Sie hat so vielen Kindern in die Welt geholfen, sie könnte die Gemeinde Reutigen neu bevölkern. Sie kämpft für Frauengesundheit vor, während und nach der Geburt – Verena Piguet ist Hebamme und erzählt von ihrer ungewöhnlichen Berufsberaterin und dem Recht der Frauen auf eine selbstbestimmte Geburt.
Text: Alina Dubach | Bilder: Alina Dubach, zvg
Wir sitzen an einem der Holztische gleich neben dem Eingang zur Hebammenpraxis «Baby im Bauch». Die gemütliche Einrichtung lädt zum Verweilen ein. Mein Gegenüber: Verena Piguet im weissen Oberteil und Jeansjacke – nach Praxis und Medizin sieht hier gar nichts aus, nicht mal die Inhaberin selbst. Das ist Sinn der Sache. Ein Satz, so bekannt wie unterschätzt: Eine Frau in Erwartung ist nicht krank – sie ist schwanger. Das Gegenteil – sie erschafft neues Leben. Dazu – und vor allem, wie genau «frau» das machen sollte – haben sehr viele Menschen eine Meinung.
Bild: Verena Piguet ist Hebamme mit Herz und Seele.
Ob sie mit der werdenden Mutter und dem Kind in ihrem Bauch etwas zu tun haben, spielt dabei selten eine Rolle. Werdende Eltern müssen mit vielen Informationen, Halbwahrheiten und Meinungen klarkommen, während sie ihre neue Lebensrealität zu begreifen versuchen. Verena Piguet aus Gurzelen begleitet Paare auf diesem Weg – seit 33 Jahren. Vom Kurs «schwanger… und jetzt?» bis zur Wochenbettbetreuung. Seinen Anfang nahm dieses Berufsleben früh. «Ich bin auf einem Bauernhof im Aargau aufgewachsen. Schon damals hatte ich immer besondere Freude an den neugeborenen Tieren», erinnert sich die 55-Jährige.
Für den Rat des Berufsberaters könnte das eine Rolle gespielt haben, der empfahl der jungen Verena damals «Säuglingspflegerin» zu werden – ein Beruf, den es so heute nicht mehr gebe, schmunzelt die erfahrene Hebamme. Den Nagel auf den Kopf traf schlussendlich Monika, die beste Freundin, auf dem Schulweg: «Werde doch Hebamme!» Und von dem Moment an war der weitere Berufsweg für die 16-Jährige klar. Bereut hat sie es nie. Auch wenn der Beruf keine rosafarbene Zuckerwelt ist.
Das Recht auf «nicht-wissen»
«In erster Linie will ich der Mutter – den Eltern – alle ihre Möglichkeiten aufzeigen, den Ablauf der Geburt erklären und sie in die Lage versetzen, eine informierte Entscheidung zu treffen», erklärt Verena Piguet ihr wichtigstes Anliegen. Dazu gehöre aber auch das Recht auf «nicht-wissen».
«Heute werden so viele Tests standardmässig gemacht. Diese können je nach Schwangerschaft – und diese sind so individuell wie die Menschen, die sie erleben – sinnvoll sein. Doch seien die Informationen oft einfach eine Belastung für die Mutter, den Vater und manchmal sogar für die Geburtshelfer:innen.

Bild: Die Praxis «Baby im Bauch GmbH».
«Zum Beispiel das Gewicht des Kindes. Wenn das Gewicht völlig aus der Norm fällt, ist es gut, das zu wissen. Aber ob ein Kind ein bisschen schwerer als normal ist, spielt für die Geburt eigentlich überhaupt keine Rolle», erklärt Piguet, «aber es macht etwas mit der Mutter. Die Vorstellung, dass da ein besonders grosser Kopf herausgepresst werden muss oder ein besonders schweres Kind, das macht etwas mit der Einstellung und den Erwartungen an die Geburt.» Auch für den Vater sei das Wissen, dass seine Frau es eher schwerer habe als andere, nicht hilfreich. «Selbst mit mir als erfahrener Hebamme macht es etwas.»
