Ein früh genutzter Ort der Kraft

Ein früh genutzter Ort der Kraft

Die magisch schöne Spiezer Bucht, vielleicht eine der schönsten überhaupt, wird seeabwärts vom Spiezberg und seeaufwärts von der Bürg eingerahmt. Interessant sieht sie aus, diese Bürg, ein vom Gletscher geformter Rundhöcker. Ihn sollten Sie bestiegen und erlebt haben. Er steckt voller Überraschungen.

Text und Bilder: Andrea Fischbacher

Die Wunschzeit für einen Augenschein auf dem bewaldeten Doppelhügel über der Bucht ist der frühe Frühling. Oder das Winterhalbjahr. Und trübes Wetter stört die Unternehmung kaum. Auf der Karte sehen Sie, dass auf der Erhebung eine prähistorische Wehranlage angegeben ist, was Sie nicht verwundern wird. Die Lage für eine frühe befestigte Höhensiedlung war ideal. Der Standort war trocken und geschützt, da er aus dem Sumpf herausragte und gut gesichert werden konnte. Der nahe Thunersee bot Trinkwasser und war zugleich Verkehrsweg.

Topografisch vorgegeben bündelten sich hier wichtige Verbindungswege, die wohl schon sehr früh begangen waren. Es handelt sich um die Saumwege über die Pässe ins Wallis und nach Italien oder weiter. Denken Sie etwa an die Verkehrswege durchs Simmental, Kandertal und Lütschinental. Ob die frühen Bürg-Bewohnerinnen und -Bewohner selbst Handel trieben oder aber, wie von der Forschung angenommen, lange Zeit an der Durchreise der Händler, Jäger und Pilger partizipierten, ist nicht abschliessend geklärt. Dass nebst den Handelnden bereits prähistorische Pilgerinnen und Pilger unterwegs waren, obwohl die Hoch-Zeit des Pilgerns im Mittelalter einsetzt, dürfen Sie annehmen.

Zudem dürfen Sie sich das Klima, die Vegetation und die Ausgestaltung der Landschaft etwas anders vorstellen, als sie sich heute präsentieren. Die bewaldete Bürg war mit grosser Wahrscheinlichkeit waldlos und die Ebene an ihrem Fuss muss durch die Flüsse und Bäche, die sich mäandrierend durch die Wiesen schlängelten, immer wieder überschwemmt und sumpfig gewesen sein. Zudem war es teilweise merklich wärmer, als es heute ist, was die Begehbarkeit der damaligen Pässe ermöglichte. Das Bild, das sich zeichnen lässt, ist so gleich und doch so anders.


Seit Montesquieu gilt die Auffassung, dass sich Klima und geografische Lage, zu der im Kleinen auch die Topografie zählt, wohlstandsbildend auswirken können. Wie es ihnen wohl erging, den Menschen auf der Bürg? Ihre Siedlungsstelle wurde mehrfach archäologisch untersucht. Der vom Gletscher zurückgelassene Rundhöcker weist zwei Gipfel auf, zwei befestigte Kuppen. Die höhere, der Tschuggen, liegt direkt über dem See und soll etwas später besiedelt worden sein. Die tiefere, die Bürg, orientiert sich gegen die Tal- und Bergseite hin. Auf der Bürg wurde eine noch gut sichtbare Trockensteinmauer samt einer Herdstelle gefunden. Die Besiedlungszeit reicht zurück bis in die Steinzeit. Die meisten Funde, darunter Tierknochen und eine grosse Anzahl Scherben, datieren in die Bronzezeit.

Ihrem Ausflug in die Stein- und Bronzezeit steht nichts mehr entgegen. Von allen Seiten ist der Bürghügel mit Wegen erschlossen. Die steilen Felswände erfreuen die Kletternden. Am einfachsten halten Sie sich an den ausgeschilderten Wanderweg. Die landschaftlich reizvollste Route führt Sie von Spiez entlang des Strandwegs, den Sie über den aufsteigenden Zickzackweg verlassen und in einem grossen Bogen auf den Tschuggen aufsteigen. Die Bezeichnung soll auf das gallische «tsnlào», «tsuüüa», zurückgehen, das einen Stock oder Felskopf bezeichnet. Der Weg auf diesen etwas höheren und etwas später besiedelten Felskopf ist sehr gepflegt und beliebt. Und was Sie vorfinden, ist sowohl interessant als auch bewegend. Sobald Sie beim Scheideweg


geradeaus weitergehen, spüren Sie den Wechsel der Kräfte. Der Aufstieg fühlt sich nun bedeutend schwerer und fast etwas mühsam an. Immer wieder kommen Sie an Resten ehemaliger Steinsetzungen vorbei. Der Grossteil der einst wichtigen Steine ist nicht mehr vorhanden. Aber diejenigen, die der Zeit getrotzt haben, scheinen zum Teil noch an ihren Originalstandorten zu stehen, dort, wo sie von einer frühen Kultur zu unterschiedlichen Zwecken gesetzt worden sind. Wären sie irgendwann verschoben worden, hätten sie ihre noch immer hohen Kräfte eingebüsst. Was sie hingegen eingebüsst haben, ist ihre aufbauende oder ausgeglichene Kraftqualität. Beim Weitergehen finden Sie dieselbe Situation wiederholt.

