Um 1900: das Automobil beginnt seinen Siegeszug am Thunersee

Um 1900: das Automobil beginnt seinen Siegeszug am Thunersee

Als um 1900 die ersten Autodroschken, wie die Automobile damals bezeichnet wurden, in Thun zu zirkulieren begannen, waren sie durchaus noch Einzelgänger, welche Pferdefuhrwerke, Kutschen, Landauer und Droschken noch lange nicht verdrängen sollten. 

Text: Dr. Jon Keller, Historiker | Bilder: Stadtarchiv Thun (Nachlass Samuel Gassner, Bestand Burger)


Die ersten Autos glichen Pferdekutschen, ja anfänglich zirkulierten sie auch noch ohne Dach. In grösserer Zahl erschienen in Thun und am Thunersee Autos erst in den 1920er-Jahren und ab 1950 wurden sie ein eigentliches Massenphänomen und für das Fahren zum Arbeitsplatz und zur Freizeitgestaltung unabdingbar. 1931 zum Beispiel waren in Thun bloss 299 Personenautos registriert und 1958 waren es deren 2232. Auch Lastwagen wurden eingesetzt. So beschafften die Thuner Mühlen 1905 einen Lastwagen, der in der Schweiz in der Automobilfabrik Berna in Olten hergestellt wurde. 

Der Lastwagen entwickelte 20 PS, konnte 90 Zentner (1 Zentner = 50 Kilogramm) auf Steigungen von bis zu 15  % bewältigen. Vorne waren sogenannte Pneumatikräder und hinten Räder mit Eisenreifen montiert. Der Kaufpreis betrug CHF 10 000. Verglichen mit einem Pferdefuhrwerk war dies natürlich eine sehr grosse Kapazitätserweiterung.

Angst vor «fauchenden Ungetümen»
Die ersten Autos in Thun und am Thunersee weckten natürlich die Neugierde der Bewohner:innen, aber eine grosse Skepsis, ja Angst vor den neuartigen Vehikeln, die auch Benzinkühe und Spielzeuge der Reichen genannt wurden, war allgegenwärtig. Die Bevölkerung brandmarkte den Lärm und die Geschwindigkeit, mit denen die Autodroschken unterwegs waren. Die Tagespresse meinte: «Als Verkehrsvehikel ist dieses neue Beförderungsmittel, trotz Einführung in der Armee, sowieso noch lange nicht zu betrachten». Gleichwohl waren die ersten Automobile für die Einwohner eine Sensation.


Bild: Obere Hauptgasse Thun, um 1950, damals noch mit Parkplätzen. 

So war im Juni 1902 ein Automobil-Korso einer Touristengesellschaft mit rund 30 Autos von Bern über Thun nach Interlaken unterwegs. Die Thuner Polizeikommission schrieb dem Korso ein mässiges Tempo in den Ortschaften vor und die Eltern wurden eindringlich gebeten, die Kinder zu beaufsichtigen. Attraktiv für die Thuner Bevölkerung war 1909 auch eine Ausstellung von zahlreichen Automobilen auf dem Thuner Rathausplatz. Organisiert wurde diese Schau von der «Motordroschken-Gesellschaft» aus Zürich. Betont wurde auch der Wert dieser Ausstellung für den Fremdenverkehr.

Begrenzte Geschwindigkeit: nur «im Schritt»
Zu hohe Geschwindigkeiten und Geschwindigkeitsbegrenzungen: heute wie aber auch schon vor 100 Jahren ein Thema. So wurde nach der Jahrhundertwende von gewissen Kreisen in Thun gefordert, die Automobile dürften nur «im Schritt» verkehren. Ähnlich umstritten ist ja heute bisweilen die Einführung von Zonen «30». Auch Geschwindigkeitskontrollen wurden damals durchgeführt und Überschreitungen der Höchstgeschwindigkeit wurden rigoros geahndet. So wurde anno 1907 ein zu schnell verkehrender Automobilist gerichtlich zu einer Busse mit Verfahrenskosten von CHF 200 verurteilt, eine damals sehr hohe Summe.

