Töpfern – eine alte Handwerkskunst, die auch in der Moderne wieder einen Aufschwung erlebt. Immer mehr Männer finden darin ein neues Hobby. Eine, die sich schon lange mit Keramik beschäftigt: Susanne „Susi“ Frei.
Text und Bilder: Rebekka Affolter
Susi Frei sitzt an der Drehscheibe, Fokus fest auf der kleinen Schale vor ihr. Ein paar Umdrehungen, ein paar flinke Handbewegungen, die Schüssel hat einen Fuss, die Seiten sind schön getrimmt. „An der Drehscheibe zu sitzen, ist für mich fast wie Meditation“, erklärt sie, den Blick noch immer auf ihr Werk gerichtet.
Gelernt hat der 55-Jährige das Handwerk praktisch nebenan. Geboren und aufgewachsen im Aargau kam sie für die Lehre nach Steffisburg. Auf die Idee kam sie durch ihre Mutter, die einen Töpferkurs besucht hatte. «Ich sagte die bereits erhaltene Lehrstelle als Floristin ab und bewarb mich stattdessen bei einer Töpferei in Steffisburg – wo ich auch prompt die Stelle bekam.»

Heimberg als Töpferdorf
Dass es sie durch die Handwerkskunst ins Berner Oberland zog, ist kein Zufall. Die Region war früher bekannt für ihre Töpferkunst. Insbesondere Heimberg war ein Töpferdorf, zählte im Jahr 1850 rund 80 Töpfereien. „Während wir die Töpfergeschichte eher mit dem Osten verbinden, gibt es auch hier eine lange Tradition“, erklärt Susi Frei. Eine, die – wie viele kunsthandwerkliche Berufe – langsam am Aussterben ist.
So funktioniert's
Aber zuerst ein kurzer Theorie-Teil für Nicht-Töpfernde: Ton wird hauptsächlich auf drei Arten verarbeitet: Drehen, Gießen oder Modellieren. Auf der Drehscheibe können mit dem nötigen Können relativ schnell Schüsseln, Tassen und Vasen hergestellt werden. Modellieren auf der anderen Seite findet ohne Scheibe statt. Die Go-To-Technik für unregelmässige Formen wie Statuen – oft eignet sie sich auch besser für Anfänger:innen. Die Technik an der Drehscheibe wird definitiv erlernt sein.
Nach dem Drehen oder Modellieren wird das Stück getrimmt bzw. auf der Drehscheibe abgedreht. Nachdem der Ton einen Tag lang getrocknet und lederhart ist, wird überflüssiges Material mithilfe von Werkzeugen weggetrimmt, Details wie Füsse und Henkel werden hinzugefügt. Arbeitet man mit der Drehscheibe, geht dieser Schritt deutlich länger als der erste: „Wenn ich einen Tag lang nur an der Drehscheibe sitze, kann ich danach mindestens zwei Tage lang abdrehen“, erklärt Susi. Als letzten Schritt werden die Fässer in einem Brennofen – auch Kiln genannt – gebrannt – bei Temperaturen von 900 bis 1280 Grad. Zuerst ohne Glasur, beim zweiten Mal mit. So kurz zusammengefasst die Töpferkunst.

Bild: Susi Frei beim Drehen einer Schale.
Die Faszination Ton
«Ton ist ein wahnsinnig interessantes Material. „Er passt sich jeder Form an, lässt sich nach jedem Wunsch formen“, erklärt Susi Frei. Auch habe er etwas sehr Beruhigendes, Meditatives an sich und «Ton erdet mich einfach».
Wie sehr sie das Töpfern liebt, merkte sie allerdings erst, als sie Jahre nach der Lehre wieder damit anfing. Während des Aufziehens des Nachwuchses gab sie das Handwerk mehr oder weniger auf. „Mit kleinen Kindern im Haus ist Töpfern ein nicht besonders passender Beruf“, erklärt die zweifache Mutter. Man kann sein Kunstwerk meist nicht einfach kurz stehen lassen, um sich um die Bedürfnisse der Kinder zu kümmern. Deshalb wandte sie sich dem Schmuck zu – „Ich brauche einfach immer ein kreatives Outlet in meinem Leben“. Nun, da die Kinder groß und eigenständig sind – und Sohn Serafin sogar selbst die Keramik-Lehre absolviert hat – findet Susi wieder Zeit fürs Atelier.

