Von Lebensfreude und gesunder Produktivität

Von Lebensfreude und gesunder Produktivität

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Seit letztem September ist Adrian Probst der Direktor der Gartenbauschule Hünibach. Er übernahm die Stelle, als sich die ganze Geschäftsleitung verabschiedete.  Über die Herausforderungen, die den roten Faden in seinem Berufsleben bilden – und warum grüneres Gras auf der anderen Seite nicht unbedingt Gutes bedeutet.

Text und Bilder: Rebekka Affolter

Bereits beim Betreten des Innenhofs der Gartenbauschule Hünibach ist die Stimmung einzigartig. Auch wenn sich nur wenige Menschen dort tummeln – die einen am Tisch beim Glace geniessen, die anderen auf der Suche nach der richtigen Pflanze, die Mitarbeitenden mit einem Lächeln auf dem Gesicht am unterstützen – strahlt der kleine Platz regelrecht Lebendigkeit und Geborgenheit aus.

Einzigartige Bio-Ausbildung in der Schweiz

Die Gartenbauschule Hünibach bietet seinen Lernenden den Bio-Kurs an. Damit ist sie das einzige Bildungsinstitut in der Schweiz, die die Lernenden auf diesem Gebiet vertieft ausbildet. Rund 50 Auszubildende und 50 Mitarbeitende arbeiten in der Lehrwerkstatt am Thunersee. Gegärtnert wird nach Bio Suisse- und Demeter-Richtlinien – heisst biologisch und biodynamisch. «Eine faszinierende Welt, die nur wenige wirklich kennen», findet Adrian Probst, der – fast – neue Direktor.


Bild: Für Adrian Probst ist die Gartenbauschule Hünibach ein wunderbarer Ort zum Arbeiten. 

Auch er hatte bisweilen nicht viel damit zu tun. «Ursprünglich habe ich die Ausbildung zum Kaufmann gemacht», erzählt er. Die Verbundenheit zur Natur kannte er aus der Freizeit. «In meiner Kindheit gab es fast keine Vereine – stattdessen traf man sich mit Freunden auf dem Hof und half aus», erzählt der 51-Jährige, der sich übrigens überhaupt nicht wie diese Zahl fühlt.

Aufgewachsen in Hasli bei Riggisberg hatten die Eltern zwar keinen eigenen Hof, hackten aber jegliches Holz zum Feuern selbst – angefangen beim Suchen der gefällten Bäume im Wald des heutigen Naturparks Gantrisch. Auch daneben verbrachte Probst den Grossteil seiner Freizeit draussen. «Mein Vater war Sportlehrer. Es gibt wohl keine Sportart, die wir nicht ausprobiert haben.»

Von Hasli über Bern nach Chile

Neben Volleyball – er und seine beiden Brüdern spielten sogar in der Nationalliga A – begeistert er sich besonders für Bergsport. Beruflich hingegen ging es wie bereits gesagt in eine kaufmännische Richtung. Gelehrt im Grafischen, arbeitete er in der Unterhaltungselektronik, in der Bettenbranche in Paris, in der Liegenschaftsverwaltung und half das Stadtmarketing in Thun sowie den Wirtschaftsraum Bern aufbauen, sanierte eine Jugendagentur und führte einen privaten Lehrmittelverlag in die Moderne. Wohntechnisch zog es ihn genau gleich in der Welt herum, vom Zuhause Hasli über Chur, Thun, zu einem Jahr in Paris, nach Bern, zu zahlreichen Reisen während seines Studiums als Betriebsökonom FH bis hin zu über einem Jahr in Chiles Regenwald sowie der anschliessenden Weltreise über die Südhalbkugel mit Frau Marlen und den Kindern Nico und Nina.

Bild: In der Gartenbauschule werden die schädlichen Schnecken mit Enten bekämpft.

«Ich habe in meinem beruflichen Leben – oder in meinem Leben allgemein – viele Stationen hinter mir. Einen roten Faden gibt es allerdings», erklärt Probst. «Bei jeder Stelle, die ich angenommen habe, ging es stets um eine Transformation. Alte Systeme in etwas Neues, Zukunftsträchtiges zu überführen – das war meist der Fokus meiner Arbeit.» Nicht, dass er sich diese Herausforderungen spezifisch gesucht hätte – aber er habe sie stets mit Freuden angenommen. «Es gibt kein besseres Gefühl, als wenn Dinge plötzlich Fahrt aufnehmen», ist er überzeugt. Und auch wenn die Stellen oft thematisch nicht besonders viel miteinander zu tun hatten, die Kernkompetenzen blieben im Grund die gleichen. «Ich konnte immer meine breiten betriebswirtschaftlichen Erfahrungen in einem neuen Kontext weiterentwickeln.»