Automobilverkehr nur sonntags
Wie negativ gegenüber den aufkommenden Autos viele Bürgerinnen und Bürger vor hundert Jahren eingestellt waren, zeigt ein Beschluss von 1912 des damaligen Regierungsrates des Kantons Bern. Der Regierungsrat verbot auf Antrag der Baudirektion den Verkehr von Automobilen und Motorvelos auf der rechtsufrigen Thunerseestrasse während der Woche ganztags. An Sonntagen war der diesbezügliche Verkehr nur von 10 Uhr morgens bis 17 Uhr abends gestattet, mit maximal 20 km/h… kaum zu glauben für heutige Zeitgenossen. Dieses Verbot blieb allerdings nur für kurze Zeit in Kraft.

Fussgängerzonen und autofreie Zonen sowie das Problem von verkehrsüberlasteten Strassen sind heute, aber auch schon vor hundert Jahren ein Thema. So wurde 1908 von Anwohnern gefordert, auf der Oberen Hauptgasse in Thun ein Verkehrsverbot für Automobile zu erlassen. Soweit kam es indessen nicht, da der Gemeinderat dieses Vorhaben ablehnte, weil er eine Umleitung über Sinnebrücke-Bälliz-Kuhbrücke als zu umständlich einstufte.

Unfall mit durchgebranntem Pferd
Kaum waren in Thun und am Thunersee die ersten Automobile unterwegs, mussten die ersten Unfälle verzeichnet werden. Der allererste Unfall in Thun, der polizeilich registriert wurde, ereignete sich im Oktober 1905. Ein Dachdecker namens Niederhäuser war mit einem Velo unterwegs, als er beim Sternenplatz von einem Automobil erfasst wurde. Dabei erlitt er Verletzungen an Kopf, Knien und Händen, aber glücklicherweise endete dieser erste Unfall nicht tödlich. Auch recht spektakuläre Unfälle waren zu verzeichnen. So wurde im November 1902 ein Pferd von einem Pferdefuhrwerk durch ein Automobil derart erschreckt, dass es durchbrannte und das Schaufenster eines Coiffeursalons zertrümmerte, wo es dann gebändigt werden konnte.

Bild: Rathausplatz Thun 1955, damals noch mit Parkplätzen. 

ÖV: bereits vor hundert Jahren wichtig
Der ÖV, der öffentliche Verkehr, ist ja in der Schweiz hervorragend ausgebaut. In Thun wurde 1859 die Zeit der Postkutschen beendet, als von Bern herkommend zum ersten Mal ein Zug der Schweizerischen Centralbahn Thun erreichte. Aber auch der Personenverkehr mit öffentlichen Autobussen hielt in Thun schon früh Einzug. Bereits 1905 wurden diesbezügliche Probefahrten von Thun nach Oberhofen und von Thun nach Steffisburg mit einem Bus der schweizerischen Firma Martini durchgeführt, welche sehr erfolgreich ausfielen und welche schliesslich 1913/14 zur Eröffnung der Strassenbahnlinie von Thun über Beatenbucht nach Interlaken führten. Was den öffentlichen Verkehr betrifft, sind Thun und Spiez ja heute zwei eigentliche Drehscheiben von grosser Wichtigkeit. Zahlreiche Bahnlinien, Autobus- und Postautoverbindungen stehen heute der Öffentlichkeit zur Verfügung. Nicht zu vergessen auch Kurse mit den eleganten und komfortablen Thunersee-Schiffen. Es darf festgehalten werden, dass man damals in Bezug auf technische Neuerungen und Innovationen sehr offen und aufgeschlossen war, was zu bahnbrechenden technischen Neuerungen und Errungenschaften führte.


Bild: Thun, beim Berntorplatz, um 1925. Das Automobil (links) beginnt das Pferdefuhrwerk (rechts) abzulösen.