Bauten auf dem Thun-Panorama und in heutiger Zeit

Bauten auf dem Thun-Panorama und in heutiger Zeit

Neben der attraktiven Thuner Altstadt mit dem markanten Thuner Schloss und der Stadtkirche findet sich beim Seeausgang im Gebiet Schadau und Scherzligen ein eigentliches «Kultur­dreieck», wo zu bewundern sind: die Kirche Scherzligen, deren Gründung rund 1000 Jahre zurückliegt, dann das im Stil des Historismus erbaute Schloss Schadau und als dritte Sehenswürdigkeit das rund 200 Jahre alte Thun-Panorama. Der Künstler, welcher das imposante, rund 300 Quadratmeter grosse Thun-Panorama schuf, war der Basler Marquard Wocher. In den Sommern 1808 und 1809 weilte Wocher in Thun, wo er Skizzen von Thun und Umgebung zeichnete. 

Text: Dr. Jon Keller, Historiker | Bilder: Aline Veugel, Thun-Panorama

Bild: Der Freienhof heute.

Anschliessend malte er in Basel in einem eigens zu diesem Zweck errichteten Rundgebäude, einer Rotunde, das Panorama, das auch heute noch nach wie vor durch seine zahllosen Details besticht und ein eindrückliches Bild des damaligen Thun mit seinen Gebäuden und Einwohnern bietet. 1899 wurde das Panorama im Basler-Gebäude demontiert, zusammen­gerollt und der Stadt Thun geschenkt. In der Folge konnte das Rundgemälde jahrzehntelang nicht besichtigt werden. Erst 1961 wurde es in einem Neubau im Thuner Schadaupark der Öffentlichkeit wieder zugänglich gemacht. Wer das Rundgemälde aufmerksam betrachtet, wird bald einmal feststellen, dass sich in den rund 200 Jahren, seit Marquard Wocher das damalige Thun abbildete, einiges veränderte. Aber viele markante Bauwerke sind glücklicherweise, ist man geneigt zu sagen, erhalten geblieben. Wandel und Beharrsamkeit – das sind zwei Schlagwörter, die in den folgenden Ausführungen zu den Illustrationen beleuchtet werden, wenn ein Vergleich von Thuner Stadtteilen auf dem Thun-Panorama mit heutigen Ansichten derselben baulichen Situation gezogen wird.

Freienhof auf dem Panorama und Freienhof heute
Der bereits im 14. Jahrhundert erstmals erwähnte Freienhof bei der Sinnebrücke ist ohne Zweifel einer der attraktivsten Teile des Thun-Panoramas. Was viele nicht wissen: 1957/58 wurde der alte Freienhof niedergerissen und der heutige mit rekonstruierter alter Fassade neu erbaut. Vom alten Freienhof erhalten sind das grosse prägnante Wirtshausschild und das Uhrtürmchen.

Der Freienhof hat seinen Namen von der sogenannten Freiheitsstube, in welcher Verbrecher im Mittelalter ein vorübergehendes Asyl mit Schutz vor der aufgebrachten Bevölkerung, vor dem Volkszorn fanden. Anschliessend wurden die Übeltäter dann in das Gefängnis oder in das Gerichtsgebäude verlegt.

Der Platz beim Freienhof war früher ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt: über die Sinnebrücke verkehrten Pferdefuhrwerke, Kutschen und auch die Postkutsche. Der Sinneplatz war ehedem ein Marktort, wo zum Beispiel der Ankenmärit und der Fischmärit abgehalten wurden.

 

Bild: Thun-Hofstetten einst. Links der Pulverturm, der 1896 niedergerissen wurde. 


Bild: Thun-Hofstetten heute. 


Hofstetten auf dem Panorama und Hofstetten heute
Thun-Hofstetten, dessen südöstlicher Teil bis 1913 (Eingmeindung) nicht zu Thun, sondern zur Einwohnergemeinde Goldiwil gehörte, hat sich in den vergangenen zwei Jahrhunderten grundlegend verändert. Verschwunden sind die Ziegeleien, in welchen Mauer- und Dachziegel fabriziert wurden, was in der Vergangenheit gestattete, in der Stadt wegen der Brandgefahr auf Schindeldächer und Strohdächer zu verzichten. Verschwunden ist aber auch der Zehntkeller, in welchem der Zehnte, eine steuerliche Naturalabgabe, gehortet wurde. 

