Text: Dr. Jon Keller, Historiker | Fotos: Stadtarchiv Thun, zvg
Geschmückte Weihnachtsbäume... viel weniger verbreitet als heute
Wer heute vor Weihnachten einen Bummel durch die Thuner Altstadt macht, in der Oberen und Unteren Hauptgasse und im Bälliz, wird auf viele Weihnachtsbäume treffen, geschmückte und mit elektrischen Kerzen versehen. Gerade in Schaufenstern der Verkaufsgeschäfte, aber auch in öffentlichen Gebäuden, etwa in der Stadtkirche, oder auf Plätzen sind Weihnachtsbäume mit elektrischer Beleuchtung zu sehen. So findet sich in unseren Tagen auf dem Thuner Rathausplatz ein mächtiger, schön geschmückter Weihnachtsbaum. Das war aber nicht immer so! Gerade im 19. Jahrhundert war die Tradition, zu Hause einen Lichterbaum aufzustellen, noch in den Kinderschuhen. So gab es sehr viele Familien, denen diese Tradition noch fremd war, aber auch finanzielle Überlegungen spielten mit, denn die Anschaffung eines Baumes war nicht eben billig.
Früher immer weisse Weihnachten? Nein!
Sehr oft hört man in unseren Tagen, früher seien weisse Weihnachten die Regel gewesen und grüne Weihnachten bloss in Ausnahmefällen. Wie ein Blick in Chroniken und Zeitungen von ehedem zeigt, stimmt diese Behauptung nicht. Im 19. Jahrhundert, aber auch im 20. Jahrhundert, waren grüne Weihnachten immer wieder und recht oft zu verzeichnen. 1909 beispielsweise fegte ein gewaltiger Föhnsturm vor Weihnachten in unteren Lagen der Region Thun den Schnee weg. 1949 wurden am Stephanstag, also am 26. Dezember, in Thun-Dürrenast an der Sonne sage und schreibe 22 Grad gemessen. Gleichentags wurden auch Stare gesichtet.
Kinder aus armen Familien... ohne Geschenke
Im 19. Jahrhundert herrschte keineswegs ein allgemeiner Wohlstand, wie wir ihn heute kennen. Viele Familien, die wirklich als arm bezeichnet werden mussten, lebten am absoluten Existenzminimum und mussten um das tägliche Brot kämpfen. Deshalb war es für viele Eltern unmöglich, den eigenen Kindern ein oder mehrere Weihnachtsgeschenke zu geben. Doch kein Kind sollte damals ohne ein einziges Geschenk Weihnachten erleben. Deshalb organisierten mildherzige Frauen, die sich zu einem Komitee zusammenschlossen, im Saal der Gaststätte Falken im Thuner Bälliz eine schlichte Weihnachtsfeier mit einem Lichterbaum – ein Anlass, der vorab für Kinder aus ärmeren Familien veranstaltet wurde. Das Komitee sammelte vorgängig Gaben, um jedem Kind wenigstens ein Geschenk überreichen zu können. Kaum dargeboten wurden eigentliche Spielzeuge, vielmehr waren es nützliche Gegenstände, sehr oft Kleidungsstücke, die im Alltag sehr gute Dienste leisteten.
Weihnachtssingen der Jugend... bringt Probleme
Dabei handelt es sich um ein Weihnachts- und Neujahrssingen, einen volkstümlichen Weihnachtsbrauch, der um die Mitte des 19. Jahrhunderts in Thun gepflegt wurde. Jugendliche zogen jeweils in der Vorweihnachtszeit durch das Bälliz, die Obere und die Untere Hauptgasse und machten an diversen Standpunkten Halt und sangen einige Weihnachtslieder. Das klingt auf den ersten Blick sehr gut und verdankenswert. Aber die Kehrseite der Medaille sah ganz anders aus: Oft artete das Singen in übles Gegröle aus, das jegliche Weihnachtsstimmung vermissen liess. Denn die Absicht der jungen Leute, die sich zu eigentlichen Singhorden (man kann es nicht anders bezeichnen) zusammenschlossen, war das Erhalten einer reichen Kollekte, die erbeten wurde. Oder anders gesagt: Es ging den Sängern keineswegs um die Darbietung von erbaulichen Weihnachtsliedern, sondern um materielle Absichten, um schnödes, zusammengebetteltes Geld. In der Tat arteten diese Weihnachtssingen im Laufe der Zeit in eine unangenehme Bettelei aus, weshalb Massnahmen der Behörden getroffen werden mussten. So wurde in den 1840er-Jahren das Weihnachtssingen polizeilich verboten, mitgeteilt in Zeitungen und im Amtsblatt. Zu lesen war, das Singen sei «lästig für das Publikum», stelle es doch eine «elende Bettelei» dar.
