Vergangenen Jahres, Mitte November, meldeten die Meteorologen für den 21. Schnee bis in die Niederungen und je nach Region 20 bis 30 Zentimeter. Der Tag kam frostig, nachdem wir die letzten herrlichen Herbsttage mit wunderschönen Farbbildern, die man in sich trägt, noch geniessen konnten.
Text und Bilder: Rolf Eicher
Der weisse Glanz zog ab dem Mittag über Thun und übers ganze Land. Wie Bucheli und Co. angekündigt hatten, schneite es nonstop. Herrlich diese Stimmung! Eine Woche zuvor hatte ich mich noch mit der sternenklaren Vollmondnacht beschäftigt. In keinem Lehrbuch steht, wann der beste Moment ist, um die Stimmung bildlich einzufangen – diesen muss man selbst herausfinden. Wichtig ist, dass man in der Hoffnung auf Erfolg losgeht.
Das lange Warten zahlt sich früher oder später immer aus, egal wie das Wetter war. Die Pixelpirsch hatte ich nach Feierabend geplant. Aber diesmal brachte mich niemand aus dem Haus. Ein richtiges Chaos herrschte am Himmel aber auch auf den Strassen. Ich informierte mich noch einmal in der Wetter-App. Diese zeigte mir, dass ich noch nicht Feierabend haben würde, denn ab 21.00 Uhr versprach Bucheli eine Wetterbesserung. Als es so weit war, startete ich meine Fotoreise am Bahnhof und suchte nach den schönsten verschneiten Sujets in der Stadt Thun. In warmen Kleidern, mit einem wasserdichten Rucksack und einem Regenschirm kämpfte ich mich durch die verschneiten Gassen. Erstes Ziel: der Göttibachsteg. Der Schneefall ging in Regen über. In der gedeckten Scherzligschleuse bereitete ich mich auf das nächtliche Abenteuer vor. Regenjacke und Schirm waren Pflicht. Beim Stativ wurden die drei Stützen ausgefahren und die Kamera montiert. Nun war ich so weit, ein paar Meter trennten mich zum Göttibachsteg, ich stand auf der Schleusenseite, da von dieser Stelle aus die Freienhofgasse, der Aarequai bis zum Göttibachsteg und im Hintergrund die Stadtkirche durch das Licht aus den Wohnungen der Wohnhäuser gut beleuchtet sind. 
Die Wahrzeichen der Stadt Thun leuchten schon von Weitem.
Nun kam als Zusatz der weisse Glanz, der das Bild noch spezieller machte. Ich verspürte schon beim ersten Bild, dass dies ein toller Abend mit vielen schönen Aufnahmen werden würde. Passanten schauten mir über die Schulter auf das Display, oft ertönte ein «Wow», und sie gingen weiter. Weiter ging es zum Aarequai auf die Höhe des Thunerhofs. Der Regen begleitete mich dorthin. Die grösste Herausforderung war nun der Objektivwechsel. Ein Wassertropfen auf dem Bildsensor hätte den Abbruch bedeutet. Gut positionierte ich den Regenschirm zwischen meinen Armen, sodass ich einen guten Schutz über mir hatte. Es klappte mit dem Wechsel und zu meiner Freude konnte ich weitermachen.
Unterhalb des Thunerhofs macht der Aarequai eine leichte Kurve. Dort war meine Position mit Sicht in Richtung Stadt, am linken Bildrand die Scherzligschleuse, am oberen Bildrand die Stadtkirche mit dem Schloss. Durch den Aarequai versuchte ich, Tiefe ins Bild zu bringen, was mir auch gelang. Für solche Momente verwende ich die Langzeitbelichtung. Alles war eingestellt, als plötzlich ein verliebtes junges Paar an mir vorbeispazierte. Ich sprach sie an und fragte, ob sie einen kurzen Moment warten könnten, da ich mit der Langzeitbelichtung arbeitete. Sie zeigten Verständnis und fragten mich, wo sie diese Bilder sehen könnten. Ich antwortete ihnen, dass dies ein Hobby von mir sei und die Bilder nicht veröffentlicht würden. Vielleicht bekommen sie ja die ThunerseeLiebi zur Ansicht und erinnern sich an diesen Moment, wenn sie die Bilder sehen. Das junge Pärchen nutzte die Zeit, um sich gegenseitig warmzuhalten. Nach ein paar Aufnahmen bedankte ich mich bei ihnen fürs Warten und verabschiedete mich. Die Verliebten entfernten sich Richtung Stadt, ich in Richtung Bächimatt.
