Bernhard Bischoff ist Thuner durch und durch: Er hat Heimatort Thun, wuchs in Thun auf, besuchte das Gymnasium Thun und studierte anschliessend Rechts-wissenschaften und Kunstgeschichte an der Universität Bern, wo er die Grundstudien abschloss. Er arbeitete schon während der Studienzeit als freier Kurator und Publizist zahlreicher Zeitungs- und Zeitschriftenartikel sowie Katalogtexte. 2001 eröffnete er in Thun die Galerie Bernhard Bischoff, spezialisiert auf zeitgenössische Kunst, und führte sie ab 2005 in Bern. Seit 2013 ist er Partner und Auktionator im renommierten Auktionshaus Kornfeld in Bern.
Text: Thomas Bornhauser | Bilder: zvg
Bernhard Bischoff, Sie haben die Liegenschaft von Kornfeld an der Laupenstrasse kürzlich nach grossem Um- und Neubau wiedereröffnet. Hat das Haus damit nicht seine ursprüngliche Seele verloren?
Interessant, dass Sie diese Frage stellen. Viele unserer langjährigen Kundinnen und Kunden merkten gar nicht, dass sich eigentlich sehr vieles verändert hat. Es ist uns offensichtlich gelungen, die Vergangenheit mit der Zukunft auf sanfte Weise zu vereinen. Heute haben wir endlich zeitgemässe Arbeits- und Ausstellungsräume, angemessen für unsere Tätigkeit.
Das heisst?
Wir haben unseren Auktionssaal, der 1972 für unsere Firma von Fritz Haller entwickelt wurde – Haller war zusammen mit Paul Schärer jun. ja auch der Designer der USM-Möbel –, komplett saniert/restauriert und ihn um 70 cm angehoben, damit wir unseren Kundinnen und Kunden barrierefreien Zugang zu unseren Räumen ermöglichen können. Wir erreichten eine gewaltige Verbesserung für unseren Betrieb. In enger Zusammenarbeit mit der Berner Denkmalpflege durften wir einige, nicht zum Haupthaus von 1847 gehörende und unschöne Anbauten abbrechen und an deren Stelle einen neuen Eingangsbereich schaffen. Zudem haben wir «unter Tage» einiges realisieren können: neue Arbeits- und Lagerräume sowie grössere Ausstellungsmöglichkeiten.
Fast zu Beginn die Gretchenfrage: Sie bezeichnen sich als einen Bodenständigen, bewegen sich aber regelmässig in der Welt der Millionäre und Milliardäre. Wie gelingt dieser Spagat?
Das ist ganz einfach zu beantworten, da braucht es keinen Spagat. Für mich gibt es nur Menschen, mit denen ich zu tun habe. Sei es ein Gärtner, ein Chauffeur oder eben ein grosser Finanzmogul, das spielt für mich überhaupt keine Rolle. Eine Rolle spielt für mich lediglich, ob diese Menschen Interessantes zu berichten haben und ihr Leben mit einer Passion leben. Menschen, die nichts Wesentliches zu sagen haben, interessieren mich eher nicht.

Sagen Sie, woher die Affinität zur Kunst? Geerbt? Ihr Vater war ja ein bekannter Architekt in Thun – oder selber entdeckt?
Da kommt einiges zusammen. Ja, das stimmt, mein Vater hat einiges in und um Thun gebaut und bewegt, nicht nur architektonisch. So war er zusammen mit meiner Mama zum Beispiel Gründer der Ausstellung «Neuland Berner Oberland», wo jeweils über 150 Ausstellende Produkte oder Dienstleistungen aus dem Berner Oberland präsentierten. Kunst war bei uns zu Hause vor allem Wandschmuck; doch mit meiner Arbeit begannen sich auch meine Eltern für Kunst und deren Erschaffende zu interessieren – meine Mama hat früher oft die Galerie gehütet. Ich selber habe schon sehr früh – noch im Gymer – damit begonnen, eigene Anlässe und Ausstellungen zu organisieren, zum Beispiel im Kleintheater Oele Thun. Ich war seit jeher neugierig auf Neues, und daraus hat sich im Laufe der Zeit einiges ergeben – und die Kunst mit ihren verschiedenen Blickwinkeln auf die Welt hat es mir halt besonders angetan. Mein Zeichnungslehrer am Gymer meinte zwar, ich sei ein «jämmerlicher Dilettant», daher habe ich dann wohl auch die grosse Musikmatur gemacht…
Und aus jener Zeit stammen auch die ersten Kontakte mit Künstlerinnen und Künstlern?