Eine lange Vergangenheit

So auch bei der Gartenbauschule Hünibach. Die Institution blickt auf eine langjährige Geschichte zurück. Hedwig Müller, eine Pfarrerstochter aus dem Emmental mit einer Leidenschaft fürs Gärtnern, gründete 1934 die Schule. Ihr Ziel: jungen Frauen mit der Gärtnerinnenausbildung eine Zukunft zu bieten. Inzwischen bildet die Gartenbauschule Menschen jedes Geschlechts aus – «aber die starke Frauengeschichte dahinter ist für mich sehr wichtig. Mehr als das: Nicht nur haben sie sich als Frauen durchgesetzt, auch wurde von Anfang an nach biologisch-dynamischen Richtlinien gegärtnert und zudem Bildung in einer ganzheitlichen Form gelebt.»

Bild: Adrian Probst erklärt, wie in Hünibach anhand der Demeter-Richtlinien gegärtnert wird.

Die Demeter-Richtlinien – eine umfassende Welt, die sich nur schwer kurz zusammenfassen lässt. Geprägt wurde sie vor allem von Rudolf Steiner, grundsätzlich geht es um die Stärkung des Ganzen. Pflanzen, Tiere und Menschen werden als Teil eines grossen Kreislaufes gesehen. Am Beispiel der Enten heisst das unter anderem: Keine Chemikalien für die Bekämpfung von schädlichen Schnecken. Stattdessen werden Enten eingesetzt, bei denen Schnecken ganz natürlich auf dem Menuplan steht.

Das Gras ist grüner auf der anderen Seite

Bio-dynamisch heisst: Nicht alles muss perfekt aussehen. Auch im Garten bei Hünibach wird ein Teil rein der Natur überlassen. Dort gedeiht Leben, das man in den schön gepflanzten Gartenbeeten nicht findet – aber genauso wichtig ist. Das Gras ist immer grüner auf der anderen Seite – aber vielleicht sollte man sich darum gar nicht so Sorgen machen. «Eine saftige grüne Wiese ist für das gesamte Ökosystem nicht besonders wichtig», erklärt Probst. Sie bietet im Sinne der Biodiversität nur wenig Lebensraum. Was man stattdessen will: eine sogenannte Magerwiese. Die braunen Flecken zwischen all dem Grün – sie stellen einen wichtigen Bestandteil des Lebensraums dar, weil diese für wertvolle Pflanzen- und Insekten-Symbiosen Raum bieten.

Genau wie eine solche Magerwiese ist auch die Vergangenheit der Lehrwerkstatt nicht immer rosig: Bereits mehrere Male sollte der kantonale Beitrag gestrichen werden. Zuletzt im Jahr 2017.

Bild: Von einer Mutterpflanze können Stecklinge gezogen werden.

Im darauffolgenden Jahr wurden innerhalb kurzer Zeit 30000 Unterschriften zur Eingabe der Petition zur Erhaltung der Gartenbauschule gesammelt, sodass die Schule überleben konnte. Und trotzdem, ganz erholt hat sie sich nie. Erst im vergangenen Jahr stieg die gesamte Geschäftsleitung aus – bis im September Adrian Probst die Direktion übernahm. Nun geht es langsam wieder aufwärts.

Ein Sinn fürs Leben

Trotz aller Herausforderungen, für Probst lassen sich die letzten Monate einfach zusammenfassen: «Es fägt.» Und ein bisschen ausführlicher: «Die Gartenbauschule ist einfach ein unbeschreiblich schöner Ort zum Arbeiten. Wahrlich eine Oase.» Etwas, das ihm besonders wichtig ist in seinem Leben: «Ich will beruflich etwas machen, das für das gesamte Team Sinn ergibt, das sinnstiftend ist – ökologisch, ökonomisch und sozial.» Für ihn vereint die Schule in Hünibach alle Aspekte in einem. Lernende sollen hier nicht nur eine Ausbildung erhalten, sondern auch Werte fürs Leben mitbekommen.

Bild: Direkt am Eingang wird man von diesem farbenprächtigen Blumenbeet begrüsst.

Wie die Zukunft für Probst und die Gartenbauschule aussehen soll, hat er klar vor seinem inneren Auge. «Ich sehe viel Leben im Innenhof, die Leute treffen sich, haben Freude, verweilen, diskutieren, bilden sich weiter, haben es schön hier.» Rund um diesen lebendigen Innenhof sieht er mit der Gärtnerei sowie dem Gartenbau, das Herzstück der Lehrwerkstätte, in der mehr Leben versteckt ist, als wir wissen. «Die Gartenbauschule soll ein Zentrum für biodynamisches Gärtnern mit einer guten Kombination aus Lebensfreude, Bildung aus Neugierde und gesunder Produktivität sein und bleiben.»

Kontakt

Gartenbauschule Hünibach
Chartreusestrasse 7, 3626 Hünibach
Telefon 033 244 10 20
E-Mail: info@gsh.ch


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