Aufstieg und Heimkehr: Geschichten eines Bergsteigers

Aufstieg und Heimkehr: Geschichten eines Bergsteigers

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Mount Everest, Seven Summits, 30 Jahre Bergfalke: Tom Zwahlen lebt als Bergführer, Rettungsspezialist und Pionier der Alpen, ein Leben voller Abenteuer. Vom Gipfel zurück in Thun wurde er damals zum«Sportler des Jahres» gekürt – ein Jubiläum, das nach Geschichten aus Eis, Wind und Leidenschaft ruft.

Text: Maria-Theresia Zwyssig | Bilder: zvg

 

Ein Thuner auf dem Everest
8848 Meter über dem Meer, die Luft dünn, der Blick endlos: Hier oben, wo die Welt ein Dach hat, stand Tom Zwahlen. Geboren in Thun, lebt er heute in Weissenburg im Simmental, doch eigentlich ist er überall dort zu Hause, wo das Abenteuer wartet – im Fels, auf dem Wasser oder hoch über den Tälern. Tom kennt die Freiheit in all ihren Dimensionen. Schon als Kind entdeckte er seine Leidenschaft für die Berge. Sein Vater arbeitete bei der PTT, im Kreistelefon Direktion Thun, und betreute ein riesiges Gebiet von Gstaad über Kandersteg bis zum Jungfraujoch. Er half mit, den Ostgrat aufzubauen. Durch ihn lernte Tom früh das Lauterbrunnental kennen – heute ist er dort aktives Mitglied des Bergführervereins. Der gelernte Elektromonteur begann mit zwanzig Jahren die Ausbildung zum Bergführer, «eigentlich viel zu jung – plötzlich hast du Gäste, Familienväter, und trägst die Verantwortung. 

Menschlich war ich noch nicht reif dafür». Heute ist er Rettungsspezialist und Inhaber der Alpinschule Bergfalke. Tom ist der achte Schweizer, der die Seven Summits bestiegen hat – den höchsten Gipfel jedes Kontinents. 2003 stand er auf dem Sagarmatha, der «Göttin der Erde», wie die Sherpas den Mount Everest nennen. 

Tom Zwahlen ist ein Mann, der die Extreme sucht – und liebt. Einer, der weiss, wie sich die Tiefe anfühlt, und wie es ist, dem Himmel ganz nah zu sein.

Bild: Gipfelglück auf 8848 Metern. Tom Zwahlen erreicht im Jahr 2003 als erster Thuner das Dach der Welt.

Schlafen bei minus 65 Grad 
Die tiefste Kälte, die Tom je erlebte, lag bei minus 65 Grad auf dem Denali-Gipfel. Was man da trägt? Im Prinzip dasselbe wie hier – nur konsequent nach dem Zwiebelprinzip: lange Unterhosen, Fleece, Goretex, Daunen – Schicht für Schicht, bis kaum noch Platz zum Bewegen bleibt. Vorteil: Je kälter, desto trockener die Luft; Feuchtigkeit ist der eigentliche Feind, denn sie zieht die Kälte direkt in den Körper. «Am schlimmsten ist es bei uns zu Hause, wenn es neblig ist und knapp über null Grad liegt», sagt Tom. Schlafen im Zelt war trotzdem möglich: «Hast du kalt?», flüsterte einer. «Ja schon ein bisschen.» Also zusammenrücken und die Wärme teilen. So erlebten sie es am Mount McKinley (heute Denali). Einer der Seven Summits. Einer von Toms Gipfeln.