Ja. Ich ging an Ausstellungen; und wenn mich etwas interessiert hat, habe ich im Telefonbuch die Adressen rausgesucht und bin auf Atelierbesuch gegangen. Ich bin überzeugt, dass Kunstschaffende heute die letzten «Hofnarren» sind. Sie können sich mit ihrer Arbeit aus dem normalen Trott herausnehmen und eben mit unkonventionellen Sichtweisen unsere Welt hinterfragen. Das ist extrem wichtig und tut unserer Welt sehr gut. Als ich knapp 28 Jahre alt war, hat man mich gefragt, weshalb ich denn keine eigene Galerie eröffnen wolle. Und ohne viel zu überlegen, habe ich das in Thun dann auch gemacht.

Wie gehen Sie mit dem Übervater Eberhard Kornfeld um?
Überhaupt nicht! Herr Kornfeld war Herr Kornfeld, ich bin ich. Da ist kein einziger Vergleich statthaft. Ich wollte nie sein wie er – man kann nicht sein wie er, er war im Kunstgeschehen eine Ausnahmefigur.
Aber er und Sie haben eine grosse Passion für die Kunst.
Ja, da haben Sie Recht. Es gibt ja den Ausdruck, dass man in die Fussstapfen von jemandem trete. Und etliche meinten, ob ich mir das bei Ebi Kornfeld zutraue. Nein, habe ich dann immer gesagt. Seine Fussabdrücke sind zu gross für einen Menschen und ein normales Leben – er wurde ja fast 100 Jahre alt. Doch zusammen mit einem tollen Team schafft man es, in noch so grosse Fussstapfen zu treten. Es scheint mir, dass uns das bisher nicht schlecht gelingt – auch wenn wir unseren grossen Mentor auch heute noch vermissen.

Wie könnte man Herrn Kornfeld beschreiben?
(Spontanes Lachen) Wie viele Seiten stehen Ihnen zur Beantwortung zur Verfügung? Im Ernst: Das ist innerhalb eines Interviews nicht möglich. Herr Kornfeld war in seiner Art und auf seinem Gebiet einzigartig.
Versuchen Sie es trotzdem…
Da muss ich mich aber auf jene zehn Jahre konzentrieren, während denen ich in der Firma mit ihm zusammenarbeiten durfte. Es war ein Privileg und ich habe extrem viel von ihm lernen dürfen. Ebi Kornfeld hatte einen untrüglichen Sinn für Qualität und eben eine jahrzehntelange Erfahrung. Doch die Zeiten haben sich auch geändert, die Digitalisierung wurde wichtiger, man ging anders mit Kunst und Texten zur Kunst um. Ich denke, er war auch froh, dass er sich um solche Dinge nicht mehr kümmern musste.
Ehrlich gesagt, ich bin bei Besuchen in Ihrem Auktionshaus tief beeindruckt, weil aus jedem Blickwinkel grossartige Werke zu sehen sind. Eberhard Kornfeld war erste Adresse für Werke von Alberto Giacometti, Ernst Ludwig Kirchner, Paul Gauguin, Marc Chagall oder Pablo Picasso, um nur einige wenige Künstler aufzuzählen. Weshalb sehen wir nur wenige Frauen, wenn wir von Käthe Kollwitz absehen?
Ich werde oft gefragt, ob der Kunsthandel etwas gegen Frauen in der Kunst habe. Nein, natürlich nicht – wir verkaufen jede Art von Kunst, die einen Markt hat. Nun zu den Künstlerinnen der Moderne gerne eine Gegenfrage: Was hat Ihre Grossmutter gearbeitet?
Wie soll ich denn das verstehen? Aber bitte:
Sie hat in nur 600 Metern Luftlinie von Ihnen entfernt an der Depotstrasse gewohnt. Mein Grossvater war Lokführer, seine Berufstüre vor dem Haus. S’Grossmueti hat sich um die beiden Töchter gekümmert. Übrigens, kommt mir in den Sinn: Vor ihrer Züglete nach Bern haben sie in Thun gewohnt.
Sehen Sie, Sie geben sich die Antwort selber. Vielleicht war es bei Ihrer Mutter auch noch immer so: Der Mann war früher für das Einkommen zuständig, die Mutter besorgte den Haushalt und schaute zu den Kindern. Das war auch im Künstlermilieu genau gleich. Der Grund, wieso es nicht gleich viele Künstlerinnen der Moderne gibt, ist gesellschaftlich bedingt. Doch ändert sich gegenwärtig im grösseren Stil: An den Kunsthochschulen studieren mehr Frauen als Männer – und auch die Museen zeigen heute deutlich mehr Frauenpositionen als früher. Schauen Sie sich etwa im Moment bei uns um, da hängen Werke der Schweiz-Japanerin Teruko Yokoi.