Deshalb macht sie ihren Kund:innen klar, dass sie die Wahl haben, welche Informationen gewollt sind und wie oft ein Ultraschall gemacht wird. Umgekehrt aber auch, dass sich die Mutter Gehör verschaffen darf, wenn sie ein komisches Gefühl hat. «Wenn am Tag zuvor die Hebamme sagt, es ist alles in Ordnung und am nächsten Tag fühlt es sich anders an – zum Telefon greifen und mit der Hebamme oder dem Arzt sprechen. Die Mutter ist 24/7 mit dem Baby zusammen und die einzige Person auf der Welt, die es in sich spürt. Sie ist die Spezialistin», so Piguet.
Die Freiheit zu wählen
Ähnlich verhält es sich mit dem Ort der Geburt. «Seit der Coronapandemie nehmen Hausgeburten wieder zu», für die erfahrene Geburtshelferin eine positive Entwicklung, obwohl sie grundsätzlich keinen Geburtsort einem anderen vorzieht. Schliesslich geht es darum, dass jedes Kind gesund auf die Welt kommt und es der Mutter gut geht, egal wo. «Es ist jedoch so, dass eine Frau während der Hausgeburt noch wählen kann, ins Geburts- oder Krankenhaus zu fahren. Wird von Anfang an die Geburt im Krankenhaus geplant, ist die Entbindung zu Hause nicht mehr möglich, da dort die Infrastruktur und die Vorbereitung fehlen», ergänzt Piguet.

Bild: Auch Geburtsvorbereitungskurse gehören zu Verena Piguets Aufgaben.
Es sei eine besonders friedliche Form der Geburt, in vertrauter Umgebung und mit viel Ruhe. Im ersten Moment seien die meisten Väter nicht begeistert von der Vorstellung. «Sie möchten die sicherste Umgebung für Mutter und Kind, wo sie die beste Pflege erhalten», weiss die Hebamme. Es seien deshalb ihre liebsten Gespräche mit werdenden Eltern, wenn sie die Sorgen und Ängste beider hören, verstehen und teilweise abbauen könne. Denn schlussendlich habe sie das gleiche Ziel, wie der werdende Vater: Mutter und Kind sicher und möglichst friedlich durch das Naturereignis zu begleiten.
Besondere Wiedersehen
Da sie seit mehr als drei Jahrzehnten in der Umgebung rund um den Thunersee als Hebamme unterwegs ist, sind viele der Kinder, die Verena Piguet zur Welt gebracht hat, mittlerweile erwachsen und bekommen zum Teil selbst Nachwuchs. «Ich habe eine Klientin, die ich zur Welt gebracht habe und nun während ihrer eigenen Schwangerschaft begleite. Das ist etwas ganz Besonderes», bestätigt Piguet.
Bild: Als Ausgleich zum anstrengenden Berufsalltag ist Verena gerne in der Natur unterwegs. Am liebesten in Begleitung von Charlie.
Aber auch eine andere Begegnung ist ihr in Erinnerung geblieben – als Beleghebamme im Spital Thun sei einmal ein Unterassistent an sie herangetreten und habe sich mit Vornamen vorgestellt. «Ich habe ihn angesehen, auf sein Namensschild geschaut – beide Namen begannen mit ‹O›, was meinen Verdacht bestätigte – und mir war sofort klar, wen ich da vor mir habe. Ihm zu sagen, dass ich bei seiner Geburt dabei war, das ist etwas, woran ich sehr gerne denke.»
So verbindet Piguet auch ein spezielles Band mit ihrem Nachbarsjungen. Auch bei seiner Geburt war sie dabei – mehr als das: Es war die erste Hausgeburt, die Verena Piguet als leitende Hebamme begleitete. «Wenn ich den heute elfjährigen Jens anschaue – und er mich – wir wissen beide ganz genau, dass wir einander auf ganz besondere Art verbunden sind.»