Nasse Socken auf 8800 Metern
Toms erster Gedanke auf dem Gipfel des Everest war überraschend nüchtern: «So, tipptopp, jetzt bin ich oben. Aber ich muss da wieder runter.» Denn der Abstieg zählt genauso. Oben blies starker Wind, Zeit blieb nur für ein paar Fotos. Das Hochgefühl stellte sich erst später in Kathmandu ein, als er in Sicherheit war, nach Tagen voller Anstrengung. «Ich wollte die Berge nicht nur erleben, ich wollte sie überleben.» Viele fixieren sich auf den höchsten Punkt und vergessen den Rückweg. Doch wie bei jedem grossen Projekt – ob Hausbau, Ferien oder Expeditionen – gehört immer mehr dazu als nur das Ziel. «Wer nur den Gipfel im Auge hat, riskiert alles.» Seine mentale Stärke baut Tom lange im Voraus auf – Gespräche mit erfahrenen Bergsteigern wie Dölf Reist, der den Everest 1956 bestiegen hatte, oder mit Erhard Loretan, prägten ihn. «Setz dich mit dem Berg auseinander, sei bereit für jede Eventualität», rieten sie. «Denn am Berg trifft immer das ein, womit man nicht rechnet.» Genau das erlebte Tom: In der Aufstiegsnacht schüttete sein Seilpartner versehentlich Tee über Toms Socken. Ein kleines Missgeschick – mit fatalen Folgen. «Nasse Socken in der Todeszone bedeuteten akute Erfrierungsgefahr. Innerhalb von fünf Sekunden hat mein Kollege sämtliche Berner Schimpfwörter gelernt», erinnert sich Tom. «Ich wusste – das wars.» Doch das Team entschied: «Entweder gehen wir alle, oder keiner.» Resignation war keine Option.

Sie trockneten die Socken über dem Gaskocher und starteten verspätet gegen 03:00 Uhr. Zunächst war ein persönlicher Höhenrekord über 8600 Meter das Ziel. Schritt für Schritt stiegen sie höher, trotz starkem Wind. Auf 8300 Metern, am sogenannten Balkon, waren sie gut unterwegs; am Vorgipfel sagten sie: «Es könnte funktionieren.» Schliesslich erreichten sie den Gipfel – punktgenau zur vereinbarten Umkehrzeit. Heute lacht Tom mit seinem Seilpartner bei einem Bier über die nassen Socken. Damals aber hätten sie die Expedition fast abgebrochen. «Doch wenn man als Team zusammenhält, funktioniert es manchmal trotzdem. Man weiss: Ich kann mich auf den anderen verlassen. Es hätte jedem passieren können, auch mir.»


Bild: Sicher über jede Brücke: Tom Zwahlen unterwegs mit seinen Gästen in Nepal.

Warum treibt es einen Menschen auf die höchsten Punkte jedes Kontinents?
Für Tom ist die Antwort einfach und zugleich vielschichtig: «Abenteuer, Herausforderung, im richtigen Moment am richtigen Ort zu sein.» Er bleibt ehrlich: Bergsteigen verändert die Welt nicht. «Reinhold Messner hat einmal gesagt: Eigentlich ist es unnütz. Es hat keinen Mehrwert für andere – höchstens für dich selbst.» Für Tom liegt die Kraft darin: «Ein Ziel zu haben, es zu planen, Probleme zu lösen und am Ende tatsächlich oben zu stehen – das ist Abenteuer.» Wie Kolumbus die Welt zu entdecken, ist heute nicht mehr möglich. «Jede Expedition ist einzigartig: geprägt von Begegnungen vor Ort, unerwarteten Hindernissen und der Frage: Wie gehe ich damit um?» Manchmal entscheidet das Unerwartete – selbst am vertrauten Kilimandscharo kann plötzlich die Höhe zum Problem werden. «Vielleicht vertrage ich sie diesmal nicht, vielleicht kommt etwas dazwischen – und genau das macht es spannend.» Der Mehrwert? «Es sind meine Träume», sagt Tom. «Wenn ich mir einen erfüllen kann, macht mich das glücklich. Und gesund nach Hause zurückzukehren – das ist das grösste Geschenk.»

Die Seven Summits
Für Tom waren die Seven Summits nie ein festes Ziel. «Als junger Führer stand ich auf dem Denali (Nordamerika), später auf dem Elbrus (Europa) und dem Kilimandscharo (Afrika). Ein Kollege meinte: ‹Du hast schon drei, willst du nicht alle schaffen?› Schön wär’s – aber geplant war es nie.» Es ergab sich Schritt für Schritt: Nach der Besteigung des Cho Oyu 8188m entstand die Idee Everest (Asien), welche dann 2003 umgesetzt wurde. Danach wollte ein Gast mit mir nach Papua-Neuguinea auf die Carstensz-Pyramide (Ozeanien) und 2012 folgte als letzter der Seven Summits der Mount Vinson (Antarktis). So fügte sich eins zum anderen – Gipfel für Gipfel.

