Strassennamen erzählen Thuner Stadtgeschichte

Strassennamen erzählen Thuner Stadtgeschichte

Strassenschilder in der Gegenwart weisen bisweilen auf Gebäude hin, die in unseren Tagen längst nicht mehr stehen. In diesem Beitrag werden derartige Strassenschilder, die nicht mehr existierenden Gebäude und schliesslich die bauliche Situation, wie sie sich heute präsentiert, dargestellt.

Text: Dr. Jon Keller, Historiker | Bilder: Alina Dubach, Stadtarchiv Thun


Berntorplatz

Wer in der Thuner Unterstadt das Strassenschild «Berntorplatz» sieht, wird hier vergebens nach dem Berntor suchen, denn bereits 1876 wurde es niedergerissen. Das Berntor lag an einer sehr wichtigen Strassenverbindung: der Bernstrasse, die von Thun nach Bern führte. Denn von 1384 bis 1798 war Thun eine zu Bern gehörende Landstadt. Zeitweise stand auf dem Platz vor dem Berntor ein kleines Zollhäuschen, in dem diverse Warenzölle erhoben wurden. Die alte Fotografie dokumentiert, dass das Berntor ein sehr schmuckes, ästhetisch ansprechendes Tor war. Darum ist es sehr zu bedauern, dass es heute nicht mehr steht. Es wäre in unseren Tagen für die Thuner Altstadt eine zusätzliche, attraktive Bereicherung.

Bild: Blick zum Berntorplatz, heute ohne das stolze Berntor.

Lauitor

Am Beginn der Hofstettenstrasse – die von der Thuner Innenstadt Richtung Hünibach und die Orte am rechten Thunerseeufer führt – ist am dortigen Platz mit Kreisverkehr an einem Haus ein rotes Schild mit dem Namen «Lauitor» angebracht. Aber das einstige Thuner Lauitor – ein Stadttor – existiert nicht mehr, denn 1840 ist es niedergerissen worden. Der Grund waren teure anstehende Instandhaltungskosten und zudem bildete das Lauitor ein Nadelöhr, das den Verkehrsfluss mit Pferdefuhrwerken, Kutschen etc. behinderte. Damals weinte dem Lauitor niemand eine Träne nach, aber bereits 1912 bedauerte man in der Thuner Tagespresse, dass man das Lauitor habe opfern müssen.

Bild: Der Lauitorplatz, wie er sich heute präsentiert.

Der Platz ausserhalb des Lauitors war zeitweise auch Marktplatz. Im 19. Jahrhundert fanden hier der Eier- und der Kartoffelmarkt statt. Das Lauitor war ein wichtiger Bestandteil der mittelalterlichen Stadtbefestigung, die sieben Stadttore, ein Dutzend Wehrtürme und die Stadtmauer, die die Innenstadt umgab, umfasste. Heute ist nur mehr ein Stadttor erhalten geblieben: das kleine Burgtor auf dem Schlossberg sowie drei Wehrtürme. 

Eine effiziente Stadtbefestigung konnte im Mittelalter über Freiheit oder Unterjochung durch eine fremde Macht entscheiden. Der Bau der mächtigen Stadtbefestigung erforderte einen grossen finanziellen Aufwand. Da damals moderne Baumaschinen noch unbekannt waren, musste die Stadtmauer mehr oder weniger in Handarbeit und mit Flaschenzügen ausgeführt werden. Das Budget der Stadt war denn auch durch Ausgaben für Bau und Unterhalt belastet.

Bild: Das Thuner Lauitor, um 1800. Aquarell von Johannes Knechtenhofer. 1840 wurde es abgerissen.

Schulhausstrasse

In der Nähe des Thuner Bahnhof- und Maulbeerplatzes findet sich eine Strassenverbindung mit dem Strassenschild «Schulhausstrasse». Ein Schulhaus ist hier allerdings weit und breit keines auszumachen. Die Bezeichnung «Schulhausstrasse» erinnert an das einstige Aarefeldschulhaus, das hier früher gestanden hat. Es war keineswegs ein kleines Schulgebäude, sondern vielmehr ein grosser, mehrstöckiger Gebäudekomplex, in dem zahlreiche Schul- und Nebenräume Platz fanden. Errichtet wurde das Aarefeldschulhaus anno 1877, als Thun noch ein recht kleines Städtchen war mit rund 7000 Einwohnern. Am 27. Oktober 1877 fand die Einweihung statt, für die damalige Zeit ein Grossereignis. Das Aarefeldschulhaus konnte seiner Grösse wegen auch anderweitig genutzt werden. So wurde einmal während eines kantonal-bernischen Turnfestes ein Massenlager für die Teilnehmer eingerichtet. Nicht zu vergessen auch die Funktion des Aarefeldschulhauses anno 1918 als Notspital anlässlich der weltweiten Grippeepidemie (sogenannte Spanische Grippe), die allein im kleinen Thun über 100 Todesopfer forderte. Weltweit waren es rund 50 Millionen.

Mühleloch

«Mühleloch» ist auf dem Strassenschild zu lesen, eine Mühle ist hier allerdings nicht zu sehen.

Vielmehr ist der heutige Mühleplatz ein gern aufgesuchter Ort der Begegnung, wo gemütlich ein Kaffee oder ein Bier genehmigt werden kann, allein oder in geselliger Runde. Auch in der Winterzeit ist das möglich, eingehüllt in wärmende Decken oder Felle. Auf den Treppenstufen gegen die Aare hin kann ein Sonnenbad genossen werden. Auch zahlreiche Events finden auf dem Mühleplatz statt, zu nennen ist etwa das Riesenrad, das im Sommer aufgefahren wird und von dem aus eine stupende Aussicht genossen werden kann.

Bild: Der Mühleplatz heute: ein Ort der Begegnung und des Vergnügens.

Aber das war nicht immer so. Im Mittelalter standen hier die Vordere und die Hintere Mühle, kleine Gebäude. Ende des 19. Jahrhunderts und im 20. Jahrhundert vergrösserte sich die Mühle. 

Bild: Die Thuner Mühlegebäude, die 1989 abgebrochen wurden.

Grosse, zum Teil unansehnliche Gebäude entstanden, die schliesslich den ganzen Platz mit hohen Gebäuden einnahmen, die die Sicht auf die Altstadthäuser an der Oberen Hauptgasse verdeckten. 1985 gab es dann eine Volksabstimmung, in der die Stimmbürger:innen zwischen Teil- und Totalabbruch wählen konnten. Eine Mehrheit war für den Totalabbruch und so verschwanden 1989 die Mühlengebäude. Die blaue Skulptur auf dem Mühleplatz wurde vom schweizerischen Künstler Schang Hutter erschaffen.