Ab 1830 entwickelte sich Thun-Hofstetten zu einem renommierten Touristikviertel, wo in diversen Hotels und Pensionen eine internationale Klientel aus adeligen Kreisen und aus einer gut betuchten Oberschicht abstieg. Das 1875 eröffnete Hotel Thunerhof war eine Nobelherberge der absoluten Luxusklasse. Nach den beiden Weltkriegen wurden dann in Thun-Hofstetten die Hotels geschlossen und anderweitig genutzt. Im Thunerhof zum Beispiel finden sich heute Teile der Stadtverwaltung und das Kunstmuseum.

 

Bild: Der Thunerstadtteil Bälliz mit dem mächtigen Kornhaus. Vorne an der Aare das Waisenhaus.


Bild: Das Waisenhaus heute. 

Waisenhaus auf dem Panorama und Waisenhaus heute
Sowohl auf dem Thun-Panorama als auch in heutiger Zeit bildet das im Stadtteil Bälliz liegende Waisenhaus ein eigentliches Kleinod. Durch Umbauten erhielt das Waisenhaus im 19. Jahrhundert das heutige Aussehen, nachdem es im 17. Jahrhundert als Seidenfabrik gedient hatte. 

Heute beherbergt es einen Gastwirtschaftsbetrieb. Zu bedauern ist dagegen der Verlust des mächtigen Kornhauses, das auf dem Thun-Panorama prominent dargestellt ist.  Das Kornhaus bot Platz für einen genügenden Vorrat an Korn für Zeiten von Lebensmittelmangel oder wenn die Stadt von feindlichen Mächten umzingelt war. 1891 wurde es niedergerissen. Der Waisenhausplatz unserer Tage ist zwar nicht mehr eine Grünfläche wie auf dem Rundbild. Vor geraumer Zeit mussten hier zahlreiche Parkplätze weichen, um den heutigen Strassenkaffees, die zu gemütlichem Verweilen einladen, Platz zu machen.

 


Bild: Schlossberg mit Burgtor und Helferei einst.


Bild: Helferei (links) heute.

Helferei auf dem Schlossberg auf dem Panoramaund Helferei heute
Das hier abgebildete Gebäude heisst «Helferei», weil im 18. und 19. Jahrhundert der sogenannte Pfarrhelfer hier sein Domizil hatte. Die ältesten Mauerteile des Gebäudes gehen auf das 13. Jahrhundert zurück. Im 16. Jahrhundert erhielt die Helferei das heutige Aussehen. 

Über dem Eingang findet sich ein Wappenstein mit dem Wappen des bernischen Schultheissen Ludwig von Mülinen. Leider wurden die beiden schmucken Turmhelme, die auf dem Panorama verewigt sind, im 19. Jahrhundert sang- und klanglos gekappt, was heute viele bedauern.



Bild: Schloss Thun mit dem vorgelagerten Neuen Schloss einst.


Bild: Blick zum Schlossberg heute.

Schlossberg auf dem Panorama und Schlossberg heute
Ein wunderschöner Anblick, den Touristen aus aller Welt geniessen: der Blick zum Thuner Schlossberg. Der Schlossberg ist die Urzelle der Thuner Stadtentwicklung, mit dem grossen Schloss, mit der Stadtkirche mit mächtigem Turm, mit einstigen Pfarrhäusern und ehemaligen Ritterhäusern. Das Schloss Thun wurde um 1190 von Herzog Berchtold V. von Zähringen erbaut und durch die Grafen von Kyburg vergrössert. Eindrücklich ist der grosse Rittersaal, in dem unter anderem traditionelle Schlosskonzerte stattfinden.

Seit 1888 findet sich im Schloss das Historische Museum. Im sogenannten Neuen Schloss, dem Schloss vorgelagert, residierte in der bernischen Zeit der damalige Schultheiss. Im Grossen und Ganzen konnte der Schlossberg sein Jahrhunderte altes Gepräge erhalten, sehr zur Freude der Thuner, aber auch der zahlreichen in- und ausländischen Touristen. Auch der Künstler Marquard Wocher wäre sicher diesbezüglich sehr erfreut.