Von Momentaufnahmen und Heimweh-Bürgern

Von Momentaufnahmen und Heimweh-Bürgern

In Sigriswil werden Kultur und Tradition grossgeschrieben. 2022 fanden die Feierlichkeiten für das 675-Jahr-Jubiläum statt. 2026 werden die Heimattage stattfinden. Wir blicken hinter die Kulissen.

Text: Laura Spielmann | Bilder: zvg

Das Jubiläum zum Publikum bringen Anlässlich des 675. Jahrestages der Unterzeichnung des Sigriswiler Freiheitsbriefes fanden verschiedene Aktivitäten statt. «Es war der ausdrückliche Wunsch des Gemeinderates, unterschiedliche Interessengruppen zu berücksichtigen und die Feierlichkeiten über das Jahr zu verteilen, anstatt sie auf einen einzigen konzentrierten Anlass zu beschränken», erklärt Christoph Bangerter, OK-Präsident. Der Anlass wurde mittels einer Videodokumentation und einer Festschrift festgehalten, wodurch die aktuelle Situationsbeschreibung der Gemeinde bewahrt werden konnte. «Wir haben den Fokus bewusst auf die Gegenwart und die Zukunft gelegt», fügt Erika Schoch, Sekretariat und Finanzen, an. 

Etwas, das die beiden besonders schätzten, war die grosszügige Unterstützung, die sie erfahren haben. Nachdem klar wurde, dass das von der Gemeinde zur Verfügung gestellte Budget nicht ausreichte, wurde ein Sponsoring aufgezogen. «Wir hatten eine Vielzahl von Angeboten und erhielten eine umfassende Unterstützung seitens der Vereine und vorallem des Gewerbes, insbesondere auch des Tourismus und des Gesundheitswesens. Sie zogen alle mit», freut sich Christoph Bangerter. 

Etwas, das speziell in Bezug auf das Fest stattfand, waren Interviews mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der Gemeinde: «Im Rahmen des Festes wurden alle zwei Wochen Interviews mit Einwohnerinnen und Einwohnern publiziert. Allen wurden dabei dieselben Fragen gestellt. Dabei waren Jüngere, Ältere, Berufstätige, Pensionierte ... So waren eine ehemalige Lehrerin aus dem Aussendorf und die Präsidentin des Frauenvereines von der Partie. Auch mit dem ältesten Sigriswiler, der fast 100 war, haben wir gesprochen. Wir haben die Interviews mit Leuten aus verschiedenen Sparten geführt und so eine schöne Generationenübersicht erstellt», teilt Erika Schoch mit und Christoph Bangerter fügt an: «Wichtig war, dass die Leute nicht nur aus dem Dorf Sigriswil, sondern auch aus den anderen zehn Dörfern stammen. So konnten wir nicht nur die Altersgruppen, sondern auch die Vielfältigkeit der Gemeinde repräsentieren.» 

Die Schülerinnen und Schüler haben ein Gesamtkunstwerk als Turm aufgebaut.

Den fulminanten Auftakt machten die Schülerinnen und Schüler mit dem Projekt «Jugend baut Zukunft». Sie haben jeweils je eine Holzlatte mit ihrem Wunsch für die Zukunft gestaltet, die dann zu einem Gesamtkunstwerk als Turm aufgebaut wurden. Dieses stand als Symbol dafür, dass Gemeinschaften – wie Sigriswil – alle Menschen mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten, Hintergründen und Ideen in ihre Zukunft einbeziehen. So können immer wieder tragfähige und vernünftige Lösungen gefunden werden, um die vielen Herausforderungen des gemeinsamen Lebens zu meistern. 

Das Jubiläumsjahr wurde von zwei Ausstellungen umrahmt: Zum einen durch die historische Postkartensammlung, die eine Auswahl an alten Postkarten der Gemeinde zeigte. Zum anderen durch die Wanderausstellung 2.-Jänner-Brauchtum, die vom Kulturausschuss der Gemeinde aufgearbeitetes Material zeigte, das in einer Plakatausstellung in Merligen, Sigriswil und Schwanden während je einer Woche ausgestellt wurde. «Diese Ausstellung hatte einen grossen Nostalgiefaktor. Viele haben sich auf den Plakaten selbst entdeckt und gesagt, ‹schau das bin ich›», erinnert sich Erika Schoch. 

Weitere Höhepunkte fanden am ersten Juli-Wochenende statt. Am Freitag gab es ein musikalisch breit gefächertes Angebot, das Sunny Side Festival – mit einer Ausnahme war die Musik «made in Sigriswil». «Es hat mich überrascht, dass trotz der Ausrichtung des Festivals auf ein jüngeres Publikum, Menschen jeden Alters den Künstlerinnen und Künstlern aufmerksam zugehört haben. Das fand ich wunderbar», freut sich Erika Schoch. Am Samstag waren die Jubiläumsfeierlichkeiten zu Gast an der legendären «Turner-Chilbi». Dieser Festakt wurde umrahmt von den Darbietungen des Turnvereins Sigriswil. «Ein Festakt der anderen Art, ohne Gastredner, ohne Historiker, einfach Leute aus der Gemeinde, mit einer grossartigen Stimmung», berichtet Christoph Bangerter. 