Wie kommen Sie als Kunstvermittler an die Werke heran, die Sie versteigern?
Geht es um die Akquise im Auktionsgeschäft, sprechen wir gerne von der 5D-Regel: Death (Tod), Divorce (Scheidung), Debts (Schulden), Dealing (Handel) und Diversification (Diversifikation – jemand verkauft etwas, um etwas anderes zu kaufen). Das letzte D ist uns am liebsten, weil wir dann oft die zu verkaufenden Werke anbieten dürfen – und mit dem Erlös neue Kunst gekauft wird. Bei aller Theorie entscheidet aber meistens der persönliche Kontakt, ob jemand mit einem «gschäfte» will. In unserem Business muss man Menschen mögen.
Welches Werk würden Sie gerne einmal «unter den Hammer» nehmen?
(Überlegt lange) Nun, wenn wir schon am Fantasieren sind: Viele berühmte Werke werden geradezu als Trophäen betrachtet. Mona Lisa, das wäre eine reizvolle Vorstellung. Ich sage Ihnen auch weshalb: Dieses Gemälde von Leonardo da Vinci würde an einer Auktion mit Bestimmtheit eine Milliarde oder gar mehr einbringen; es ist das berühmteste Kunstwerk der Welt. Mit dem Erlös könnte ich mir dann ungefähr 20 Seerosengemälde von Claude Monet kaufen, die ich besonders mag, stehen sie in ihrem impressionistischen Vibrieren doch faktisch an der Schnittstelle der gegenständlichen zur abstrakten Kunst.

Stichwort Trophäe. Das teuerste jemals ersteigerte Bild wird ebenfalls Leonardo da Vinci zugeordnet. «Salvator Mundi» wurde von Unbekannt, man sagt vom Staate Saudi-Arabien, für unglaubliche 450 Millionen Dollar gekauft – und ist seither verschwunden. Finden wir es bei Ihnen im Keller? Psssst, wir sagen es nicht weiter…
Das ist eine Geschichte für sich, um die sich Experten und Gegenexperten streiten. Vielleicht ist die rechte Hand auf dem Werk tatsächlich von Leonardo; heute gilt es eher als «nach» Leonardo gemalt. Sicher ist: Das Bild wurde aufwändig restauriert und ergänzt. Jemand meinte einmal, dass es eigentliche Gegenwartskunst sei, weil so viel nach 1950 auf die Leinwand kam…
Womit es eine Fälschung ist?
Was heisst schon eine Fälschung? Halt nicht von der Hand von Leonardo da Vinci. Man munkelt auch, dass das Gemälde nie ganz bezahlt wurde. Für diese These spricht auch, dass das Auktionshaus, das das Gemälde versteigerte, nirgends Werbung mit dem Bild macht. Alle würden doch damit werben wollen, das teuerste Kunstwerk der Geschichte verkauft zu haben. Wo es sich befindet, weiss ich nicht, auf alle Fälle nicht bei uns im Keller.
Spannend. Stichwort Fälschungen. Hingen oder hängen bei Ihnen schon Werke von Wolfgang Beltracchi?
Ich weiss es nicht, hoffe es aber nicht! (Schallendes Lachen.) Ich habe eine dezidierte Meinung zu Wolfgang Beltracchi: ein begnadeter Fälscher, aber eigentlich ein schlechter Maler. Das Geniale an seinen Fälschungen war diejenige der Provenienzen; die Malerei ist eher «pauvre» – und Werke im Stile bekannter Meister nachzumalen und mit Beltracchi zu signieren, ist eigentlich keine Kunst. Kunst bringt Neues hervor, entwickelt sich, alles andere ist schlicht Abklatsch.
Und mit welchem längst verstorbenen Maler hätten Sie sich gerne unterhalten? Van Gogh, da Vinci?
Ich denke, dass mir Wassily Kandinsky einiges mit auf den Weg hätte geben können, als der vielleicht erste abstrakte, er nannte es gegenstandslos, Maler überhaupt. Er stand an einem Wendepunkt und hat mit seinen kunsttheoretischen Schriften entscheidend die Kunst der Moderne geprägt.

Während der Auktionen benötigen Sie dann und wann einen Schluck Wasser mehr als üblich?
Sicher doch, ich rede ja während acht Stunden mehr oder weniger nonstop durch – in mehreren Sprachen. Weiter helfen mir Ricola-Täfeli und Grether-Pastillen über die Runden. Da dürfen Sie gerne schreiben, vielleicht gibt es dann ein gratis Päckli für diese Schleichwerbung… (Schmunzelt)
Wie sichern Sie sich eigentlich bei telefonischen Bietenden ab? Wäre es mir möglich, aus einem Jux heraus mitzumachen?
