Karate ist mehr als Schläge und Gürtel. Im Budokan Thun vermittelt Hans Müller seit über 50 Jahren einen Weg zu Gesundheit, Klarheit und innerer Stärke.
Sein Dojo im Gwatt ist Trainingsraum, Lebensschule und Ort positiver Energie – mit Blick auf die Berge und auf das Wesentliche im Leben.
Text: Maria-Theresia Zwyssig
Text: Maria-Theresia Zwyssig, zvg
Willkommen im Dojo von Budokan Thun
Es ist ein Ort mit Aussicht und Energie. Wer das Dojo betritt, lernt zuerst neue Wörter. Dojo – der Trainingsraum japanischer Kampfkünste. Sensei – der Lehrer. Und ziemlich schnell auch Oss, ein Wort, das so ziemlich alles bedeutet: Hallo, danke, verstanden.
Im Schoren 28 im 3. Stock im Gwatt stehen wir in einem lichtdurchfluteten Raum aus Holz, mit Blick auf Eiger, Mönch, Jungfrau und die Stockhornkette. Gebaut hat ihn Hans Müller selbst, er ist gelernter Schreiner, Zimmermann und lebt Karate. Oder wie er sagt: «Ich baue gern mit den Händen. Und wir Menschen können mit Karate an uns bauen.»
Ein Blickfang ist das grosse runde Zeichen an der Wand: das Shinsen, das Familienwappen seiner Frau Misa aus Nordjapan. Es steht für Energie – positive Energie. «Schau genau hin, es dreht im Uhrzeigersinn», erklärt Hans und zeigt auf einen Haarwirbel, der sich auch im Uhrzeigersinn wendet. «Negative Energie geht andersrum – wie ein Tornado.» Man glaubt ihm sofort. Dieser Raum meint es ernst – und ist gleichzeitig herzlich.

Bild: Mit schwarzem Gürtel (8.Dan) demonstriert Hans Müller eine Übung - Präzision mit Körperspannung.
Emmental, Bruce Lee und ein Buch für 20 Franken
Hans Müller wird 1958 in Rüegsau im Emmental geboren, als Sohn eines Schreiners. Die Auswahl an Freizeitbeschäftigungen ist überschaubar: Jugendriege, Ringen, Hornussen, Turnverein. «Ich habe alles ausprobiert – nichts gefiel mir.» Dann entdeckte er in einer Zeitschrift ein Inserat für ein Buch: Die schwarze Maske. Preis: 20 Franken. «Da war alles drin», sagt Hans lachend:
Bild 1: Angriff mit der Flasche.
Bild 2: Abwehr.
Bild 3: Konter.
Bild 4: Er liegt am Boden. Resultat.
Dazu Bruce Lee im Kino. «Da wusste ich: Das will ich auch.» Auf dem Schulhausplatz werden die Bewegungen nachgespielt, später trainierte er neun Jahre lang im Karate Do in Bern, bei Sensei Piacun – mehrmals die Woche per Autostopp von Ranflüeh aus. «Über die Jahre bin ich nur zweimal zu spät gekommen. Ich wollte es einfach.»

Budokan – der Weg als Lebensschule
Karate ist japanisch, Kung-Fu chinesisch, Teakwondo koreanisch – verwandt, aber unterschiedlich. Hans Müller unterrichtet traditionelles, klassisches japanisches Karate. Budokan steht für den Weg der japanischen Kampfkünste: Do – der Weg – Kan: das Haus «Ich wollte den Weg vom Karate gehen», sagt Hans. Und meint damit weit mehr als die Technik.
1977 eröffnete er mit gerade mal 19 Jahren seine erste Schule im Sääli Kreuz Oberhofen, heute – fast 50 Jahre später – gibt es allein in der Region Thun rund 25 Kampfsportschulen. Budokan Thun aber ist geblieben, gewachsen und gereift.
Kinder, Jugendliche, Erwachsene, sogar ein 80-Jähriger, der mit 60 Jahren begonnen hat, trainieren hier. «Karate ist für alle», sagt Hans. «Wir bekommen keinen neuen Körper – also sollten wir gut zu dem schauen, den wir haben.»
Gesundheit – Körper, Geist und ein gerader Rücken
Was kommt Ihnen spontan in den Sinn, wenn Sie an Karate denken? Meterhohe Kicks? Zerbrochene Ziegel? Oder Filme wie Karate Kid? «Das gehört vielleicht dazu», meint Hans, «aber das Eigentliche ist etwas anderes.» Karate umfasst Körper, Geist und etwas Spirituelles. Es geht um Ausdauer, Zielstrebigkeit, das Aushalten von Anstrengung – und um Freude. «Vor allem Freude. Und Humor. Sonst hält das niemand 50 Jahre durch.» Ein kleines Experiment: Hans sitzt kerzengerade, Hände ruhig auf dem Tisch, ich vis-à-vis. «Heb schnell dieselbe Hand wie ich.» Er hebt rechts – ich links. Ein Lächeln. «So einfach – und so schwierig. Im Karate merken wir, wie verkrampft wir oft sind. Und wie beweglich wir werden können – im Körper und im Kopf.»
Regeln, Wiederholung und das Wesentliche
Im Budokan gibt es Regeln: Schuhe ordentlich in der Garderobe, Füsse gewaschen, Training beginnt und endet gemeinsam. «Ins Fitnesscenter gehst du, wann du willst. Hier ordnest du dich unter. Das verändert dich.» Es gibt keinen fixen Trainingsplan. Vieles wird unzählige Male wiederholt. «Um eine einfache Bewegung wirklich zu verstehen, braucht es Jahre.» Das trainiert nicht nur Muskeln, sondern auch Organe – und den Willen. «Haben wir den Mumm, dranzubleiben?».