Am Sonntag fand ein Festgottesdienst mit anschliessender Vernissage der Jubiläumsfestschrift «Sigriswil – 11 Dörfer, 1 Gemeinde», herausgegeben von Samuel Krähenbühl, statt. «Die Kirche war voll. Von jedem Dorf wurde eine Fahne aufgehängt. Von den elf Präsidenten der einzelnen Dorfvorstände wurde ein je zweiminütiger Clip produziert, von Pfarrer Christoph Bühler zusammengefügt und unter dem Motto «So si mir haut» gezeigt. Ursprünglich befürchtete ich, sie würden sich nicht beteiligen, jedoch haben alle elf Dörfer einen Clip eingesendet. Die Clips sind ausgezeichnet gelungen. Dann fand die Buchvernissage mit Apéro statt», erinnert sich Erika Schoch. 

Am Vorabend des Nationalfeiertages marschierte von jedem Dorf aus eine Fahnendelegation in einem Sternenmarsch nach Sigriswil zur Schulhausanlage Raft, wo die Bundesfeier mit der Verleihung der Sigriswiler Awards stattfand. Von der Gemeinde gab es für jeden eine gratis Bratwurst. «Das Fest der Dörfer – ein Fest, das die elf Dörfer zusammenbringt», fasst Christoph Bangerter zusammen. 

Den Abschluss der Feierlichkeiten markierten das zehnjährige Jubiläum der Panorama-Hängebrücke mit einem ganztägigen Festprogramm und im Herbst eine Exkursion zur neu entdeckten Burgstelle Züsenegghubel.

Kontakt zu Heimweh-Bürgern

Erika Schoch und Christoph Bangerter sitzen bereits am nächsten Projekt: den Heimattagen 2026. Diese haben das Ziel, ausgewanderte Sigriswiler Familien zu ihren Wurzeln zu führen und mit der Bevölkerung der Gemeinde zusammenzubringen. Alle, die in irgendeiner Weise mit der Gemeinde verbunden sind, sind herzlich eingeladen. Das Projekt beruht auf den Recherchen von Marianne Vogt, als lokale Ahnenforscherin und Kennerin vieler Auswanderungsgeschichten von Sigriswiler Familien. 

Obwohl vieles noch in der Pilotphase ist, existiert bereits eine grobe Grundstruktur. Das OK, das beim 675-Jahr-Jubiläum dabei war, bleibt grösstenteils in derselben Formation bestehen. «Wir wollen vieles aus der meiner Sicht sehr erfolgreichen 675-Jahr-Feier übernehmen und versuchen, dies auf die Heimattage anzuwenden», erklärt Christoph Bangerter. Der Auftakt soll eine Begrüssung in der Kirche machen, gefolgt von einem Aperitif, der im Dorf stattfinden wird. «Eine Kritik der Einheimischen vom letzten Treffen mit den Nachkommen der Auswanderer war, dass sie sich durch das Programm nicht immer angesprochen gefühlt haben. 

«Wir haben die Idee, nicht nur einheimische, sondern auch auswärtige Musikerinnen und Musiker auftreten zu lassen»

Deswegen wollen wir das diesmal anders machen und Programmpunkte anbieten, die auch die Einheimischen ansprechen», teilt Christoph Bangerter mit. Möglichkeiten zu Begegnungen und Austausch zwischen Einheimischen und Auswärtigen wird es in verschiedenen Aktivitäten geben. «Wir haben die Idee, nicht nur einheimische, sondern auch auswärtige Musikerinnen und Musiker auftreten zu lassen», überlegt Christoph Bangerter. Dazu gebe es aber noch keine konkreten Details. Auch einen Gottesdienst soll es wieder geben sowie als Teil des Kulturprogramms die Bärgjodler-Chilbi. Erstere findet traditionell im Justistal statt, wird aber für die Heimattage nach Sigriswil verlegt.

Geplant sind auch zwei Bücher – In einem Faktenbuch könnte das Wissen über die Auswanderungen herausgegeben werden. Parallel dazu könnte ein Buch entstehen über die Ursprünge der Sigriswiler-Familiennamen, die Beziehungen untereinander, die Entstehung von Übernamen etc. Auch Flurnamen sind von allgemeinem Interesse – beides in Zusammenarbeit mit Samuel Krähenbühl und dem Weber Verlag. 

Auch bei der Finanzierung stehen sie erst in der Anfangsphase: «Sicher ist aber, dass die Gemeinde uns wieder unterstützt. Auf die Unterstützung der Kirche, der Tourismusvereine und der Bärgjodler können wir ebenfalls zählen», teilt Christoph Bangerter mit.

Und wie kommen die Ausland-Sigriswiler nach Sigriswil? «Wir haben gut 600 Adressen, was eine gute Grundlage ist. Diese können sich dann für einen Newsletter anmelden. So hoffen wir, können wir die Adressen erweitern. Wir werden auch auf Instagram und Facebook posten», erklärt Erika Schoch. 

Was macht Sigriswil besonders?

Christoph Bangerter: «Die lebendigen Beziehungen in den Dörfern, die vielfältigen kulturellen Anlässe. Insbesondere, die Vereine sind identitätsstiftende Organisationen und prägen das gesellschaftliche Leben, das sehr offen und dynamisch ist.»

Erika Schoch: «Traditionen, die eigen sind für Sigriswil und die noch gepflegt werden, die Natur, die Landschaft, die hohe Lebensqualität. Kurz: Ich möchte nicht an einem anderen Ort sein.»