Bild: Susi Frei mit einem Werk aus Porzellan - dem schwierigsten Material.
«Ich wollte meinem Beruf einfach noch einmal eine Chance geben – auch wenn es nicht immer einfach ist.» Handgefertigte Keramik braucht Zeit und ist entsprechend teuer. Preistechnisch können sie mit den Produkten ab dem Fließband nicht mithalten. Aber: „Ich merke auch, dass die Leute wieder bereit sind, mehr in Keramik zu investieren.“ Zum einen, weil sich immer mehr Menschen selbst für das Handwerk interessieren: Töpfern ist derzeit besonders bei jungen Menschen ein beliebtes Hobby. Zum anderen aber auch wegen der Nachhaltigkeit: Wer sein Handwerk versteht, produziert Produkte für die Ewigkeit. Noch heute finden sich in Museen Töpfer-Produkte aus der Vergangenheit.
Eine alte Tradition
Was oft auch eine Inspiration für Susi Frei ist. «Heutzutage kommt man um die Inspiration aus dem Internet kaum mehr herum – aber auch bei Besuchen im Museum und auf Reisen finde ich viele spannende Sachen.» Apropos Reisen: Beim Thema Töpfern kommt man um den Blick Richtung Osten nicht drumherum. Insbesondere China und Japan sind bekannt für ihr Können. Susi fasziniert insbesondere die japanische Töpferkunst. «Anders als in der Schweiz ist die Ausbildung zur Keramikerin nicht eine vierjährige, sondern eine zehnjährige Lehre.» Auch ist die Kunst eng mit dem Zen verbunden.

Bild: Nach dem Drehen lässt man das Werk lederhart werden, damit man es trimmen kann
„Man töpfert nicht nur ein Produkt, sondern verleiht ihm auch Charakter.“ Das finde ich einen sehr schönen Gedanken.» Auch geht die Keramik-Kunst dort weiter über das Töpfern hinaus. Kürzlich kaufte sich Susi Frei ein Kintsugi-Set. Kintsugi ist die japanische Kunst, Zerbrochenes wieder zusammenzusetzen. Anstatt stirbt so unauffällig wie möglich zu machen, wird der Leim, der die Bruchstücke zusammenhält, vergoldet. «Aus etwas Kaputtem wird etwas Neues, ganz Anderes – in Japan haben sie die Kunst des Reparierens perfektioniert.»
Bild: Beim Trimmen geht es um die letzten Details vor dem Brennen.
Produkte auf Auftrag
Wer Keramik reparieren will, muss sie erst einmal herstellen. Susi Freis Produktivität spiegelte sich in den Regalen in ihrem Atelier wider. Schüsseln über Schüsseln, Tassen in Tassen stapeln sich ihre Kunstwerke. Manche klein, andere grob, mit verschiedenen Techniken gedreht, modelliert, bemalt und glasiert. Neben Vasen, Lampen und sogar einer kleinen Buddha-Statue hat sie getöpfert. Verkauft werden ihre Kunstwerke an einer späteren Ausstellung vor Weihnachten oder an Sonderausstellungen durch das Jahr hindurch. Wer sich nicht bis dahin gedulden kann, kann ihre Produkte auch auf Wunsch herstellen lassen. «Mein Liebstes ist, Neues auszuprobieren und meiner Kreativität einfach freien Lauf zu lassen.» Heraus kommen einzigartige Produkte für die Ewigkeit.