Auch am Abend ein Hingucker: die historischen Hochtrottoirs der Altstadt.
Bei der Bushaltestelle Bächimatt nutzte ich den Unterstand, um die Kamera wieder auf das Stativ zu montieren. Bei den Bootsplätzen Bächimatt platzierte ich das Stativ so, dass ich mit dem Ende des Thunersees und dem Aare-Abfluss möglichst viel Wasser in den unteren Bildrand bekam, sowie die Schleuse und die beiden Markenzeichen von Thun. Ich war gespannt auf die Wirkung der Bilder von diesem Standort aus, denn über der Stadt hing ein weisser Schimmer und über dem Wasser stieg ein leichter Dunst auf. Ich war zuversichtlich, dass die Bilder gut werden würden und hoffte, dass das Bild auch so auf dem PC erschien. Wunderschön diese Stimmung, die Wetterlage machte sie noch einzigartiger. Das Wasser schien wie ein grosses Natureisfeld, nur fehlten die Schlittschuhläufer. Meine nächste Station war die untere Schleuse hinter dem Waisenhaus. Gut verpackt watete ich durch Schnee und Matsch in Richtung Waisenhaus. Eine Option wäre der Bus bis zur Haltestelle Bälliz gewesen. Das wollte ich aber nicht, denn ich wollte diese Momente riechen, sehen und erleben. Das Schönste daran war, dass es praktisch keine Passanten mehr auf den Gassen hatte, mit Ausnahme des verliebten Paares, das mittlerweile sicher sein Zuhause gefunden hatte.

Angekommen am neuen Standort, beurteilte ich zuerst die Lage und suchte die neuen Sujets aus, drei an der Zahl sollten es werden. Das erste Sujet war die untere Schleuse mit dem tosenden Wasser und der beleuchteten Stadtkirche, das zweite zeigte Schleuse, Schloss und Stadtkirche und das dritte die Mühlebrücke mit dem Schloss im Hintergrund. Durch die Langzeitbelichtung erhält das Wasser einen glatten, ruhigen und gelassenen Effekt. Die drei Sujets hatte ich im Kasten mit wunderbaren Wirkungen.
Mittlerweile konnte ich den Regenschirm schliessen, denn der Himmel klarte auf und es wurde kälter. Die Reise ging weiter, ich hatte noch zwei, drei Ideen im Kopf. Über die Mühlebrücke ging es weiter zur Rathausbrücke. Dieser Ort verzauberte alles. Von der Rathausbrücke aus konnte man den Weg zum Schönen sehen. Zu sehen sind das Rathaus, die Krone, die Häuser der Altstadt und das verschneite Schloss auf dem Schlossberg. Wie schon erwähnt, diese Momente muss man riechen, sehen und erleben.
Die Langzeitbelichtung gibt dir automatisch Zeit. Das nächste Sujet wartete nur um die Ecke: der Weihnachtsbaum auf dem Rathausplatz. Der diesjährige Weihnachtsbaum wurde mit einem Grossevent eingeläutet. Mit seinen 18 Metern Höhe ist er eine imposante Erscheinung auf dem Platz und ist wohl der grösste im Lande. Ein wunderbarer Anblick, die verschneite Tanne mit den vielen leuchtenden Lichtern. Für mich war klar: Die Tanne und das Schloss müssen in einem Bild vereint sein. Dies gelang auf Anhieb.
Bild: Dank der Langzeitbelichtung bekommt das Wasser einen weichen, fliessenden Charakter.
Ein weiteres Bild zeigt das Rathaus auf der gegenüberliegenden Seite. Die letzte Station war die Obere Hauptgasse mit Sicht auf den Rathausplatz mit dem Weihnachtsbaum. Mit einer 180-Grad-Wendung wollte ich noch die Weihnachtsbeleuchtung in der Oberen Hauptgasse festhalten. Prompt schwirrte zu später Stunde noch eine Nachtschwärmerin umher. Sie war gar unzufrieden, ich auch, denn sie trat mir immer vor die Kamera. Ich verstand sie nur halbwegs, ihre Unzufriedenheit deutete auf die geschlossenen Bars und Pubs hin.
Am Schluss gingen wir getrennte Wege: sie in Richtung Rathausplatz und ich zum Bahnhof mit vielen schönen gespeicherten Eindrücken, die ich nicht so schnell vergessen werde.

Die eindrückliche Tanne auf dem Rathausplatz sorgt für andächtige Stimmung.