Bild: Tibetische Gebetsfahnen wehen im Wind bei der Stupa. Im Hintergrund die majestätische Ama Dablam im Khumbu Gebiet.

Die Angst – ein Geschenk der Evolution
Für Tom beginnt ein Traum mit einer Idee und Durchhaltewillen. Ob im Beruf oder beim Bergsteigen: Ein Hindernis ist nie das Ende. «Beim Bergsteigen steige ich drüber, an anderen Orten sprengen wir den Stein einfach weg. Probleme lösen, mit der Materie arbeiten – das ist das Abenteuer.»

Doch manchmal steht die Angst vor der Lösung. «Sie ist ein Geschenk der Evolution. Ohne sie wären wir längst ausgestorben. Angst schützt, muss aber in gesunden Respekt verwandelt werden – durch Vorbereitung: den Berg studieren, Gefahren analysieren, Pläne A, B und C bereithalten. Je näher wir dem Berg kommen, desto grösser wird der ‹Plegger›». Im Unterbewusstsein sagt Tom: «Wir wollen wieder nach Hause. Ein Berg ist keinen Fingernagel wert.» Für ihn ist es eine Mischung aus Vorbereitung, Rückhalt und Ehrfurcht. «Man geht mit Respekt und Demut hin, nicht planlos. Das macht es möglich, sich der Herausforderung zu stellen.» Und es lehrt Demut: «Nicht alles läuft nach Plan, manchmal muss man abbrechen. Doch auch Rückschritte sind wertvoll – oft führen sie später schneller ans Ziel».

Bild: Der Gipfel im Blick: Von hier aus führt der Weg zum 5895 Meter hohen Kilimandscharo in Tansania. Der höchste Berg Afrikas.

Wenn ‹Stop› auch Mut bedeutet
Als Tom zum ersten Mal am Denali stand, quälten ihn starke Rückenschmerzen. «Was mache ich hier? Ich war im falschen Film.» Sein Kollege sagte nur: «Komm, es sind noch fünf Minuten – den Rücken richten wir später.» Damals lernte Tom: Bergsteigen ist ein Miteinander. «Im Leben braucht es jemanden, der dich motiviert – aber auch jemanden, der sagt: ‹Stop. Jetzt musst du passen›.» Auch mit Gästen gilt dieses Prinzip. Vor jeder Tour klärt Tom Erwartungen ab – seine an sie und ihre an ihn. «Wenn jemand Höhenprobleme oder Kopfweh bekommt, dann gilt: Stop heisst Stop. Das müssen alle akzeptieren.» Seine Aufgabe ist es, die Gäste bis an ihre Grenzen zu coachen, ihnen Sicherheit zu geben und sie notfalls rechtzeitig zu bremsen. Jeder reagiert anders auf Höhe und Belastung. «Manchmal spricht jemand eine Woche nicht mehr mit mir. Aber irgendwann verstehen sie: Es geht um Sicherheit. Wir wollen alle gesund nach Hause kommen.»

Wenn Abenteuer Menschen verbindet
Begegnungen prägen jede Reise. Eine der schönsten für Tom war die mit Sherpa Navang, den er am Cho Oyu traf. Gemeinsam bestiegen sie später die Ama Dablam und schliesslich kam Navang als Sirdar – Chef der Sherpas – mit auf den Everest. «Ohne die Sherpas würden wir solche Berge nicht erreichen.» Nach der Besteigung feierten sie in Kathmandu, kochten Fondue – und Tom erfüllte Navang einen Wunsch: die Schweiz zu besuchen. Ein Jahr später kam er, ernährte sich von Käseschnitten und Rivella, und gemeinsam bestiegen sie die «Jungfrau». Er fuhr in einer Lokomotive mit, sah Hirsche im Nationalpark, besuchte das Bundeshaus und Zermatt. Die Stadt Thun übernahm damals sogar das Bahnbillett. Bis heute sind die beiden in Kontakt, und Tom trifft ihn immer wieder in Nepal.