Die Erratiker, die noch vorhanden sind, erfreuen das Auge und haben ihre hohen Kräfte zwar behalten, ihre Qualität aber verloren, und das ist keine gute Kombination. Sie wirken heute stark und abziehend. Das weist auf ehemalige Kampfhandlungen und ihre vor Ort abgespeicherten energetischen Informationen hin. Dass sich die Kraftplätze in ihrer Kraftqualität derart verändert haben, ist wohl einer frühen Kulturübernahme geschuldet. Für die damaligen Menschen muss es das Siedlungs-Aus auf dem Hügel bedeutet haben. Niemand, vor allem nicht die damaligen, kraftaffinen Menschen, lebte freiwillig in zerstörten Kraftfeldern. Was heisst das für Sie und die heutigen Spaziergängerinnen und Spaziergänger? Sie tun gut daran, auf Ihren Körper zu achten und die Dauer Ihres Aufenthalts anzupassen. Nicht alles, was hübsch anzusehen ist, ist auch wohltuend. Oben werden Sie belohnt von der fantastischen Aussicht, unter anderem direkt auf den ehemaligen Kultplatz und späteren Kirchort von Faulensee. Etwas oberhalb der Aussichtsbank auf dem höchsten Punkt gibt es einen fast runden Platz, der viel Kraft und Macht ausstrahlt. Hier wird Ihnen bewusst, dass Sie an einem einst wichtigen Ort stehen, der ideal war, angegriffen und übernommen zu werden. Die Frage, was bei der Verteidigung der an und für sich gut zu sichernden Anlage schiefgelaufen ist, bleibt unbeantwortet, da es keine schriftlichen Zeugnisse gibt, die so weit zurückreichen. Verweilen Sie am besten nicht allzu lange und folgen Sie dem Wanderweg nach unten und wieder in Richtung Spiez. Bevor Sie beim Scheideweg ankommen, verlassen Sie den Wanderweg nach links, nach Westen, und steigen auf dem Trampelpfad zum weniger hohen Hügelgipfel zur Bürg auf.

Auch hier bemerken Sie schnell den Wechsel der Kräfte. Es ist, als treten Sie ein in eine in sich geschlossene Welt, in eine Art Oase der Zeit. Der Vergleich der Kräfte auf den beiden Hügeln ist interessant, ebenso der Vergleich Ihrer Empfindungen. Sie werden die Trockensteinmauer finden und ebenfalls diverse Reststeine alter Steinsetzungen. Es ist dieser Hügel, der archäologisch wiederholt unter die Lupe genommen wurde. Und es ist diese Hügelseite, die nachweislich seit der Jungsteinzeit bewohnt war. Der Flurname soll sich aus der hiesigen Befestigung ergeben, diese soll gemäss den Fundstücken bis ins frühe Mittelalter bewohnt gewesen sein.

 

Der interessanteste Ort für Ihren Kräftevergleich zwischen den beiden Hügelspitzen ist gleichzeitig der am einfachsten zu findende, nämlich der höchste Punkt. Längst haben Sie beim Aufsteigen bemerkt, dass die Kräfte auf dieser Seite noch immer hoch und auch noch immer intakt sind. Hier fanden offenbar kein Angriff und keine Zerstörung statt. Spüren Sie, wie wohltuend es sich hier im Vergleich zu drüben anfühlt?

Und dies, obwohl hierher kein gepflegter Wanderweg führt. Keine Aussichtsbank erwartet Sie, nichts. Aber hohe, gesunde Kräfte wirken nach wie vor. Treten Sie achtsam auf dem Hügeltop zwischen die Steine. Sie befinden sich an einem ausserordentlich starken Heilplatz. Heute würden wir von Longevity, von der Stärkung der Langlebigkeit sprechen, die man hier erhält. Der höchste und wohl wichtigste Ort auf der niedrigeren Hügelseite diente offenbar der Gesundheit, dem Wohlsein und dem langen Leben. Welch eine schöne und zugleich spannende Entdeckung. Haben Sie bis anhin gedacht, Longevity sei ein topmoderner Trend, dann stehen Sie jetzt wohl gerade an seinen Wurzeln. Die Behandlung hier und heute ist kostenlos. Ob sie das auch für die damaligen Clanmitglieder war, ist jedoch fraglich. Es gab in jeder Gemeinschaft strikte Regeln, und dazu gehörten die Zugangskontrollen genauso wie die Abgeltungen von Dienstleistung.

 

Vielleicht wünschen Sie sich auch dann und wann den Blick zurück? Er könnte wohl einiges klären und die Perspektive erweitern helfen. Nehmen Sie sich hier genügend Zeit für sich, tanken Sie Heilkräfte und begegnen Sie dem wieder zur Natur gewordenen Kulturdenkmal mit Sorgfalt und Respekt. Und vor allen Dingen: Geniessen Sie diese gesundbringende, starke Seite der Natur.