Vermittelt werden Werte, klar und einfach:
Ich trachte nach der Vollkommenheit meines Charakters.
Ich bin ehrlich.
Ich übe Ausdauer auf dem Weg zu meinem Ziel.
Ich bemühe mich, andere zu respektieren.
Ich bin nicht gewalttätig in meinem Benehmen.
«Das ist ein Grundgerüst fürs Leben», sagt Hans. «Und das sagen wir nach jedem Training laut. Das bleibt.»
Gurte, Prüfungen und nichts geschenkt bekommen
Die weissen Karateanzüge sind gleich, die Gurte nicht. «Die Gurte sind eine Leiter», erklärt Hans. «Die Wahrheit ist oben, nicht unten.» Neun Stufen bis zum ersten schwarzen Gurt, danach zehn weitere – die höchste Stufe 10 hat weltweit aktuell kein Mensch. Hans Müller trägt Stufe 8. Prüfungen gehören dazu. Bewegungsabläufe, Technik, Präsenz. «Wir wollen nichts geschenkt. Eine Prüfung hat einen Wert.» Ziegel werden manchmal auch zerschlagen – als Showeffekt, als Motivation. «Action gehört dazu», schmunzelt Hans. «Aber plötzlich kannst Du Dinge, die du nicht erklären kannst. Ki – Energie.»

Japan, Zufälle und Hans im Glück
Eigentlich wollte Hans nach Indien, um einen Guru aufzusuchen. Im Flugzeug trifft er eine unbekannte Frau, landet in Delhi, fährt in einem Rolls-Royce zu einer Villa und gibt als 25-Jähriger plötzlich Training vor 500 Schüler:innen. Ein Zwei-Jahres-Vertrag wird ihm angeboten. Er lehnt ab. «Wo ist der Fluss am saubersten? Dort, wo er entspringt. Ich wollte Karate an der Quelle lernen.» Also Japan. Ohne Adresse, ohne Japanisch-Kenntnisse. Ein Mönch sagte ihm: «Zen oder Karate – beides geht nicht.» Enttäuscht folgt Hans der Musik, die er gerade hört, er landet in einem Kindergarten und findet Hilfe. Über Umwege, Zufälle und offene Türen kommt er zu einem Tempel – und zu einer Karateschule. «Hans im Glück», sagt er und lacht. Insgesamt reist er über 30-mal nach Japan, lebt in Familien, trainiert bis zu 120 Stunden pro Monat. Dort lernt er auch seine Frau Misa kennen.

Bild: Früher in der Thuner Innenstadt: Hans Müller bringt Karate den Menschen näher.
Ein Tempel, gebaut aus Ideen und Vertrauen
Zurück in der Schweiz beginnt ein neues Kapitel: der Bau des Tempels an der Tempelstrasse 20 in Thun. Ohne Geld, aber mit einer Vision. Die erste Skizze entsteht auf einem Zigarettenpäckchen – gezeichnet von einem japanischen Architekten, den Hans zufällig kennenlernte. «So etwas kannst du nicht planen.» Fünf Jahre lebt er mit seiner Frau Misa auf 25 Quadratmetern, bis der Tempel fertig ist. Später folgt der Umzug ins heutige Dojo im Gwatt – gefunden innerhalb von 24 Stunden. «Wenn es stimmt, dann stimmt es.»

Bild: Ein Teil der Schüler:innen beim Training im Budokan Thun: Konzentration, Disziplin und Freude vereinen sich.
Bild: Eine der Jüngsten trainiert gemeinsam mit dem Ältesten im Dojo - Karate verbindet Generationen und zeigt, dass Lernen nie zu früh oder zu spät beginnt.
50 Jahre Budokan
Tausende Kinder waren in diesen Jahrzehnten im Budokan Thun. Ehemalige Schüler:innen grüssen Hans heute mit ihren eigenen Kindern an der Hand. «Sie erzählen mir, was geblieben ist. Das ist mein Lohn.» Zum 50-Jahr-Jubiläum im nächsten Jahr plant Hans ein internationales Treffen. Und seine Wünsche? Er überlegt nicht lange: «Gesundheit. Und neue Schüler:innen.» Es passt perfekt zu ihm. Karate als Kampfkunst – und ein leiser Weg zu sich selbst.
Budokan Thun ist kein Ort der schnellen Effekte. Es ist ein Ort der Entwicklung. Ein Ort, an dem Karate nicht erklärt, sondern erfahren wird – Schritt für Schritt. Seit 1973. Mit Konsequenz, Tiefe und Herz.

Bild: Der junge Hans Müller in Aktion - fast wie Bruce Lee: Ein hoher Kick!
Kontakt
Budokan Thun
im Schoren 28
3645 Gwatt
Telefon 079 206 13 71
E-Mail: kbt@karate-budokan-thun.com
www.karate-budokan-thun.com