Ob Regen, Sonne oder Schnee – Nadja Abgottspon aus Interlaken kann eine Kopfbedeckung für jedes Wetter zaubern. Zu ihrer Leidenschaft fand die Modistin erst nach einigen Umwegen. Was sie einst in Freundebücher unter «Traumberuf» notierte und wieso sie bei Fragen nach ihrer Arbeit mogelt.
Text und Bilder: Alina Dubach
Wer die Marktgasse entlang schlendert, sieht wahrscheinlich zuerst das märchenhafte Türmchen, das über den Marktplatz ragt. Zwar nicht in besagtem Zierbau, dafür hinter einem grossen Schaufenster befindet sich das Tor zu einem speziellen, kleinen Teil der Modewelt. Die Modistin Nadja Abgottspon kreiert in ihrem Atelier Hüte, die vom Alltäglichen bis weit hinein in die irren Hutkreationen Ascots reichen. «Ich fertige jedoch am liebsten Kopfbedeckungen für den normalen Wochentag», hält die ehemalige Musiklehrerin fest.

Ein wichtiger Punkt. Im Schweizer Alltag spielen Hüte eine verschwindend kleine Rolle. Waren Kopfbedeckungen früher noch die Regel, sind sie heute eher eine Seltenheit. «Für Hochzeiten interessieren sich vor allem der Bräutigam und die Brautmutter für Hüte», so Abgottspon. Es komme auch vor, dass für eine Beerdigung jemand in den Laden komme. Die Auswahl ist für das kleine, heimelige Geschäft verblüffend gross. Was nicht vor Ort in der Grösse angepasst werden kann, kreiert die Modistin in zwei bis drei Arbeitstagen massgeschneidert für jedes Haupt.

Trotzdem hält Abgottspon ihren Laden an drei Tagen die Woche offen. Während «typische Interlaken-Touristen» nicht zu ihrer Kundschaft zählen, seien es Besucher:innen aus allen Teilen der Schweiz, die bei Hut!Nadja ihren Kopfschmuck kaufen. Darunter etwa zwei Schwestern: «Die eine kauft ihre Hüte immer bei meiner Lehrmeisterin in Basel ein, die andere bei mir. Aber sie gehen immer zusammen auf den Einkaufsbummel.»
Wer einmal die Modistin mit dem richtigen Stil gefunden hat, nimmt dafür längere Wege auf sich, ähnlich wie bei einem Tattoo. Das Huttragen ist zwar nicht ganz so lang anhaltend, passen muss der Deckel dem Topf – oder in diesem Fall der Hut dem Kopf – aber doch.



«Die perfekte Passform ist bei einem Hut so wichtig wie bei guten Schuhen», erklärt Abgottspon. Deshalb rät sie ihrer Kundschaft davon ab, einen Hut «blind» zu verschenken. «Besser ist, sie kommen mit ihren Lieben, die sie beschenken wollen, ins Geschäft. So wird das Aussuchen zum gemeinsamen Erlebnis und der Hut ist nicht nur ein Gegenstand, sondern auch eine Erinnerung.»
In Erinnerung bleiben – und zwar positiv. Das möchte man mit einem Hut natürlich auch. Wer sich entschliesst, eine Kopfbedeckung zu tragen, kann damit nicht mehr so viel falsch machen wie um die vorletzte Jahrhundertwende herum. «Früher kommunizierte ein Hut eine ganze Menge», bestätigt Abgottspon. So verriet etwa die Farbe eines Zylinders den Besitzanspruch eines Herrn auf die Kutsche, mit der er fuhr. Es gab Sonntagshüte für den Kirchenbesuch und Alltagskopfbedeckungen. Höhe und Schmuck der Hüte veränderten sich zwar mit der Mode, sagten aber auch viel über ihren Träger oder ihre Trägerin aus.

Auch Material und Farbe unterlagen einem gewissen Knigge. So galt etwa das Sprichwort: «Nach dem Bettag geht das Stroh». Ein Verweis darauf, dass im Herbst und Winter Filzhüte getragen werden, im Sommer und Frühling dagegen Stroh. «Ich kenne eine Modistin, die immer noch grössere Mengen pastellfarbenen Filz hat, den sie nicht mehr nutzen kann», so Abgottspon. Diese Berufskollegin wäre bestens gerüstet, würde die Tradition aufleben, dass im Verlauf des Frühlings – bevor die Strohhüte wieder übernehmen – Filzhüte in leichten Farben getragen werden.
«Heute unterscheiden wir weder bei der Farbe noch beim Material nach Konventionen, eher nach persönlichen Vorlieben», weiss die 42-jährige Interlaknerin. Einzig die praktische Überlegung, dass das nasskalte Winterwetter einem Strohhut eher schadet, würde sie davon abhalten, einen solchen im Dezember zu tragen. Stattdessen sind hochwertige Mützen eine gute Option. «Jetzt im Frühling freue ich mich auf den Materialwechsel. Es macht Spass, nach ein paar Monaten wieder mit Stroh zu arbeiten», so Abgottspon.

Die Materialien, mit denen sie nun arbeitet, stehen schon seit Kindertagen fest. «Ich erinnere mich, in den Freundebüchern unter Traumberuf immer ‹Handarbeitslehrerin› eingetragen zu haben», schmunzelt die Modistin. Doch als es dann endlich an die Berufswahl ging, war im Kanton Bern der Beruf der Handarbeitslehrerin an andere Fächer gekoppelt. Stattdessen wurde es die Ausbildung zur Musiklehrerin.
Mehrere Jahre lang begleitete Nadja Abgottspon Kinder ab der dritten bis zur neunten Klasse beim Erlernen der Querflöte. «Ich habe das wahnsinnig gern gemacht. Es war sehr schön, die Entwicklung dieser Kinder zu verfolgen», erinnert sich Abgottspon. Ein Artikel in der Zeitung führte sie dann auf die Spur ihrer heutigen Berufung: «Schon als ich den Bericht gelesen habe, war mir klar: DAS ist es!»

Es klappte zwar nicht auf Anhieb mit einer Lehrstelle, die schon damals ausgesprochen rar waren, in Basel wurde die damals 24-Jährige dann doch fündig. «Als ich den Lehrabschluss in der Tasche hatte, berichteten mir meine Eltern von diesem Laden hier», erzählt Abgottspon mit Blick auf ihre beruflichen Anfänge in Interlaken. Zuerst sei ihr das zu viel und zu schnell gewesen. Nach einem Praktikum in Zürich liess sie sich doch von ihrer Mutter überreden, das kleine Geschäft zu besichtigen und «sie hat das schon ganz richtig gespürt». Seit Juni 2010 zieren Hüte das Schaufenster in der Marktgasse, das mit «Hut!Nadja» angeschrieben ist.
«Modistin» liest man im Laden übrigens weit und breit nicht. Auf die Berufsbezeichnung angesprochen muss Abgottspon grinsen: «Wenn mich jemand fragt, ist die Antwort fast immer, dass ich Hutmacherin bin. Da ohnehin niemand weiss, was eine Modistin tut.»