Die Balance zwischen Arbeit und Privatleben
Nebst den schönen Seiten – glückliche junge Familien, die Nähe zum schönsten Erlebnis im Leben vieler Eltern und zum Leben selbst – verlangt der Beruf der Hebamme der Gurzelerin und ihrem Umfeld einiges ab. «Ich war gut fünf Jahre als Hebamme selbstständig unterwegs. Diese Zeit war sehr erfüllend, aber ich war auch 24/7 für ‹meine Frauen› da. Irgendwann kam der Punkt, als ich merkte, dass ich so nicht weitermachen kann», erinnert sie sich. Als Frau mit vielen Ideen und dem Mut, diese umzusetzen, gründete Verena Piguet 2019 die Hebammenpraxis «Baby im Bauch» in Steffisburg. Mittlerweile umfasst das Team acht Frauen, drei davon teilen sich die strengen Pikettdienste. «Das Praxistelefon liegt jeden Abend neben einer von uns, die Zeit spielt keine Rolle, die Babys kommen, wann sie wollen», weiss Verena aus zahlreichen Erfahrungen.
Bis heute kann sie nie sicher sagen, ob sie zur Kaffee-Verabredung, beim Geburtstag der Freundin, dem Familienfest, dem Weihnachtsessen wirklich auftaucht oder bis zum Schluss bleibt – die Geburten gehen immer vor. «Das gehört für mich genauso zum Beruf wie die Freude nach einer Geburt und die Besuche am Wochenbett. Es verlangt aber viel Flexibilität von meiner Familie, meinen Freund:innen – und die ist zum Glück vorhanden.»
Ein Kampf an mehreren Fronten
Nebst der völlig unplanbaren Arbeit mit den Geburten ist auch die Geburt selbst oft eine Art Kampf – oder eine Gipfelbesteigung, wie es Verena Piguet erklärt. «Ich bin eine Art Bergführerin. Oft kann ich die Frauen den ersten Teil der Strecke still begleiten, sie schaffen den Weg allein. Ihr Körper ist genau dafür gemacht. Bis der Punkt kommt, wenn die Erschöpfung zu gross wird.» Auf einer Wanderung kann man sich hinsetzen, eine Pause machen, Kraft schöpfen. Während einer Geburt geht das nicht. Das Kind will raus. Jetzt.
Wichtiger als «du schaffst das», «nicht mehr lange» und «nur noch einmal» sei es, die Mutter in diesem Moment nicht allein zu lassen. Da zu sein, ihre Hand zu halten und «den weiteren Weg Schritt für Schritt gemeinsam zu gehen. Ich beschreibe dann jeweils, was gerade ansteht. Es zählt nur noch das Hier und Jetzt und die Frau – unabhängig davon, wie viele Schritte danach noch kommen.»
Bild: Gemeinsam mit Charlie unternimmt Verena gerne lange Spaziergänge in der Umgebung.
Ähnlich geht es Verena Piguet auch im Umgang mit einem System, das nicht zwingend die Frauengesundheit in den Mittelpunkt stellt. Während Krankenhäuser für eine natürliche Geburt ohne Medikamente und ärztliches Eingreifen kaum Geld von den Krankenkassen erhalten, können Hebammen ihre Leistungen nur teilweise über die Krankenkassen abrechnen: «Einen grossen Teil unserer Arbeit, etwa telefonische Beratung, leisten wir kostenlos», so Piguet. Trotzdem will sie unweit ihrer Praxis in Steffisburg ein Geburtshaus eröffnen. «Schliesslich entlasten Geburten ausserhalb der Krankenhäuser auch die Finanzen unseres Gesundheitssystems», erklärt Piguet.
Noch hat der Kanton die Bewilligung für das stationäre Wochenbett nicht erteilt, doch für ihr Herzensprojekt ist Verena bereit, einen weiten Weg bis zum Gipfel zu gehen.