Da haben Sie keine Chance. Telefonisch Bietende werden vor der Auktion drei- und vierfach überprüft. Das Schweizer Gesetz verlangt die Identifikation aller Marktteilnehmenden. Wir überprüfen auch die Bonität der Bietenden. All das gilt auch für schriftliche oder persönliche Auktionsteilnahmen oder beim Bieten über das Internet.
Und dass man einbrechen und Werke stehlen kann?
Das ist nicht ganz so einfach. Unser Haus ist gut geschützt und überwacht – die Polizei ist nahe; das wird dann schon ein bisschen schwierig. Kommt hinzu: Kunst stehlen lohnt sich kaum, weil man ein bekanntes Werk nicht einfach wieder verkaufen kann. Wird ein Werk gestohlen, wird es in verschiedenen Registern eingetragen, sodass es faktisch unverkäuflich ist. Was aber schon passiert ist: Einbrecher stehlen Werke, die sehr hoch versichert sind und bieten sich danach als «Wohltäter» bei der Versicherung an. Motto: «Das Bild ist mit 20 Millionen versichert, die Sie bezahlen müssten. Wir bieten es Ihnen für eine Million an, quasi Lösegeld.» Man spricht in solchen Fällen, in Anlehnung an das Kidnapping, von «Artnapping». Da wir nicht mit so hochpreisigen Werken handeln, ist auch diese Option bei uns nicht so lukrativ.
Doch noch schnell zum Privatmann Bernhard Bischoff. Wie sieht Ihre Work-/Life-Balance aus?
(Seufzer) Eher zu viel Work als Balance, aber wohl immerhin in einem Rahmen, der ein Familienleben doch möglich macht. Meine Frau Nadja leitet die Parlamentsdienste der Stadt Bern und ist ebenfalls sehr engagiert – dennoch ist es uns beiden wichtig, möglichst viel «Quality-Time» mit unseren zwei Buben Max und Alex zu verbringen. Es kann aber schon vorkommen, dass ich halt in den Ferien von 5.30 bis 9 Uhr an Katalogtexten schreibe, um danach dafür die Zeit mit der Familie voll geniessen zu können. Das kennen aber alle Unternehmerinnen und Unternehmer, das gehört halt mit dazu. Da ich mein Hobby «Kunst» zu meinem Beruf gemacht habe, musste ich andere suchen: Ich reise gerne und lerne dabei neue, andere Kulturen kennen. Ich spiele selber Klavier und begeistere mich für Musik und Theater, speziell für Opern. Ich esse und koche gerne; leider kommt die Literatur im Moment ein bisschen zu kurz – früher las ich mich quer durch die ganze Belletristik durch. Heute lese ich halt noch meinen Söhnen vor – von Astrid Lindgren bis Harry Potter. So komme ich dennoch in den Genuss geschriebener Zeilen!
Kornfeld und Bernhard Bischoff
Kornfeld ist ein Auktionshaus und eine Galerie in Bern in den Bereichen der klassischen Moderne, des 19. Jahrhunderts der Gegenwartskunst (Gemälde, Zeichnungen, Graphik und Skulpturen) sowie der Graphik und Handzeichnungen Alter Meister. Das Stammhaus der Galerie wurde 1864 in Stuttgart gegründet, ist jedoch seit 1920 in Bern ansässig. Im Rahmen der in Bern und Zürich stattfindenden Vorbesichtigungen stehen den Einlieferern Präsentationsmöglichkeiten für ihre Kunstwerke zur Verfügung. Der 1972 von Fritz Haller in seinem Bausystem «Mini» erbaute Auktionssaal in Bern bietet 250 Auktionsbesuchenden Platz. Das Haupthaus, die Villa Thurmau von 1847 und der Auktionssaal wurden 2023/2024 komplett saniert und erweitert.
2013 wurde Bernhard Bischoff Partner und Auktionator. Bischoff ist der Nachfolger von Eberhard W. Kornfeld, der mit fast 100 Jahren im Jahr 2023 verstorben ist und das Haus über 70 Jahre geführt und geprägt hat. Bischoff war als freier Kurator tätig und in vielen Ländern aktiv. Als Mitgründer der «videokunst.ch AG» engagierte sich Bischoff international für die Vermittlung von Videokunst. Bischoff ist oder war Mitglied zahlreicher Gremien und Verbände. So amtet er aktuell als Co-Präsident etwa im Dachverband Kunstmarkt Schweiz, als Präsident des Verbands schweizerischer Auktionatoren von Kunst- und Kulturgut oder als Stiftungsrat in den Stiftungen Kunsthalle Bern, Graphica Helvetica oder der Anne-Marie-und-Victor-Loeb-Stiftung. Bischoff ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt in Thun.