gehabt, weshalb das Christentum darauf geachtet hat, gerade diese Orte möglichst früh mit dem Bau einer kleinen Kirche zu christianisieren.

Die heutige Kirche Scherzligen, die auf das 10. bis 12. Jahrhundert datiert wird, ist exakt nach der Sonnenlinie, dem Sonnenaufgang am 21. Juni, dem längsten Tag des Jahres, ausgerichtet. Diese Baupraxis ist verbreitet. Und sie ist typisch für die Kirchen in der Romanik. In Scherzligen scheint an Mittsommer die Sonne bei Sonnenaufgang direkt durch das mittlere Chorfenster und folgt der Längsachse der Kirche, dem Mittelgang. Dieses Lichtkonzept ist wichtig gewesen für die Romanik, die Jesus als Lichtbringer erfahrbar machen wollte. Nun wird es Sie kaum erstaunen, dass die Kirche zu jener Zeit mutmasslich eine Johanneskirche war und Johannes dem Täufer geweiht, dem Vorläufer und Wegbereiter von Jesus. Im Gegensatz dazu stand das vorromanische Konzept, das von der Romanik modernisiert und überwunden wurde. Was ist vorher gewesen? Die Gotteshäuser sind nach den natürlichen Leylines ausgerichtet worden. Da diese unter Umständen recht breit sind und die frühen Kirchlein sehr klein, fanden sie problemlos in ihrer Länge, Breite und Höhe in der Leyline Platz. Ein Lichtkonzept schien es noch nicht zu geben, dafür ein Kraftkonzept. Befinden Sie sich in einem kleineren, geschlossenen Raum, gefüllt mit der Kraft einer Leyline, fühlen Sie sich gestärkt und aufgehoben. Kennen Sie das Gefühl, angenommen zu werden, hier sein zu dürfen oder einfach sein zu dürfen? Die gezielte Nutzung dieser natürlichen Kraft in der Stärke eines Kraftorts führte dazu, dass die Gläubigen die Gotteskraft am eigenen Leib spüren, erleben und nachvollziehen konnten. Sie mussten nicht mehr, wie es ihre Vorfahren noch taten, hinaus in die Natur zum grossen Baum oder zum grossen Stein wanden, um dort die Kraft der Wesenheit, die man sich vorgestellt hat, zu finden. Man fand die Kraft nun in den kleinen Gotteshäusern. Ob es Mut gebraucht hat, in der Romanik von diesem Kraftkonzept zum Lichtkonzept zu wechseln? Es wäre spannend, die Menschen, die jenen Wechsel erfahren haben, nach ihren Eindrücken fragen zu können.

Längst steht die Kirche «Unserer Lieben Frau» unter der Schutzherrschaft von Maria. Hinter der Bezeichnung «Unserer Lieben Frau», Liebfrauen- oder Frauenkirche verbirgt sich ein Marienpatrozinium. Im Mittelalter war Scherzligen ein bedeutender Marienwallfahrtsort. Wahrscheinlich wurde das Gotteshaus um 1380 von einer früheren Johanneskirche zu einer Marienkirche umgeweiht. Weshalb? Die Kirche steht nicht nur auf einer Sonnenlinie, sondern auch auf einer natürlichen Leyline, die sie mit ihrer Kraft jedoch nicht mehr ausfüllt. Diese führt diagonal vom rechten Chorfenster zur linken hinteren Kirchenecke. In der Mitte des Bogendurchgangs, exakt dort, wo Sie Anfang Mai und Mitte August das Marienlichtbild bewundern können, kreuzen sich die Sonnen- und die Marienlinie. Dank des Lichtphänomens gilt die Leyline hier als Marienlinie und die Kirche als Lichtkirche. Die Umweihung bezog die Tradition, die Wurzeln des Kirchstandorts wieder stärker mit ein, indem sie auf das Vorhandensein der Leyline aufmerksam macht. Geniessen Sie diesen kraftvollen, heiligen und geschichtsträchtigen Ort, der von der christlichen Kirche erhalten wird, und helfen Sie mit, ihn mit Respekt zu bewahren und zu beleben.