Bass, Cello, Örgeli – und zwei, die’s zusammenbringen

Bass, Cello, Örgeli – und zwei, die’s zusammenbringen

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Eingespielt, erdig und voller Überraschungsmomente – 
so klingt die Musik von Evelyn und Kristina Brunner. Die beiden Schwestern verbinden das Schwyzerörgeli ihrer Kindheit mit eigenen Tönen und lassen Kontrabass und Cello aufblühen. Aufgewachsen über einer Werkstatt und gross geworden mit Ländlermusik, Improvisation und viel Freiraum, spielen sie heute ihre ganz eigene, selbst geschriebene Musik – unverkrampft, neugierig und tief verwurzelt.

Text: Maria-Theresia Zwyssig
 Bilder: zvg

Knarrende Böden, klingende Bässe

Der Boden im Café Thunerhof knarrt so knorrig wie ein Bass im Schwyzerörgeli, es duftet nach Kaffee, draussen fliesst die Aare und wir sitzen am Holztisch – ein schöner Ort für ein Gespräch. Die hohen Räume im Café laden zum Weitdenken ein. Diese Weitsicht, die Offenheit und die Tradition: Das ist wie ein Dreiklang, der die beiden Musikerinnen beschreibt. Sie sind Schwestern. Sie sind Thunerinnen. Sie sind Herzblutmusikerinnen. Und sie strahlen – trotz beruflicher Bühne, Studioaufnahmen, Tourplänen und Unterrichtsstunden – eine geerdete Ruhe aus.

Bild: Zwischen Herkunft und Aufbruch: Kristina und Evelyn Brunner mit ihren Instrumenten am Strassen­rand, der Niesen im Hintergrund – ein Blick in die Weite ihrer Heimat.

Von der Werkstatt auf die Bühne – ein Zuhause ohne Lautstärkenbegrenzung

Aufgewachsen sind die beiden direkt über dem Metallbaubetrieb der Eltern. Unten wurde geschweisst und gebogen, oben geübt und improvisiert. Nachbarn gab es keine – ein Glücksfall, wenn man zwei junge Musikerinnen im Haus hat, die unerschöpflich «örgelen», probieren, scheitern, hin und wieder triumphieren und lachen. «Wir konnten Tag und Nacht laut sein», sagt Evelyn. «Es war wie ein Abenteuerspielplatz – einfach einer mit Instrumenten. Diese Umgebung hat geholfen, dass wir uns auf die Musik fokussiert haben». Die Eltern spielten dabei eine Hauptrolle, wenn auch sehr unterschiedlich. «Unser Papa war sehr prägend, er musizierte als Ausgleich zu seinem Arbeitsleben, er war die reine Gelassenheit: kein Druck, keine Erwartung, nur Freude». Kristina ergänzt: «Wenn wir beim Üben davonschlichen, störte ihn das nicht – wir kamen ja eh wieder zurück». Ganz nebenbei steckte seine Begeisterung einfach an. Die Mutter war der ruhende Pol und der helfende Motor. Sie kümmerte sich um all unser Wohlergehen, fuhr zum Unterricht, holte uns wieder ab, hörte zu und gibt bis heute ehrliche Rückmeldungen nach unseren Konzerten. «Sie sieht Details – Haltung, Bewegung, Ausdruck. Sie ist kritisch, aber immer wohlwollend», sagt Evelyn.

Bild: Die Wurzeln ihrer Musik: Kristina und Evelyn Brunner als Kinder mit ihrem Vater und Louise Keller am Kontrabass bei einem frühen Auftritt.

Die erste Bühne – und die erste Improvisation

Ihr erster Auftritt als Duo fand im Freienhof Thun an einer Geburtstagsfeier statt. Sie waren zwischen 10 und 15 Jahren alt, angespannt wie frisch gestimmte Saiten im Rampenlicht. «Wir hatten nur ein kurzes Programm und haben die Stücke durch Wiederholungen verlängert», berichten die Schwestern schmunzelnd. Dann ein Wunsch aus dem Publikum: ein Stück von Arthur Brügger. «Wir kannten das Stück, konnten aber nur die zweite Stimme davon, also haben wir diese gespielt», sagen beide lachend. Mut zur Lücke – ein Markenzeichen, das später zu echter Improvisationslust wurde. Hansueli von Allmen, dem ehemaligen Stapi von Thun gefiel’s. Er engagierte sie wieder und wieder. Und damit begann der Weg vom Wohnzimmer auf die Bühne. Heute, rund 20 Jahre später und trotz langer Bühnenerfahrung bleibt vor jedem Konzert eine gewisse Anspannung. Evelyn helfen Bogenübungen, Kristina taucht mental in die Musik ab: «Dann bin ich nicht die Hauptperson – die Musik ist es.» Jedes Konzert ist anders. Andere Akustik, andere Setliste, andere Improvisation. Dadurch bleibt alles frisch. Und was bleibt nach einem Auftritt? «Die Begegnungen, die Gastgeber:innen, die sie herzlich in Empfang nehmen, Menschen, die bewusst zu einem Konzert kommen, zuhören, Energie aufnehmen und zurückgeben. In einer hektischen Welt sind solche Inseln ein Geschenk» sagt Kristina.