Kollekte im Weihnachtsgottesdienst... erstaunlich grosse Spendenfreudigkeit
Wer in unseren Tagen in einer Kirche einen Weihnachtsgottesdienst besucht, weiss es und wird nicht überrascht: Am Ende des Kultus wird eine Kollekte erhoben, die völlig freiwillig ist und einer Institution oder notleidenden Menschen zugutekommt, sei dies nun im Ausland oder im Inland. Derartige Kollekten wurden in der Thuner Stadtkirche auch vor 150 Jahren erhoben. Zweierlei fällt dabei auf: Damalige Kollekten kamen allen einheimischen bedürftigen Personengruppen zugute, beispielsweise wenn ein Dorf in der Schweiz durch einen Dorfbrand teilweise verwüstet wurde oder wenn eine Naturkatastrophe eine Ortschaft heimsuchte, etwa durch einen grossflächigen Bergsturz. Zum anderen: An derartigen Kollekten für arg gebeutelte Mitmenschen kam damals sehr viel Geld zusammen und eine sehr grosse Spendenfreudigkeit wurde manifest.
1858 ergab die Kollekte, die Liebessteuer, wie sie auch genannt wurde, die an Weihnachten in der Kirche erhoben wurde, 330 Franken, für damalige Zeiten eine grosse Summe. Zum Vergleich: 1858 kosteten 10 Eier 50 Rappen, 500 Gramm Schweinefleisch 40 Rappen, ein Herrenhemd 1 Franken und 50 Rappen, ein Paar solide Kinderschuhe 2 Franken. Dieses Geld wurde zum Teil an einheimische Bedürftige verteilt, denen die Finanzen fehlten, um Hauptnahrungsmittel, namentlich Kartoffeln, zu kaufen. Zudem wurde die Krankenstube Thun, die einfache Vorgängerin des heutigen Spitals, mit Geld aus der Kollekte bedacht. Die damalige Tagespresse meinte bezüglich der reichen Spenden: «Gott lohne es den milden Gebern durch Verschonung mit eigener Krankheit» – Als ob man mit dem «lieben Gott» quasi einen Deal abschliessen könnte...
Auswärts essen gehen... ein Luxus
Wer sich in unseren Tagen ein Weihnachtsessen mit Familie auswärts in einem Restaurant gönnt, kann auswählen aus Gaststätten, die Speisen aus vielen Ländern der Welt anbieten: So kann man mexikanisch, thailändisch, indisch usw. essen gehen. Was das Herz begehrt, eine Vielfalt wird angeboten. Vor 200 Jahren war die Situation ganz anders. Vielen Menschen fehlte schlicht und einfach das Geld, um sich einen Weihnachtsschmaus auswärts leisten zu können. Falls aber das Budget ein Weihnachtsessen in einem Restaurant erlaubte, war in den Gasthäusern die sogenannte gutbürgerliche Küche angesagt. Angeboten wurde in den Restaurants der damaligen Zeit als leckeres Festessen ein Hasenrücken oder ein halbes Poulet. Während heute ein Hähnchen oder Hühnchen dank der Massentierhaltung sehr günstig zu kaufen ist, war damals ein Poulet eine recht teure Delikatesse und Exklusivität, mithin keine Alltäglichkeit.
Keine Weihnachtsbeleuchtung in der Altstadt
Wer in unseren Tagen in der Advents und Weihnachtszeit durch die Altstadt bummelt, wird vielerorts verwöhnt durch die weihnächtliche Strassenbeleuchtung mit Kerzen, Sternen usw. Eindrücklich ist auch die Beleuchtung des grossen Weihnachtsbaums auf dem Rathausplatz. Im 19. Jahrhundert war die ganze Thuner Altstadt in der Nacht keineswegs durch eine Strassenbeleuchtung erhellt wie in unseren Tagen. Ganz im Gegenteil. Sie war nur äusserst kümmerlich beleuchtet: mit einigen Ollaternen und ab den 1860er-Jahren mit Gaslaternen sowie ab den 1890er-Jahren mit elektrischen Strassenlampen. Von einer festlichen Weihnachtsbeleuchtung in der Altstadt war man natürlich noch meilenweit entfernt...