Bild: Sicher am Seil führt Tom Zwahlen Gäste auf die Dufourspitze, höchster Schweizer Gipfel 4634m – und auch wieder runter.

Fairness am Berg
Für Tom gibt es klare Grenzen: «Sobald Menschen ausgebeutet werden, ist Schluss.» Jeder habe Anspruch auf einen gerechten Lohn und Wertschätzung. Alles andere sei inakzeptabel. Ein Beispiel: «Manche Expeditionen zum Everest bringen tonnenweise Essen mit – Speck, Teigwaren, Käse –, doch die Sherpas, die oft 30 Kilo tragen, bekommen nichts davon. Keine Schokolade, kein Extra-Food. Das ist unfair und unmenschlich. Wer so handelt, überschreitet für mich eine Grenze.»

Denken vor dem Lenken
Tom sucht Abenteuer nicht nur in den Bergen, sondern auch auf dem Meer. «Das Faszinierende am Meer ist dasselbe wie in den Bergen: Erst denken, dann lenken. Unvorbereitet aufs Wasser zu gehen, ist keine gute Idee.» Fehler sind hier oft schwerer zu korrigieren als am Berg. «Man kann nicht einfach umkehren, einer Spur folgen oder eine Hütte anpeilen. Der Heli kommt auch nicht einfach so.» Schon als Jugendlicher surfte Tom auf dem Thunersee. Irgendwann kamen Gäste und fragten, ob man Segeln und Klettern verbinden könnte. Tom sagte: «Ich surfe». Später organisierte er die erste Segelreise auf Sardinien.» Der Skipper riet ihm zur Segelprüfung – inzwischen hat er seit 20 Jahren den Segelschein. Vom Binnenbrevet über die Motorbootprüfung bis zum Hochseeschein mit 1000 Seemeilen auf dem Meer und der Theorieprüfung dazu im Adler in Adelboden. Für Tom sind die Parallelen klar: «Segeln ist wie Bergsteigen – Freiheit pur. Niemand schreibt dir den Weg vor. Auf See ist dieses Gefühl noch stärker: Kaum verlässt du den Hafen, gibt es nur noch den Wind. Grenzenlose Freiheit – Jack Sparrow in alle Himmelsrichtungen.

Bild: Vom Berg aufs Meer: Tom Zwahlen setzt die Segel und steuert das Segelschiff über den Atlantik. Freiheit pur.

Tom der Rettungsspezialist
Tom ist nicht nur Bergsteiger und Expeditionsexperte – sondern auch Rettungsspezialist. «Wir sehen nicht immer die schönsten Seiten der Berge», sagt er ruhig. In der Canyoning-Rettung erlebt er Situationen, die sich tief einprägen, die er im Gespräch oder mit Unterstützung eines Care.Teams verarbeitet. Schon als Junge lernte er mit seinem Vater: Unfälle passieren, man muss daraus lernen. «Ich analysiere, warum etwas geschah, damit es sich nicht wiederholt – und ich selbst den Fehler nicht mache.» Besonders bei Lawinenunfällen ist die Zeit oft entscheidend. «Drei Verschüttete – wo beginnst du zu schaufeln? Zum Glück kam das selten vor, doch es sind schwierige Entscheidungen.» Für Tom gehören Prävention, Erfahrung und schnelle Entscheidungen untrennbar zusammen – ein Teil seiner Sicht auf das Bergsteigen, die ihn ebenso prägt wie jeder Gipfel.

Heimkommen – Ankommen
Toms Lieblingstour? «Die, an der ich gerade dran bin.» Jede Expedition, jede Bergtour ist für ihn einzigartig. «Heute mache ich das, was mir Freude bereitet. Jede Tour ist die schönste, die ich gerade erlebe.» So sehr er die Ferne liebt, genauso liebt er das Heimkommen. Fährt er ins Berner Oberland zurück und sieht den Thunersee, spürt er sofort Vertrautheit: «Ich gehe gerne auf Tour, aber ich komme auch unglaublich gerne nach Hause. Die Schönheit der Region beeindruckt ihn immer wieder: das tiefblaue Wasser des Thunersees, die majestätischen Berge ringsum – hier ist alles, was man braucht.»

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