Bild: Live-Moment: Bei Konzerten empfängt die Musik der Schwestern Brunner nicht nur die Bühne, sondern auch die Reaktion und Energie ihres Publikums.

Musikalische Weichensteller

Dass Evelyn und Kristina heute ihren ganz eigenen Klang gefunden haben, hat viel mit den Menschen zu tun, die sie früher begleitet haben – und mit einer grossen Portion musikalischer Neugier und Fleiss. Ihre Musik schreiben sie selbst. Sie entsteht aus Gehörtem und Erlebtem, ihrem Zusammenspiel, ihrer Verwurzelung in der traditionellen Schweizer Volksmusik – aber eben nicht nur dort. Zwischen die vertrauten Klänge des Schwyzerörgelis mischen sich Elemente aus Klassik, Jazz, skandinavischer Folklore, mediterraner Leichtigkeit und dem, was ihnen sonst noch ins Ohr und ins Herz fällt. Eine Mischung, die schwer zu benennen ist. «Neue Volksmusik» sagen manche. Die beiden schmunzeln: «Neu ist ja immer relativ.» 

Der Ursprung dieser Offenheit liegt in ihrer Kindheit – im traditionellen Ländlermusikfundament, das ihnen ihr Vater vermittelte – , aber auch in der Freiheit, über den Tellerrand hinauszuhören. Und diese Freiheit wurde von ihren Lehrer:innen entscheidend bestärkt. 

Louise Keller war ihre erste Örgelilehrerin – geduldig, warmherzig, mit viel Gespür. «Sie liess uns immer auswählen, welches Stück wir lernen möchten, das war cool», erinnert sich Evelyn. Später, in der Oberstufe, besuchten wir den Schwyzerörgeliunterricht bei Daniel Marti. Er brachte uns ganz viele CDs und sagte: «Das müsst ihr hören, und das, und das auch.» Weltmusik aus Skandinavien und Italien, Jazz – «Wir haben uns alles genau angehört und wie ein Schwamm aufgesogen. Und dann gab es das grosse Erlebnis im Lötschbergsaal in Spiez: Max Lässer und das Überlandorchester mit Markus Flückiger – dem Örgeler schlechthin – hatten einen Auftritt. Die Schwestern waren begeistert. «Die Musik hat uns sofort gepackt. Beim Ausgang gab es einen Tisch mit sämtlichen CDs, unser Vater kaufte uns alle! Dieser Abend öffnete uns eine neue Welt».

Noten? Wichtige Nebensache. Gehör? Gold wert.

Das Schwyzerörgeli beschreibt Kristina als «kleines, handliches, farbiges Zauberinstrument. Der Klang berührt mich am meisten». Warm, knurrig, überraschend. Der aus musiktheoretischer Sicht nur begrenzt logische Aufbau des Instruments schafft durch überraschende Tonabfolgen Zufallstreffer, die zu musikalischen Abenteuern werden. Gelernt haben sie über Kassetten, über Wiederholungen, über Zuhören. «Unverkopft.» 

Heute unterrichten sie beide zwei bis drei Tage pro Woche. Und: Sie tun es gerne – nicht als Pflichtdienst, sondern aus Überzeugung. «Unterrichten ist gleichwertig mit Konzerten», sagt Evelyn. «Wir geben nicht nur Techniken weiter, sondern versuchen, die Musik in ihrer ganzen Breite zu vermitteln.

Viele Schüler:innen lieben traditionelle Stücke, auch ohne volksmusikalischen Hintergrund, andere interessieren sich mehr für Musik aus fernen Ländern oder Popmusik. «Das ist schön. Musik funktioniert ohne Schubladen.»


Bild: Kristina links und Evelyn Brunner rechts mit ihren Instrumenten auf einem Waldweg: Frisch, parat und verwurzelt.

Vom Örgeli bis zum Saitenglück

Auch ihre Streichinstrumente fanden die beiden eher zufällig – aber genau richtig. Evelyn landete in der 7. Klasse beim Kontrabass – eigentlich, weil für die Kunst- und Sportklasse ein zweites Instrument Pflicht war. Bass war naheliegend, und mit Bettina Keller in Bern fand sie eine Lehrerin, die ihr wichtige Grundlagen beibrachte. Kristina verliebte sich ins Cello. In der Musikschule im Gwatt entdeckte sie das Instrument – zusammen mit ihrem Lehrer Widar Schalit, der sie mit Volksliedern sofort packte. Später begleitete sie Martina Huber in Bern bis zur Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule.  Sie ist bis heute eine wichtige Bezugsperson. Heute erzeugt das Schwestern-Duo mit ihren Instrumenten gleich vier Klangkombinationen – Schwyzer­örgeli mit Bass oder Cello, zwei Schwyzerörgeli oder Cello und Bass.

Das Studium – die tiefere Oktave

«Ihr könnt doch spielen – warum studieren?» Diese Frage wurde den beiden ab und zu gestellt. Heute sind sie froh über das fünfjährige Studium. 

Evelyn studierte Musik- und Bewegungspädagogik mit Hauptfach Kontrabass und Schwyzerörgeli im Nebenfach. Kristina hat ein klassisches Bachelorstudium, im Hauptfach Cello mit Schwerpunkt Volksmusik und einen Bachelor- und Masterlehrgang in Schwyzerörgeli absolviert. Das Studium öffnete Türen, schärfte Technik, Theorie und Identität. An der Musikhochschule in Luzern, die als einzige in der Schweiz einen Volksmusikstudiengang anbietet, fanden sie ein inspirierendes Umfeld und ebenso begeisterte neue Kolleg:innen. Ihre dritte CD erscheint in diesem Jahr.

Der Plan? Welcher Plan?

Ist der Plan aufgegangen? Die Visionen? «Früher hatten wir viel mehr gemeinsame Zeit und konnten nächtelang proben». Heute braucht es vielmehr bewusst gesetzte Probetage und klare Ziele. Evelyn hat eine Familie, Kristina wohnt in Luzern, und der Alltag klingt nicht immer im gleichen Takt. Umso wichtiger ist es ihnen, sich Inseln zu schaffen, Zeitfenster, in denen sie sich als Duo finden.

«Unser gemeinsames Projekt liegt uns am Herzen – dafür nehmen wir uns den Raum», sagen sie. Früher wohnten sie zusammen, Tür an Tür, Örgeli an Cello – da war der Austausch so selbstverständlich. Heute ist die Distanz grösser, doch die Verbindung nach wie vor tief. 


Bild: Festival Stubete am See: Evelyn am Kontrabass, Kristina am Schwyzer­örgeli – ein Moment, der die Vielfalt ihrer Musik zeigt.

Region, Rückzugsorte und kleine Träume

Obwohl Evelyn heute in Spiez lebt und Kristina in Luzern – beide bleiben Thunerinnen im Herzen. Das Schlossgebiet, die Stadtkirche, die Aare: «Wir wohnen dort, wo andere hinreisen, um zu staunen.» Ein Traumort zum Spielen? «Viele wunderbare Orte durften wir bereits bespielen. Aber einmal am Natural Sound Openair im Kiental spielen zu dürfen, würde uns sehr freuen.» 

Zwei Schwestern

Seit zehn Jahren machen sie das, was sie machen. «Wir managen uns selbst, arbeiten gemeinsam To-do-Listen ab, nehmen Social-Media Pflichten wahr und kümmern uns um die Konzertlogistik, wenn immer möglich mit dem Zug. Meinungsverschiedenheiten? «Ja. Haben wir: direkt, ungefiltert, manchmal konfrontativ. Der Vorteil: Wir müssen nie überlegen, wie wir etwas verpacken. Der Nachteil: Wir verpacken es nie. Aber wir sind jeweils schnell wieder versöhnt.» Für Evelyn ist Kristina eine der engsten Verbündeten, die wichtigste Person – jemand, der immer nah bleibt. Für Kristina ist Evelyn die Person, die sie auch ausserhalb der Musik um Rat fragt. «Viele Entscheidungen diskutiere ich mit ihr. Wir stellen unser eigenes Ego in den Hintergrund und in den Dienst der Sache. So finden wir immer eine Lösung.»

Und sonst

Evelyn sagt: «Ein Tag ohne Musik kommt vor. Eine Woche ohne Musik nicht. Würde die Musik wegfallen, müsste ich wohl joggen gehen oder endlich die ungelesenen Bücher anpacken, die sich im Regal stapeln.» Und irgendwann mal möchte sie nach England – mit dem Zug. London erkunden, aber auch aufs Land, dort, wo es grün und britisch riecht.

Kristina dagegen träumt davon, ein Handwerk zu lernen – Schuhe machen, Möbel polstern oder irgendetwas mit Werkzeug. Mittlerweile scheint die Sonne in das hübsche Café, das Wasser in der Aare glitzert, der Kontrabass wartet beständig in der Ecke in seiner Hülle, das Schwyzerörgeli in der speziellen, gut gepolsterten Tasche. Der nächste Auftritt wartet um die Ecke – und vielleicht nehmen Sie, liebe Leserin, lieber Leser, im Publikum Platz.

Kontakt

www.evelyn-kristina-brunner.ch


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